Praktischer Idealismus

Richard Coudenhove-Kalergi
Praktischer Idealismus:
Adel, Technik, Pazifismus (1925)

VORWORT

Praktischer Idealismus ist Heroismus; praktischer Materialismus ist Eudämonismus. Wer nicht an Ideale glaubt, hat keinen Grund, ideal zu handeln; oder für Ideale zu kämpfen und zu leiden. Denn er kennt und anerkennt nur einen einzigen Wert: die Lust; nur ein einziges Übel: den Schmerz. Heroismus setzt glauben und Bekenntnis zum Ideal voraus: Die Überzeugung, dass es höhere Werte gibt als Lust und größere Übel als Schmerz. Dieser Gegensatz zieht sich durch die ganze Menschheitsgeschichte; es ist der Gegensatz von Epikuräern und Stoikern. Dieser Gegensatz ist viel tiefer als der zwischen Theisten und Atheisten: denn es gab Epikuräer, die an Götter glaubten, wie Epikur selbst; und es gab Idealisten, die Atheisten waren wie Buddha. Es handelt sich also hier nicht um den Glauben an Götter – sondern um den Glauben an Werte. Der Materialismus ist voraussetzungsloser – aber phantasieloser und unschöpferischer; der Idealismus ist immer problematisch und verstrickt sich oft in Unsinn und Wahnsinn: dennoch verdankt ihm die Menschheit ihre größten Werke und Taten.

Heroismus ist Aristokratie der Gesinnung. Heroismus ist mit dem aristokratischen Ideal ebenso verwandt, wie Materialismus mit dem demokratischen. Auch Demokratie glaubt mehr an die Zahlals an den Wert, mehr an Glück als an Größe. Darum kann politische Demokratie nur dann fruchtbar und schöpferisch werden, wenn sie die Pseudo-Aristokratie des Namens und des Goldes zertrümmert, um an deren Stelle eine neue Aristokratie des Geistes und der Gesinnung ewig neu zu gebären. Der letzte Sinn der politischen Demokratie also ist: geistige Aristokratie; sie will den Materialisten Genuß schaffen, den Idealisten Macht. Der Führer soll an die Stelle des Herrschers treten- der edle Sinn an die Stelle des edlen Namens – das reiche Herz an die Stelle der reichen Tasche. Das ist der Sinn der Entwicklung, die sich demokratisch nennt. Jeder andere Sinn wäre Kultur-Selbstmord. Darum ist es kein Zufall, daß Platon zugleichder Prophet der geistigenAristokratie und der sozialistischen Wirtschaft war; und zugleich der Vater der idealistischen Weltanschauung. Denn beide, Aristokratie und Sozialismus, sind: praktischer Idealismus. Der asketische Idealismus des Südens offenbarte sich als Religion; der heroische Idealismus des Nordens als Technik. Denn die Natur des Nordens war eine Herausforderung an den Menschen. Andere Völkerschaften unterwarfen sich; der Europäer nahm die Herausforderung an und kämpfte. Er kämpfte, bis er stark genug war, die Erde zu unterwerfen: er kämpfte, bis er die Natur selbst, die ihn herausgefordert hatte, in seine Dienste zwang. Dieser Kampf forderte Heroismus und zeugte Heroismus. So wurde für Europa der Held das, was der Heilige für Asien war; und die Heldenverehrung ergänzte die Heiligenverehrung. Das tätige Ideal trat an die Stelle des beschaulichen, und es galt als größer, für ein Ideal zu kämpfen, als zu leiden. Der Sinn dieser heroischen Weltmission hat Europa erst seit der Neuzeit ganz erfaßt; denn erst mit der Neuzeit beginnt sein technisches Zeitalter, sein Befreiungskrieg gegen den Winter. Dieses technische Zeitalter ist zugleich das Zeitalter der Arbeit. Der Arbeiter ist der Held unserer Zeit; sein Gegensatz ist nicht der Bürger – sondern der Schmarotzer. Ziel des Arbeiters ist – das Schaffen, des Schmarotzers – das Genießen. Darum ist die Technik neuzeitliches Heldentum und der Arbeider praktischer Idealist.

Das politische und soziale Problem des 20. Jahrhunderts ist: den technischen Fortschritt des 19. einzuholen. Diese Forderung der Zeit wird dadurch erschwert, daß die Entwicklung der Technik ohne Pause sich im rascheren Tempo weiter vollzieht als die Entwicklungdes Menschen und der Menschheit. Diese Gefahr kann entweder abgewendet werden, indem die Menschheit den technischen Fortschritt verlangsamt, oder indem sie den sozialen Fortschritt beschleunigt. Sonst verliert sie ihr Gleichgewicht und überschlägt sich. Der Weltkrieg war eine Warnung. So stellt Technik den Menschen vor die Alternative: Selbstmord oder Verständigung! Darum wird die Entwicklung der Welt in den kommenden Jahrzehnten ohne Beispiel sein. Das heutige Mißverhältnis von technischer und sozialer Organisation wird entweder zu vernichtenden Katastrophen führen – oder zu einem politischen Fortschritt, der an Raschheit und Gründlichkeit alle historischen Vorbilder hinter sich läßt und ein neues Blatt der Menschheitsgeschichte eröffnet. Da die Technik der menschlichen Stoßkraft und dem Heroismus neue Wege weist, beginnt der Krieg im Bewußtsein der Menschheit seine historische Rolle auszuspielen. Sein Erbe ist die Arbeit. Die Menschheit wird sich eines Tages organisieren, um gemeinsam der Erde alles abzuringen, was sie ihr heute noch vorenthält. Sobald diese Auffassung sich durchringt, wird jeder Krieg ein Bürgerkrieg sein und jeder Mord ein Mord. Das Zeitalter des Krieges wird dann ebenso barbarisch scheinen, wie heute das Zeitalter der Menschenfresserei. Diese Entwicklung wird kommen, wenn wir an sie glauben und für sie kämpfen; wenn wir weder so kurzsichtig sind, die großen Linien der Entwicklung aus den Augen zuverlieren – noch so weitsichtig, die praktischen Wegeund Hindernisse zu übersehen, die zwischen uns und unseren zielen liegen: wenn wir klarsichtig sind, und das klare wissen um die bevorstehenden Kämpfe und Schwierigkeiten verbinden mit dem heroischen Willen, sie zu überwinden. Nur dieser Optimismus des Wollens wird den Pessimismus der Erkenntnis ergänzen und besiegen. Statt in den Fesseln der unzeitgemäßen Gegenwart zu verharren und tatenlos von besseren Möglichkeiten zu träumen, wollen wir also tätigen Anteil nehmen an der Entwicklung der Welt durch praktischen Idealismus.

Wien, November 1925.

INHALT

ADEL

ERSTER TEIL: VOM RUSTIKALEN UND URBANEN MENSCHEN

1. LANDMENSCH – STADTMENSCH
2. JUNKER – LITERAT

Die Gegensätzlichkeit des Junkers und des Literaten ist darin begründet, daß diese beiden Typen Extreme, nicht Gipfelpunkte von Blut- und Geistesadel sind. Denn die höchste Erscheinungsform des Blutadels ist der Grand-seigneur, des Geistesadels der Genie. Diese beiden Aristokraten sind nicht nur vereinbar: sie sind verwandt. Cäsar, die Vollendung des Grand-seigneur, war der genialste Römer; Goethe, der Gipfel an Genialität, war von allen deutschen Dichtern am meisten Grand-seigneur. Hier wie überallentfernen sich die Mittelstufen am stärksten, während die Gipfel sich berühren. Der vollendete Aristokrat ist zugleich Aristokratdes Willens und des Geistes, aber weder Junker noch Literat. Er verbindet Weitblick mit Willensstärke. Urteilskraft mit Tatkraft, Geist mit Charakter. Fehlen solche synthetische Persönlichkeiten, so sollten die divergierenden Aristokraten des Willens und des Geistes einander ergänzen, statt bekämpfen. In Ägypten, Indien, Chaldäa herrschten einst Priester und Könige (Intellektuelle und Krieger) gemeinsam. Die Priester beugten sich vor der Kraft des Willens, die Könige vor der Kraft des Geistes: Hirne wiesen die Ziele, Arme bahnten die Wege.

3. GENTLEMAN – BOHÉMIEN
4. INZUCHT – KREUZUNG

Meist ist der Rustikalmensch Inzuchtprodukt, der Urbanmensch Mischling. Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich aus der gleichen, dünnbevölkerten Gegend; des Adeligen aus derselben dünnen Oberschicht. In beiden Fällen sind die Vorfahren untereinander blutsverwandt und daher meist physisch, psychisch, geistig einander ähnlich. Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen Züge, Willenstendenzen, Leidenschaften, Vorurteile, Hemmungen in gesteigertem Grade auf ihre Kinder und Nachkommen. Die Wesenszüge, die sich aus dieser Inzucht ergeben, sind: Treue, Pietät, Familiensinn, Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn, Energie, Beschränktheit; Macht der Vorurteile, Mangel an Objektivität, Enge des Horizontes. Hier ist eine Generation nicht Variation der vorhergehenden, sondern einfach deren Wiederholung: an die Stelle von Entwicklung tritt Erhaltung. In der Großstadt begegnen sich Völker Rassen, Stände. In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben sich die entgegengesetzten Charaktereigenschaften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist, daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungslosigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosigkeit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite des Horizontes verbinden. Mischlinge unterscheiden sich stets von ihren Eltern und Voreltern; jede Generation ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im Sinne der Evolution oder der Degeneration. Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch – der Mischling Mehrseelenmensch. In jedem Individuum leben seine Ahnen fort als Elemente seiner Seele: gleichen sie einander, so ist sie einheitlich, einförmig; streben sie auseinander, so ist der Mensch vielfältig, kompliziert, differenziert. Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das ist in seiner Fähigkeit, alles zu erfassen und zu umfassen; die Größe eines Charakters liegt in seiner Intensität, das ist in seiner Fähigkeit, stark, konzentriert und beständig zu wollen. So sind, in gewissem Sinne, Weisheit und Tatkraft Widersprüche. Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines Menschen, die Dinge als Weiser von allen Seiten zu sehen und sich vorurteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen – desto schwächer ist meist sein Willensimpuls, nach einer bestimmten Richtung hin unbedenklich zu handeln: denn jedem Motiv stellen sich Gegenmotive entgegen, jedem Glauben Skepsis, jeder Tat die Einsicht in ihre kosmische Redeutungslosigkeit. Tatkräftig kann nurder beschränkte, der einseitige Mensch sein. Es gibt aber nicht bloß eine unbewußte, naive: es gibt auch eine bewußte, heroische Beschränktheit. Der heroische beschränkte – und zu diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tatmenschen – schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens aus, bis auf die eine, die seine Tat bestimmt. Objektiv, kritisch, skeptisch, überlegen kann er vor oder nach seiner Tat sein: während der Tat ist er subjektiv, gläubig, einseitig, ungerecht. Weisheit hemmt Tatkraft – Tatkraft verleugnet Weisheit. Der stärkste Wille ist wirkungslos, wenn er richtungslos ist; auch ein schwacher Wille löst stärkste Wirkung aus, wenn er einseitig ist. Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum, Schuld: wer sich scheut, dieses Odium zu tragen, der bleibe im Reiche des Gedankens, der Beschaulichkeit, der Passivität. – Wahrhafte Menschen sind immer schweigsam: denn jede Behauptung ist, in gewissem Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv: denn jede Tat ist, in gewissem Sinne, Unrecht. Tapferer aber ist es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu handeln, auf die Gefahr hin, Unrecht zu tun. Inzucht stärkt den Charakter, schwächt den Geist – Kreuzung schwächt den Charakter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreuzung unter glücklichen Auspizien zusammentreffen, zeugen sie den höchsten Menschentypus der stärksten Charakter mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter unglücklichen Auspizien Inzucht und Mischung sich begegnen, schaffen sie Degenerationstypen mit schwachem Charakter, stumpfem Geist.

5. HEIDNISCHE UND CHRISTLICHE MENTALITÄT

Zwei Seelenformen ringen um Weltherrschaft: Heidentum und Christentum. Mit den Konfessionen, die diese Namen tragen, haben jene Seelenformen nur sehr äusserliche Beziehungen. Wird der Schwerpunkt vom Dogmatischen ins Ethische, vom Mythologischen ins Psychologische verlegt, so wandelt sich Buddhismus in Ultra-Christentum, während Ämerikanismus als modernisiertes Heidentum erscheint. Der Orient ist Hauptträger christlicher, der Okzident Hauptträger heidnischer Mentalität: die “heidnischen” Chinesen sind bessere Christen als die “christlichen” Germanen. Heidentum stellt Tatkraft, Christentum Liebe an die Spitze der ethischen Wertskala. Christliches Ideal ist der liebende Heilige, heidnisches Ideal der siegende Held. Christentum will den homo ferus in einen homo clomesticus wandeln, das Raubtier Mensch in das Haustier Mensch während Heidentum den Menschen zum Übermenschen umschaffen will. Christentum will Tiger zu Katzen zähmen – Heidentum Katzen zu Tigern steigern. Hauptverkünder modernen Christentums war Tolstoi; Hauptverkünder modernen Heidentums Nietzsche. Die germanische Edda-Religion war reinstes Heidentum. Unter christlicher Maske lebte sie fort: im Mittelalter als ritterliche, in der Neuzeit als imperialistische und militaristische Weltanschauung. Offiziere, Junker, Kolonisatoren. Industriekapitäne sind die führenden Repräsentanten modernen Heidentums. Tatkraft, Tapferkeit, Größe, Freiheit, Macht, Ruhm und Ehre: das sind die Ideale des Heidentums; während Liebe, Milde, Demut, Mitleid und Selbstverleugnung christliche Ideale sind.

Die Antithese: Heidentum-Christentum deckt sich weder mit der Antithese: Rustikalmensch-Urbanmensch, noch mit: Inzucht-Kreuzung. Zweifellos aber begünstigen Rustikalbarbarei und Inzucht die Entwicklung heidnischer Urbanzivilisation und Mischung die Entwicklung christlicher Mentalität. Allgemeingültiger heidnischer Individualismus ist nur in dünnbevölkerten Erdstrichen möglich, wo der Einzelne sich behaupten und rücksichtslos entfalten kann, ohne gleich in Gegensatz zu seinen Mitmenschen zu geraten. In übervölkerten Gegenden, wo Mensch an Mensch stößt, muss das sozialistische Prinzip gegenseitiger Unterstützung das individualistische Prinzip des Daseinskampfes ergänzen und, zum Teil, verdrängen. Christentum und Sozialismus sind internationale Großstadtprodukte. Das Christentum nahm als Weltreligion seinen Ausgang von der rasselosen Weltstadt Rom; der Sozialismus von den national gemischten Industriestädten des Abendlandes. Beide Äußerungen christlicher Mentalität sind auf Internationalismus aufgebaut. Der Widerstand gegen das Christentum ging von der Landbevölkerung aus (pagani); so wie es auch heute das Landvolk ist, das der Verwirklichung sozialistischer Lebensform den stärksten Widerstand entgegenstellt. Immer waren dünnbevölkerte, nördliche Gegenden Zentren heidnischen Wollens, dicht bevölkerte südliche Gegenden Brutstätten christlichen Fühlens. Wo heute vom Gegensatz östlichen und westlichen Seelenlebens die Rede ist, wird meistens darunter nichts verstanden als jener Gegensatz zwischen Menschen des Südens und des Nordens. Der Japaner, als nördlichster Kulturorientale, nähert sich vielfach dem Okzidentalen; während die Mentalität des Süditalieners und Südamerikaners orientalisch ist. Für die Zustände der Seele scheint der Breitegrad entscheidender zu sein als der Längengrad. Nicht nur die geographische Lage: auch die historische Entwicklung wirkt bestimmend auf die Seelenform eines Volkes. Das chinesische wie das jüdische Volk empfinden deshalb christlicher als das germanische, weil ihre Kulturvergangenheit älter ist. Der Germane steht zeitlich dem Wilden näher als der Chinese oder Jude; diese beiden alten Kulturvölker konnten sich gründlicher von der heidnisch-natürlichen Lebensauffassung emanzipieren, weil sie mindestens drei Jahrtausende länger dazu Zeit hatten. – Heidentum ist ein Symptom kultureller Jugend, Christentum ein Symptom kulturellen Alters. Drei Völker: Griechen, Römer, Juden haben jedes auf seine Weise, die antike Kulturwelt erobert. Erst das ästhetisch-philosophische Volk der Griechen: im Hellenismus; dann das praktischpolitische Volk der Römer: im Imperium Romanum; schließlich das ethisch-religiöse Volk der Juden: im Christentum.

Das Christentum, ethisch von jüdischen Essenern (Johannes), geistig von jüdischen Alexandrinern (Philo) vorbereitet, war regeneriertes Judentum. Soweit Europa christlich ist, ist es (im ethisch-geistigen Sinne) jüdisch; soweit Europa moralisch ist, ist es jüdisch. Fast die ganze europäische Ethik wurzelt im Judentum. Alle Vorkämpfer einer religiösen oder irreligiösen christlichen Moral, von Augustinus bis Rousseau, Kant und Tolstoi, waren Wahljuden im geistigen Sinne; Nietzsche ist der einzige nicht-jüdische, der einzige heidnische Ethiker Europas. Die prominentesten und überzeugtesten Vertreter christlicher Ideen, die in ihrer modernen Wiedergeburt Pazifismus und Sozialismus heißen, sind Juden. Im Osten ist das chinesische Volk das ethische par Excellence (im Gegensatz zu den ästhetischheroischen Japanern und den religiös-spekulativen Indern) – im Westen das jüdische. Gott war Staatsoberhaupt der alten Juden, ihr Sittengesetz bürgerliches Gesetzbuch, Sünde war Verbrechen. Der theokratischen Idee der Identifikation von Politik und Ethik ist das Judentum im Wandel der Jahrtausende treu geblieben: Christentum und Sozialismus sind beides Versuche, ein Gottesreich zu errichten. Vor zwei Jahrtausenden waren die Urchristen, nicht die Pharisäer und Sadduzäer Erben und Erneuerer mosaischer Tradition; heute sind es weder die Zionisten noch die Christen, sondern die jüdischen Führer des Sozialismus: denn auch sie wollen, mit höchster Selbstverleugnung die Erbsünde des Kapitalismus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und Knechtschaft erlösen und die entsühnte Welt in ein irdisches Paradies wandeln. Diesen jüdischen Propheten der Gegenwart, die eine neue Weltepoche vorbereiten, ist in allem das Ethische Primär: in Politik, Religion, Philosophie und Kunst. Von Moses bis Weininger war Ethik Hauptproblem jüdischer Philosophie. In dieser ethischen Grundeinstellung zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen Größe des jüdischen Volkes – zugleich aber die Gefahr, daß Juden, die ihren Glauben an die Ethik verlieren, zu zynischen Egoisten herabsinken: während Menschen anderer Mentalität auch nach Verlust ihrer ethischen Einstellung noch eine Fülle ritterlicher Werte und Vorurteile (Ehrenmann, Gentleman, Kavalier usw.) übrigbehalten, die sie vor dem Sturz in das Werte-Chaos schützen. Was die Juden von den Durchschnitts-Städtern hauptsächlich scheidet, ist, daß sie Inzuchtmenschen sind. Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe prädestiniert den Juden in seinen hervorragendsten Exemplaren zum Führer urbaner Menschheit, zum falschen wie zum echten Geistesaristokraten, zum Protagonisten des Kapitalismus wie der Revolution.

ZWEITER TEIL: KRISE DES ADELS

6. GEISTESHERRSCHAFT STATT SCHWERTHERRSCHAFT
7 . ADELSDÄMMERUNG

Demokratie entstand aus Verlegenheit: nicht deshalb, weil die Menschen keinen Adel wollten, sondern deshalb, weil sie keinen Adel fanden. Sobald sich ein neuer, echter Adel konstituiert, wird Demokratie von selbst verschwinden.

8. PLUTOKRATIE

Bei dem Tiefstand des Blut- und Geistesadels war es nicht zu verwundern, daß eine dritte Menschenklasse provisorisch die Macht an sich riß: die Plutokratie. Die Verfassungsform, die Feudalismus und Absolutismus ablöste, war demokratisch; die Herrschaftsform plutokratisch. Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maßgebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist. Als es noch wahren Blutadel gab, war das System der Geburtsaristokratie gerechter als heute das der Geldaristokratie: denn damals hatte die herrschende Kaste Verantwortungsgefühl, Kultur, Tradition während die Klasse, die heute herrscht, alles Verantwortungsgefühles, aller Kultur und Tradition bar ist. Vereinzelte Ausnahmen ändern nichts an dieser Tatsache. Während die Weltanschauung des Feudalismus heroisch-religiös war, kennt die plutokratische Gesellschaft keine höheren Werte als Geld und Wohlleben: die Geltung eines Menschen wird taxiert nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er ist. Dennoch bilden die Führer der Plutokratie in gewissem Sinne eine Aristokratie, eine Auslese: denn zur Erraffung großer Vermögen sind eine Reihe hervorragender Eigenschaften nötig: Tatkraft, Umsicht, Klugheit, Besonnenheit, Geistesgegenwart, Initiative, Verwegenheit und Großzügigkeit. Durch diese Vorzüge legitimieren sich die erfolgreichen Großunternehmer als moderne Eroberernaturen, deren überlegene Willens- und Geisteskraft ihnen über die Masse minderwertiger Konkurrenten den Sieg brachte. Diese Überlegenheit der Plutokraten gilt jedoch nur innerhalb der erwerbenden Menschenklasse – sie verschwindet sofort, wenn jene hervorragenden Geldverdiener gemessen werden an den hervorragenden Vertretern idealer Berufe. Es ist also gerecht, daß ein tüchtiger Industrieller oder Kaufmann materiell und sozial höher aufsteigt als seine untüchtigen Kollegen – ungerecht aber ist es, dass eine gesellschaftliche Macht und Geltung höher ist als die eines Künstlers, Gelehrten, Politikers, Schriftstellers, Lehrers, Richters, Arztes, der in seinem Berufe ebenso fähig ist wie jener, dessen Fähigkeiten jedoch idealeren und sozialeren Zielen dienen: daß also das gegenwärtige Gesellschaftssystem die egoistisch-materialistische Mentalität prämiert gegenüber einer altruistisch-idealen. In dieser Bevorzugung egoistischer Tüchtigkeit gegenüber altruistischer, materialistischer gegenüber idealistischer liegt das Grundübel der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur; während die wahren Aristokraten des Geistes und Herzens: die Weisen und die Gütigen, in Armut und Ohnmacht leben, usurpieren egoistische Gewaltmenschen die Führerstellung, zu der jene berufen wären. So ist Plutokratie in energetischer und intellektueller Hinsicht Aristokratie – in ethischer und geistiger Beziehung Pseudo-Aristokratie; innerhalb der Erwerbsklassen Aristokratie – an idealeren Berufen gemessen Pseudo-Aristokratie. Wie die Aristokratie des Blutes und des Geistes, so befindet sich auch die des Geldes gegenwärtig in einer Verfallsperiode. Die Söhne und Enkel jener großen Unternehmer, deren Wille, durch Not und Arbeit gestählt, sie aus dem Nichts zur Macht emporgeführt hatte, erschlaffen zumeist in Wohlleben und Untätigkeit. Nur selten vererbt sich die väterliche Tüchtigkeit oder sublimiert sich zu geistigerem und idealerem Schaffen. Den Plutokratengeschlechtern fehlt jene Tradition und Weltanschauung, jener konservativ-rustikale Geist, der einst die Adelsgeschlechter jahrhundertelang vor Entartung bewahrt hatte. Schwächliche Epigonen übernehmen das Machterbe ihrer Väter ohne die Gaben des Willens und Verstandes, durch die es errafft worden war. Macht und Tüchtigkeit geraten in Widerspruch: und unterhöhlen so die innere Berechtigung des Kapitalismus. Die historische Entwicklung hat diesen natürlichen Verfall beschleunigt. Durch die Hochkonjunktur des Krieges emporgetragen beginnt eine neue Schieber-Plutokratie die alte Unternehmer-Plutokratie zu zersetzen und zu verdrängen. Während mit der Bereicherung des Unternehmers der Volkswohlstand wächst, sinkt er mit der Bereicherung des Schiebers. Die Unternehmer sind Führer der Wirtschaft – die Schieber deren Parasiten: Unternehmertum ist produktiver – Schiebertum unproduktiver Kapitalismus. Die gegenwärtige Hochkonjunktur erleichtert skrupellosen, hemmungslosen und gewissenlosen Menschen den Gelderwerb. Für Spekulations- und Schiebergewinne sind Glück und Rücksichtslosigkeit unentbehrlicher als hervorragende Willens- und Verstandesgaben. So repräsentiert die moderne Schieber-Plutokratie eher eine Kakistokratie des Charakters als eine Aristokratie der Tüchtigkeit. Durch die zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Unternehmertum und Schiebertum wird der Kapitalismus vor dem Forum des Geistes und der Öffentlichkeit kompromittiert und herabgezogen. Keine Aristokratie kann sich ohne moralische Autorität dauernd behaupten. Sobald die herrschende Klasse aufhört, Symbol ethischer und ästhetischer Werte zu sein, wird ihr Sturz unaufhaltsam. Die Plutokratie ist, an anderen Aristokratien gemessen, arm an ästhetischen Werten. Sie erfüllt die politischen Funktionen einer Aristokratie, ohne die Kulturwerte eines Adels zu bieten. Reichtum ist aber nur im Kleide der Schönheit erträglich, nur als träger einer ästhetischen Kultur gerechtfertigt. Indessen hüllt sich die neue Plutokratie in öde Geschmacklosigkeit und aufdringliche Häßlichkeit: ihr Reichtum wird unfruchtbar und abstoßend. Die europäische Plutokratie vernachlässigt im Gegensatz zur amerikanischen- ihre ethische Mission ebensosehr wie ihre ästhetische: soziale Wohltäter großen Stiles sind ebenso spärlich wie Mäzene. Statt ihren Daseinszweck im Sozialen Kapitalismus zu erblicken, in der Zusammenfassung des zersplitterten Volksvermögens zu großzügigen Werken schöpferischer Humanität – fühlen sich die Plutokraten in ihrer erdrüchenden Mehrheit berechtigt, ihr Wohlleben verantwortungslos auf Massenelend aufzubauen. Statt Treuhändler der Menschheit sind sie Ausbeuter, statt Führer Irreführer. Durch diesen Mangel an ästhetischer und ethischer Kultur zieht sich die Plutokratie nicht nur den Haß, sondern auch die Verachtung der öffentlichen Meinung und ihrer geistigen Führer zu: da sie es nicht verstand, Adel zu werden, muß sie fallen.

9. BLUTADEL UND ZUKUNFTSADEL

Adel beruht auf körperlicher, seelischer, geistiger Schönheit;

10. JUDENTUM UND ZUKUNFTSADEL

Nicht: das Judentum ist der neue Adel; sondern: das Judentum ist der Schoß, aus dem ein neuer, geistiger Adel Europas hervorgeht; der Kern, um den sich ein neuer, geistiger Adel gruppiert. Eine geistig-urbane Herrenrasse ist in Bildung: Idealisten, geistvoll und feinnervig, gerecht und überzeugungstreu, tapfer wie der Feudaladel in seinen besten Tagen, die Tod und Verfolgung, Haß und Verachtung freudig auf sich nehmen, um die Menschheit sittlicher, geistiger, glücklicher zu machen.

AUSBLICK

Der Adelsmensch der Zukunft wird weder feudal noch jüdisch, weder bürgerlich noch proletarisch: er wird synthetisch sein. Die Rassen und Klassen im heutigen Sinne werden verschwinden, die Persönlichkeiten bleiben. Erst durch Verbindung mit bestem Bürgerblut werden die entwicklungsfähigen Elemente einstigen Feudaladels sich zu neuer Blüte emporringen; erst durch Vereinigung mit den Gipfeln nichtjüdischen Europäertums wird das jüdische Element des Zukunftsadel zur vollen Entfaltung gelangen. Den auserwählten Menschen der Zukunft mag ein physisch hochgezüchteter Rustikaladel vollendete Körper und Gesten, ein geistig hochgebildeter Urbanadel vergeistigte Physiognomien, durchseelte Augen und Hände schenken. Der Adel der Vergangenheit war aufgebaut auf Quantität: der feudale auf die Zahl der Ahnen; der plutokratische auf die Zahl der Millionen. Der Adel der Zukunft wird auf Qualität beruhen: auf persönlichem Wert, persönlicher Vollkommenheit; auf Vollendung des Leibes, der Seele, des Geistes. Heute, an der Schwelle eines neuen Zeitalters, tritt an die Stelle des einstigen Erbadels ein Zufallsadel; statt Adelsrassen adelige Individuen: Menschen, deren zufällige Blutzusammensetzung sie zu vorbildlichen Typen erhebt. Aus diesem Zufallsadel von heute wird die neue internationale und intersoziale Adelsrasse von morgen hervorgehen. Alles Hervorragende an Schönheit, Kraft, Energie und Geist wird sich erkennen und zusammenschließen nach den geheimen Gesetzen erotischer Attraktion. Sind erst einmal die künstlichen Schranken gefallen, die Feudalismus und Kapitalismus zwischen den Menschen errichtet haben – dann werden automatisch den bedeutendsten Männern die schönsten Frauen zufallen, den hervorragendsten Frauen die vollendesten Männer. Je vollkommener dann im Physischen, Psychischen, Geistigen ein Mann sein wird – desto größerdie Zahl der Frauen, unter denen er wird wählen können. Nur den edelsten Männern wird die Verbindung mit den edelsten Frauen freistehen und umgekehrt – die Minderwertigen werden sich mit den Minderwertigen zufrieden geben müssen. Dann wird die erotische Lebensform der Minderwertigen und Mittelmäßigen Freie Liebe sein, der Auserwählten: Freie Ehe. So wird der neue Zuchtadel der Zukunft nicht hervorgehen aus den künstlichen Normen menschlicher Kastenbildung, sondern aus den göttlichen Gesetzen erotischer Eugenik. Die natürliche Rangordnung menschlicher Vollkommenheit wird an die Stelle der künstlichen Rangordnung: des Feudalismus und Kapitalismus treten. Der Sozialismus, der mit der Abschaffung des Adels, mit der Nivellierung der Menschheit begann, wird in der Züchtung des Adels, in der Differenzierung der Menschheit gipfeln. Hier, in der sozialen Eugenik, liegt seine höchste historische Mission, die er heute noch nicht erkennt: aus ungerechter Ungleichheit über Gleichheit zu gerechter Ungleichheit zu führen, über die Trümmer aller Pseudo-Aristokratie zu echtem, neuem Adel.

APOLOGIE DER TECHNIK
Motto: Ethik ist die Seele unserer Kultur – Technik ihr Leib: mens sana in corpore sanol

I. DAS VERLORENE PARADIES

1. DER FLUCH DER KULTUR
2. ENTFALTUNG UND FREIHEIT
3. ÜBERVÖLKERUNG UND NORDWANDERUNG
4. GESELLSCHAFT UND KLIMA
5. BEFREIUNGSVERSUCHE DER MENSCHHEIT

II. ETHIK UND TECHNIK

1. DIE SOZIALE FRAGE
2. UNZULÄNGLICHKEIT DER POLITIK
3. STAAT UND ARBEIT
4. ANARCHIE UND MUSSE

Staat und Arbeit geben beide vor, Ideale zu sein; sie verlangen von ihren Opfern Ehrfurcht und Liebe. Sie sind aber keine Ideale: sie sind schwer zu ertragende soziale und klimatische Notwendigkeiten. Seit es Staaten gibt, träumt die Sehnsucht des Menschen von Anarchie, vom idealen Zustande der Staatslosigkeit – seit es Arbeit gibt, träumt die Sehnsuchtdes Menschen von Muße, vom Idealzustand der freien Zeit. Anarchie und Muße sind Ideale – nicht Staat und Arbeit. Anarchie ist in einer dichtbevölkerten Gesellschaft, die nicht auf hoher ethischer Stufe steht, undurchführbar. Ihre Verwirklichung müßte den letzten Rest an Freiheit und Lebensmöglichkeit, den der Staat seinen Bürgern reserviert, vernichten. In der allgemeinen Panik kollidierender Egoismen würden die Menschen einander erdrücken. Statt zur Freiheit müßte Anarchie zur ärgsten Unfreiheit führen. Bei allgemeiner Muße müßten in einem nördlichen Weltteil innerhalb Monate die Mehrzahl der Menschen verhungern oder erfrieren. Not und Elend würden ihren Gipfel erreichen. – Einsiedler-Anarchien herrschen in Wüsten und Schneefeldern unter Eskimos und Beduinen; Muße herrscht in dünnbevölkerten und fruchtbaren Südländern.

5. ÜBERWINDUNG VON STAAT UND ARBEIT

Zwangsstaat und Zwangsarbeit, die beiden Beschützer und Zwingherrn des Kulturmenschen, können durch keine politische Revolution beseitigt werden; nur durch Ethik und Technik. Bevor nicht Ethik den Zwangsstaat überwunden hat, bedeutet Anarchie allgemeinen Mord und Raub – bevor nicht Technik die Zwangsarbeit überwunden hat, bedeutet Muße allgemeinen Hunger- und Kältetod. Nur durch Ethik kann sich der Bewohner übervölkerter Länder aus der Tyrannei der Gesellschaft erlösen, nur durch Technik kann sich der Bewohner kälterer Zonen aus der Tyrannei der Naturgewalten erlösen. Die Mission des Staates ist, durch Förderung der Ethik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich zur Anarchie zu führen – die Mission der Arbeit ist, durch Förderung der Technik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich zur Muße zu führen. Nicht die freiwillige Menschengemeinschaft ist Fluch – sondern nur der Zwangsstaat; nicht die freiwillige Arbeit ist Fluch – sondern nur die Zwangsarbeit. Nicht Zügellosigkeit ist Ideal sondern Freiheit: nicht Müßiggang ist Ideal – sondern Muße. Zwangsstaat und Zwangsarbeit sind Dinge, die überwunden werden müssen: aber sie können nicht überwunden werden durch Anarchie und Muße, bevor nicht Ethik und Technik ausgereift sind; um dahin zu gelangen, muß der Mensch den Zwangsstaat ausbauen, um die Ethik zu fördern – die Zwangsarbeit ausbauen, um die Technik zu fördern. Der Weg zur ethischen Anarchie führt über Staatszwang, der Weg zu technischen Muße führt über Arbeitszwang. Die Kurve der Kulturspirale, die aus dem Paradiese der Vergangenheit in das Paradies der Zukunft führt, nimmt folgenden Doppellauf: Naturanarchie – Übervölkerung – Zwangsstaat- Ethik – Kulturanarchie; Naturmuße – Nordwanderung – Zwangsarbeit – Technik – Kulturmuße. Wir befinden uns heute in der Mitte dieser Kurven, von beiden Paradiesen weit entfernt: daher unser Elend. Der moderne Durchschnittseuropäer ist nicht mehr Naturmensch – aber noch nicht Kulturmensch; nicht mehr Tier – aber noch nicht Mensch; nicht mehr Teil der Natur – aber noch nicht Herr der Natur.

6. ETHIK UND TECHNIK

III. ASIEN UND EUROPA

1. ASIEN UND EUROPA
2. KULTUR UND KLIMA
3. DIE DREI RELIGIONEN
4. HARMONIE UND KRAFT

IV. EUROPAS TECHNISCHE WELTMISSION

1. DER EUROPAISCHE GEIST
2. HELLAS ALS VOR – EUROPA
3. DIE TECHNISCHEN GRUNDLAGEN EUROPAS
4. TECHNISCHE WELTWENDE
5. EUROPA ALS KULTURTANGENTE
6. LIONARDO UND BACON

V. JAGD – KRIEG – ARBEIT

1. MACHT UND FREIHEIT
2. JAGD
3. KRIEG
4. ARBEIT
5. DER KRIEG ALS ANACHITONISMUS
6. TECHNIK

VI. DER FELDZUG DER TECHNIK

1. EUROPAS MASSEELEND
2. KOLONIALPOLITIK
3. SOZIALPOLITIK
4. TECHNISCHE WELTREVOLUTION
5. DIE ARMEE DER TECHNIK
6. DER ELEKTRISCHE SIEG
7. DER ERFINDER ALS ERLÖSER

In unserer europäischen Geschichtsepoche ist der Erfinder ein größerer Wohltäter der Menschheit als der Heilige. Der Erfinder des Automobils hat mehr Gutes für die Pferde getan und ihnen mehr Leiden erspart als sämtliche Tierschutzvereine der Welt.

VII. ENDZIEL DER TECHNIK

1. KULTUR UND SKLAVEREI
2. DIE MASCHINE
3. ABBAU DER GROßSTADT

Neben diesen beiden Aufgaben: Linderung der Not durch Steigerung der Produktion und Abbau der Sklaverei durch Minderung und Individualisierung der Arbeit – hat die Maschine noch eine dritte Kulturmission: die Auflösung der modernen Großstadt und die Zurückführung des Menschen in die Natur. – Der Ursprung der modernen Großstadt fällt ineine Zeit, da das Pferd das schnellste Verkehrsmittel war und es noch keine Telephone gab. Damals war es notwendig, daß die Menschen in nächster Nähe ihrer Arbeitsstätten und infolgedessen auf einen engen Raum zusammengepfercht lebten. Die Technik hat diese Voraussetzungen geändert […]

4. DAS KULTURPARADIES DES MIILLIONÄRS

Es ist das Kulturziel der Technik einst allen Menschen die Lebensmöglichkeiten zu bieten, über die heute jene Millionäre verfügen. Deshalb kämpft die Technik gegen die Not – nicht gegen den Reichtum; gegen Knechtschaft – nicht gegen Herrschaft. Ihr Ziel ist Verallgemeinerung des Reichtums, der Macht, der Muße, der Schönheit und des Glückes: nicht Proletarisierung, sondern Aristokratisierung der Menschheit.

VIII. DER GEIST DES TECHNISCHEN ZEITALTERS

1. HEROISCHER PAZIFISMUS
2. DER GEIST DER TRÄGHEIT
3. SCHÖNHEIT UND TECHNIK
4. EMANZIPATION
5. CHRISTENTUM UND RITTERTUM

Wer unter Kultur Harmonie mit der Natur versteht, muß unsere Epoche barbarisch nennen – wer unter Kultur Auseinandersetzung mit der Natur versteht, muß die spezifische, männlicheuropäische Form unserer Kultur würdigen. Der christlich-orientalische Ursprung der europäischen Ethik ließ sie den ethischen Wert des technischen Fortschrittes verkennen; erst unter der Perspektive Nietzsches erscheint das heroisch-asketische Ringen des technischen Zeitalters um Erlösung durch Geist und Tatkraft als gut und edel. Die Tugenden des technischen Zeitalters sind vor allem: Tatkraft, Ausdauer, Tapferkeit, Entsagung, Selbstbeherrschung und Solidarität. Diese Eigenschaften stählen die Seele zum unblutigen, harten Kampf der sozialen Arbeit. – Die Ethik der Arbeit knüpft an die ritterliche Ethik des Kampfes an: beide sind männlich, beide nordisch. Nur wird sich diese Ethik den neuen Verhältnissen anpassen und an die Stelle der überlebten Ritterehre eine neue Arbeitsehre setzen. Der neue Ehrbegriff wird auf Arbeit beruhen – die neue Schande auf Faulheit. Der faule Mensch wird als Deserteur der Arbeitsfront betrachtet und verachtet werden. Die Objekte der neuen Heldenverehrung werden Erfinder sein, statt Feldherrn: Werte-Schöpfer statt Werte-Zerstörer. Aus der christlichen Moral wird die Ethik der Arbeit den Geist des Pazifismus und des Sozialismus übernehmen: weil nur der Friede für die technische Entwicklung produktiv – der Krieg destruktiv ist, und weil nur der soziale Geist der Zusammenarbeit aller Schaffenden zum technischen Siege über die Natur führen kann.

6. DIE BUDDHISTISCHE GEFAHR

Der Buddhismus ist eine wunderbare Krönung reifer Kulturen – seine Weltanschauung taugt für das Alter, für den Herbst – wie die Religion Nietzsches für Jugend und Frühling – der Glaube Goethes für die Blüte des Sommers. – Der Buddhismus würde die Technik ersticken – und mit ihr den Geist Europas. – Europa soll seiner Mission treu bleiben und nie die Wurzeln seines Wesens verleugnen: Heroismus und Rationalismus, germanischen Willen und hellenischen Geist. Denn das Wunder Europa entstand erst aus der Vermählung dieser beiden Elemente. Der blinde Tatendrang der nordischen Barbaren wurde sehend und fruchtbar durch die Berührung mit der mittelländischen Geisteskultur: so wurden aus Kriegern Denker, aus Helden Erfinder.

IX. STINNES UND KRASSIN

1. WIRTSCHAFTS STAATEN
2. DAS RUSSISCHE FIASKO
3. KAPITALISTISCHE UND KOMMUNISTISCHE PRODUKTION
4. SÖLDNER UND SOLDATEN DER ARBEIT
5. SOZIALER KAPITALISMUS- LIBERALER KOMMUNISMUS
6. TRUST UND GEWERKSCHAFTEN

X. VOM ARBEITSSTAAT ZUM KULTURSTAAT

1. KINDERKULT

Die jetzige Menschheit steht im Dienste der kommenden; wir säen, auf daß andere ernten; unsere Zeit arbeitet, forscht und ringt – damit einekünftige Welt in Schönheit erstehen kann. So tritt an die Stelle des östlichen Ahnen-Kultes ein westlicher Kinder-Kult. Er blüht im kapitalistischen wie im kommunistischen Arbeitsstaate: in Amerika wie in Rußland. Die Welt kniet vor dem Kinde als Idol, als Versprechen einer schöneren Zukunft. Es ist zum Dogma geworden, bei aller Wohltätigkeit zuerst des Kindes zu gedenken. Im kapitalistischen Westen arbeiten sich die Väter zu Tode, um ihren Kindern reichere Lebensmöglichkeiten zu hinterlassen – im kommunistischen Osten lebt und stirbt eine ganze Generation im Elend, um ihren Nachkommen eine glücklichere und gerechtere Zukunft zusichern. Die Pietät des europäischen Zeitalters ist nach vorwärts gerichtet. Der westliche Kinder-Kult wurzelt im Entwicklungsglauben. Der Europäer sieht im späteren das bessere, höherentwickelte; er glaubt, daß seine Enkel der Freiheit würdiger sein werden als er und seine Zeitgenossen: er glaubt, daß die Welt vorwärtsgeht. Während der Orientale die Gegenwart schwebend sieht, im Gleichgewicht zwischen der Vergangenheit und der Zukunft – erscheint sie dem Europäer als rollende Kugel, die sich immer schneller von ihrer Vergangenheit loslöst, um einer unbekannten Zukunft zuzueilen. Der Orientale steht jenseits der Zeit; der Europäer geht mit der Zeit: er stößt die Vergangenheit ab und umarmt seine Zukunft. Seine Geschichte ist eine stete Abrechnung mit der Vergangenheit und ein Drängen nach Zukunft. Weil er das Vorwärtsschreiten der Zeit miterlebt, bedeutet Stillstand für ihn Rückschritt. Er lebtin der heraklitischen Welt des Werdens – der Orientalien der parmenidischen Welt des Seins. Infolge dieser Einstellung ist unser Zeitalter nur aus der Perspektive des kommenden zu werten. Es ist eine Zeit der Vorbereitung und des Kampfes, der Unreife und des Überganges. Wir sind ein junges Geschlecht, das über die Brücke zweier Welten schreitet und am Beginn eines unbetretenen Kulturkreises steht: so erleben wir unser stärkstes Gefühl im Vorwärtsdringen, im Wachsen und Kämpfen – nicht im friedlichen Genuß orientalischer Reife. Nicht Lust ist unser Ziel – sondern Freiheit; nicht Beschaulichkeit ist unser Weg sondern Tat.

2. ARBEITSPFLICHT
3. PRODUZENTEN- UND KONSUMENTENSTAAT

Der Produzent lebt von der Not des Konsumenten: die Getreideproduzenten leben davon, daß Menschen hungern; die Kohlenproduzenten leben davon, daß Menschen frieren. Sie haben ein Interesse daran, Hunger und Frost zu verewigen. Das Getreidekapital wäre entschlossen, die Erfindung eines Brotersatzes – das Kohlenkapital, die Erfindung eines Kohlenersatzes zu sabotieren; sie würden gegebenenfalls versuchen, die betreffende Erfindung aufzukaufen und zu vernichten. Die Arbeiter der betreffenden Produktionszweige wären mit ihren Unternehmern solidarisch, um nicht Arbeit und Einkommen zu verlieren. Die industriellen Unternehmer und Arbeiter sind an der Preissteigerung ihrer Industrieartikel interessiert, – die Landwirte und Landarbeiter an der Preissteigerung ihrer Bodenprodukte. Als Produzenten gehen die Wünsche der Menschen auseinander – während als Konsumenten alle Menschen das gleiche, gemeinsame Ziel haben: Reduktion der Preise durch Steigerung der Produktion. Ein weiterer Unfug des Produzentenstaates ist die Reklame. Sie ist eine notwendige Folge des Konkurrenzkampfes und besteht in der Erhöhung der Nachfrage durch künstliche Weckung der menschlichen Begehrlichkeit. Dieses Zurschaustellen und Aufdrängen des Luxus, der die Begehrlichkeit weckt, ohne sie je befriedigen zu können – wirkt heute als Hauptursache des allgemeinen Neides, der allgemeinen Unzufriedenheit und Verbitterung. Kein Großstädter kann alle ausgestellten Waren kaufen, die in den Auslagen seine Augen blenden: er muß sich also immer arm fühlen, gemessen an diesen aufgestapelten, ausgestellten Reichtümern und Genüssen. Die seelischen Verheerungen, welche die Reklame anrichtet, lassen sich nur beseitigen durch Abschaffung der Konkurrenz; der Konkurrenzkampf wieder läßt sich nur beseitigen durch eine Abkehr vom Kapitalismus. Trotz der großartigen Förderung, die das technische Zeitalter dem Kapitalismus verdankt, darf es nicht blind werden gegen die Gefahren, die von dieser Seite drohen: es muß rechtzeitig ein besseres System zur Durchführung bringen, das die Fehler des Kapitalismus vermeidet. Der Rivale und Erbe des kapitalistischen Unternehmerstaates, der kommunistische Arbeiterstaat, übernimmt einen Teil der Fehler seines Vorgängers: denn auch in ihm herrscht eine Produzentengruppe, auch er ist ein Produzentenstaat. Der Kulturstaat der Zukunft hingegen wird Konsumentenstaat sein: seine Produktion wird von den Konsumenten kontrolliert werden – nicht, wie heute, der Konsum durch die Produzenten. Es wird nicht dem Gewinn – sondern der allgemeinen Wohlfahrt und Kultur zuliebe produziert werden: nicht um der Produzenten, sondern um der Konsumenten willen. Es ist die künftige Mission des Parlamentes, die übereinstimmenden Interessen aller Konsumenten zu vertreten und zu verteidigen gegen die divergierenden Interessen der Produzentengruppen, deren Sprachrohr heute noch die Abgeordneten und Parteien sind.

4. REVOLUTION UND TECHNIK
5. GEFAHREN DER TECHNIK
6. ROMANTIK DER ZUKUNFT

Die moderne Romantik hat vier Hauptformen:
Die Romantik der Vergangenheit, die uns zurückversetzt in buntere und freiere Epochen unserer Geschichte;
die Romantik der Ferne, die uns den großen Osten und den wilden Westen erschließt;
die Romantik des Okkulten, die eindringt in die verschlossenste Bezirke des Lebens und der Seele und den öden Alltag mit Wundern und Geheimnissen erfüllt;
die Romantik der Zukunft, die den Menschen überdas trostlose Heute hinwegtröstet durch den Ausblick auf ein goldenes Morgen. Spengler, Kayserling und Steiner kommen dieser modernen Romantik entgegen; Spengler erschließt uns die Kulturen der Vergangenheit – Kaiserling die Kulturen der Ferne – Steiner das Reich des Okkulten. Die große Wirkung, die diese Männer auf das deutsche Geistesleben ausüben, ist teilweise zurückzuführen auf die romantische Sehnsucht des schwergeprüften deutschen Volkes, das in die Vergangenheit, in die Ferne und zum Himmelblickt, um dort Trost zu finden. – In die Vergangenheit, in die Ferne und ins Jenseits führt die Phantasie – in die Zukunft die Tat. Daher wirkt weder Historismus, noch Orientalismus, noch Okkultismus als die eigentlich treibende Kraft unserer Zeit – sondern die Romantik der Zukunft: sie hat die Idee des Zukunftsstaates geboren und damit die Weltbewegung des Sozialismus: sie hat die Idee des Übermenschen gezeugt und damit die Umwertung der Werte eingeleitet. Marx, der Verkünder des Zukunftsstaates und Nietzsche, der Verkünder des Übermenschen sind beide Romantiker der Zukunft. Sie verlegen das Paradies weder in die Vergangenheit – noch in die Ferne – noch in das Jenseits: sondern in die Zukunft. Marx predigt das kommende Weltreich der Arbeit – Nietzsche das kommende Weltreich der Kultur. Alles, was sich heute mit dem Ausbau des Arbeitsstaates befaßt, muß Stellung nehmen zum Sozialismus – alles, was sich heute mit der Vorbereitung des Kulturstaates befaßt, muß Stellung nehmen zum Übermenschen. Marx ist der Prophet des Morgen – Nietzsche der Prophet des Übermorgen.

PAZIFISMUS
Den toten, lebenden, kommenden Helden des Friedens!

1. ZEHN JAHRE KRIEG
2. KRITIK DES PAZIFISMUS

Die Hauptfehler des europäischen Pazifismus sind: Der Pazifismus ist unpolitisch: unter seinen Führern sind zu viele Schwärmer, zu wenig Politiker. Darum baut der Pazifismus vielfach auf Illusionen, rechnet nicht mit gegebenen Tatsachen, nicht mit der menschlichen Schwäche, Unvernunft und Bosheit: so zieht er aus falschen Voraussetzungen falsche Schlüsse. Der Pazifismus ist uferlos; er versteht esnicht, seine Ziele zu beschränken; er erreicht nichts, weil er alles zugleich will. Der Pazifismus ist weitsichtig; er ist vernünftig im Ziel – aber unvernünftig in den Mitteln. Er richtet sein Wollen auf die Zukunft – und überläßt die Gegenwart den Intriguen der Militaristen. Der Pazifismus ist planlos: er will den Krieg verhindern, ohne ihn zu ersetzen; seinem negativen Ziel fehlt das positive Programm einer aktiven Weltpolitik. Der Pazifismus zersplittert; er hat Sekten, aber keine Kirche; seine Gruppen arbeiten isoliert, ohne einheitliche Führung und Organisation. Der Pazifismus pflegt Anhängsel, statt Mittelpunkt politische Programme zu sein; ihr Mittelpunkt ist eine innerpolitische Einstellung, während ihr Pazifismus mehr taktisch als prinzipiell ist. Der Pazifismus ist inkonsequent; er hält sich meist bereit, einem “höheren Ideal”, das heißt einem geschickten Schlagwort gegenüber kritiklos zurückzutreten, wie er dies 1914 getan hat und auch künftig zu tun bereit wäre.

3. RELIGIÖSER UND POLITISCHER PAZIFISMUS
4. REFORM DES PAZIFISMUS
5. WELTFRIEDEN UND EUROPAFRIEDEN

Kein unüberwindliches Hindernis steht dem europäischen Frieden im Weg. Bei einem europäischen Kriege könnte niemand etwas gewinnen aber alle alles verlieren. Der Sieger würde tödlich verwundet – der Besiegte vernichtet aus diesem Massenmorden hervorgehen. Deshalb könnte ein neuer europäischer Krieg nur entstehen durch ein Verbrechen der Militaristen, durch den Leichtsinn der Pazifisten und die Dummheit der Politiker. Er kann verhindert werden, wenn in jedem Lande die Kriegshetzer in Schach gehalten werden, die Pazifisten ihre Pflicht erfüllen und die Staatsmänner die Interessen ihrer Völker wahren.

6. REALPOLITISCHES FRIEDENSPROGRAM

Die europäische Kriegsgefahr gliedert sich inzwei Gruppen: die erste ist in der nationalen Unterdrückung begründet – die zweite in der sozialen. Heute bedrohend die Grenzfragen und die russische Frage den europäische Frieden. – Das Wesen der Grenzfrage ist, daß die meisten europäischen Staaten und Völker mit ihren derzeitigen Grenzen unzufrieden sind, da sie den nationalen, wirtschaftlichen oder strategischen Forderungen der Nationalisten nicht entsprechen. Eine friedliche Änderung der heutige Grenzen ist bei deren gegenwärtigen Bedeutung unmöglich: daher bereiten die Nationalisten jener unzufriedenen Staaten eine gewaltsame Grenzänderung durch einen neuen Krieg vor und zwingen ihre Nachbarn zu Rüstungen. Die russische Frage wurzelt heute in der Tatsache, daß an der offenen Ostgrenze Europas eine Weltmacht steht, deren Führer es als ihr Zielbekennen, das bestehende System in Europa gewaltsam zu stürzen. Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützen sie die soziale Irredenta Europas mit Geld und hoffen bald in die Lage zu kommen, diesen Propagandageldern beim Ausbruch der europäischen Revolution Sowjettruppen nachsenden zu können. Aus prinzipiellen Gründen ist Rußland Gegner des heutigen Pazifismus, bekennt sich zu militaristischen Methoden und organisiert eine starke Armee, um mit deren Hilfe die Weltkarte, wenigstens in Europa und Asien, gründlich zu ändern. Sobald diese Armee stark genug seinwird, wird sie zweifellos gegen Westen marschieren.

Diese beiden Probleme, die sich an einzelnen Punkten (Bessarabien, Ostgalizien) begegnen, bedrohen täglich den Frieden Europas. Jeder europäische Pazifist muß sich mit ihnen auseinandersetzen und versuchen, sie abzuwenden. Das Pan-Europa-Programm) ist der einzige Weg, diese beiden drohenden Kriege mit realpolitischen Mitteln zu verhindern und den europäischen Frieden zu sichern. Sein Ziel ist: 1. Sicherung des innereuropäischen Friedens durch paneuropäischen Schiedsvertrag, Garantiepakt, Zollbund und Minoritätenschutz. 2. Sicherung des Friedens mit Rußland durch ein paneuropäisches Defensivbündnis, durch gegenseitige Anerkennung, Nichteinmischung und Grenzgarantie, gemeinsame Abrüstung und wirtschaftliche Zusammenarbeit, sowie durch Abbau der sozialen Unterdrückung. 3. Sicherung des Friedens mit Britannien, Amerika und Ostasien durch obligatorische Schiedsverträge und regionale Völkerbundsreform.

Das Pan-Europa-Programm ist die einzig mögliche Lösung des europäischen Grenzproblems. Denn die Unvereinbarkeit aller nationalen Aspirationen, sowie die Spannung zwischen den geographisch-strategischen, historisch-wirtschaftlichen und nationalen Grenzen in Europa macht eine gerechte Grenzführung unmöglich. Eine Veränderung der Grenzen würde alte Ungerechtigkeiten beseitigen, aber neue an deren Stelle setzen. Darum ist eine Lösung des europäischen Grenzproblems nur durch dessen Ausschaltung möglich. Die beiden Elemente dieser Lösung sind: A. Das konservative Element des territorialen Status quo, das die bestehenden Grenzen stabilisiert und so den drohenden Krieg verhindert; B. das revolutionäre Element der allmählichen Beseitigung der Grenzen in strategischer, wirtschaftlicher und nationaler Hinsicht, das die Keime künftiger Kriege zerstört. Diese Sicherung der Grenzen, verbunden mit deren Abbau, bewahrt die formale Gliederung Europas, während sie deren Wesen ändert. So sichert sie zugleich den gegenwärtigen und künftigen Frieden, die wirtschaftliche und die nationale Entfaltung Europas. […]

Wenn ein Nachbar friedlich orientiert ist, der andere kriegerisch, so fordert der Pazifismus, daß die militärische Überlegenheit auf Seiten des Friedens steht. Eine Umkehr dieses Verhältnisses bedeutet den Krieg. Es ist ein Irrwahn vieler Pazifisten, in der eigenen Rüstungsbeschränkung den sicheren Weg zum Frieden zu sehen. Unter Umständen fordert der Friede Abrüstung – unter anderen Umständen aber Rüstung.

7. FÖRDERUNG DES FRIEDENSGEDANKENS

Eine der wesentlichsten Aufgaben des Pazifismus ist die Einführung einer internationalen Verständigungssprache. Denn, bevor die Völker miteinander reden können, läßt sich schwer von ihnen verlangen, daß sie einander verstehen. Ein internationale Verkehrssprache hätte den Zweck, daß daheim jeder Mensch seine Muttersprache spricht, während er sich im Umgang mit Angehörigen fremder Nationen der Verständigungssprache bedient. So brauchte jeder Mensch, der seine Heimat verläßt, nur die eine Verständigungssprache zu beherrschen, während er heute im Ausland mehrerer Sprachen bedarf. Als internationale Verkehrssprache kommen nur Esperanto und Englisch in Frage. Welche dieser beiden Sprachen für den internationalen Verkehr gewählt wird, ist belanglos neben der Forderung, daß sich die Welt auf eine dieser beiden Sprachen einigt. Die englische Sprache hat gegenüber Esperanto den großen Vorteil, daß sie in Australien, in halb Asien, Afrika und Amerika sowie in großen Teilen Europas bereits die Rolle einer internationalen Verkehrssprache übernommen hat, so daß in diesen Gebieten ihre offizielle Einführung nur die Sanktion einer bestehenden Übung wäre. Dann kommt, daß sie in ihrer Zwischenstellung zwischen den germanischen und romanischen Sprachen für Germanen wie für Romanen leicht erlernbar ist, ebenso für Slawen, die bereits eine germanische oder romanische Sprache beherrschen. Außerdem ist Englisch die Sprache der beiden mächtigsten Reiche der Erde und die verbreitetste Muttersprache der weißen Menschheit.

8. FRIEDENSPROPAGANDA
9. NEUES HELDENTUM

Die Erneuerung des Heldenideals durch den Pazifismus zerschlägt die Hauptwaffe der militaristischen Propaganda. Denn nichts gibt dem Militarismus eine stärkere Werbekraft als die Monopolisierung des Heldentums. Der Pazifismus würde durch einen Kampf gegen das Heldenideal Selbstmord begehen; er müßte damit alle seine wertvollen Anhänger verlieren: denn die Ehrfurcht vor dem Heldentum ist das Maß des menschlichen Edelmuts. Der Pazifismus soll in der Heldenverehrung mit dem Militarismus wetteifern und versuchen, ihn im Heidentum zu übertreffen. Aber zugleich soll er den Heldenbegriff aus seiner mittelalterlichen Schale befreien und ihn mit dem ganzen Inhalt einer modernen Ethik erfüllen. Die Erkenntnis muß sich durchringen, daß das Heldentum Christi eine höhere Entwicklungsform darstellt als das Heldentum des Achilles – und daß die physischen Helden der Vergangenheit nur Vorläufer sind der moralischen Helden der Zukunft. […]

Jeder ist ein Held, der sein privates Interesse seinem Ideal zum Opfer bringt: je größer das Opfer, desto größer das Heldentum. Wer sich nicht fürchtet, ist nicht heroisch, sondern nur phantasielos. Heroisch handelt nur der, der seinen Idealen zu liebe die Furcht überwindet. Je großer seine Furcht ist – desto größer seine Überwindung und sein Heroismus.

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6 thoughts on “Praktischer Idealismus

  1. Pingback: Zion | baselfasel
  2. baselfasel says:

    “Nietzsche und Marx wollten eine radikale Veränderung der bestehenden Ordnung, trotz aller Gegensätze, die sie trennen, verbindet sie auch eine Menge Gemeinsames. Sie überließen den Himmel den Spatzen und wollten hier auf Erden ein Reich errichten, in dem die Würde des Menschen nicht mit Füßen getreten wird. Nachdem der Sozialismus im ersten Anlauf kläglich gescheitert ist, betritt nun Nietzsche die Bühne, der den Juden als Weggefährte wohl bekannt ist und mit dem sich seine Landsleute endlich versöhnen sollten. Thomas Mann verehrte die beiden großen Persönlichkeiten und sehnte ihre Symbiose herbei. Er wollte den Materialismus beseelen, wenn er verlangte, daß Marx und Hölderlin sich die Hände reichen sollten. Unter Hölderlin ist natürlich auch der Dichterphilosoph Nietzsche zu verstehen, damit allmählich – kommt doch alles Gute auf Taubenfüßen – der Hoffnungsschimmer einer vernünftigen Menschengemeinschaft aufscheint. Die eigentliche Geschichte, wie es Marx erhoffte, hat bereits begonnen. Und dabei würden die Juden, wie dies Nietzsche voraussagte, eine gewichtige Rolle spielen. Man kann wohl hoffen, daß es trotz der desolaten Verhältnisse in Israel dazu kommen werde. Zusehends wächst die Zahl der Juden in Israel und in der Diaspora, die sich zu der deutsch-jüdischen Symbiose bekennen und sogar ihr Erbe an der deutschen Kultur einfordern, um es gemeinsam fortzusetzen.”

    – Die deutsch-jüdische Symbiose, Almos Csongár in “Der gute Europäer aus der Sicht von Friedrich Nietzsche” im Traude Junghaus Verlag 2003

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