Apologie des Bösen

maurer-610
Die Angst vor der Macht zeugt von grossem Respekt. Das verdeckte System wird von allen Seiten her kritisiert. Niemand erkennt heute z.B. die Werthe vom Geld. Es fordert Gedanken von Schätzung und Vorsicht. Und die Arbeit schliesslich zwingt uns zur respektvollen Hilfe untereinander. Am Geld wird bemängelt die Untergrabung der Politik durch das Monopol im Kapital und die fehlenden Sicherheiten. Das System versteckt sich sehr gut vor seinen Vorzügen. Vielleicht verspricht es sich daraus eben diesen Schleier von Respekt. Die gefürchtete Inflation kann z.B. als Umlaufsicherung verstanden werden, so wie auch die Motivation zum Fremdkapital. Die Verschuldung der Staaten fördert schliesslich das Monopol. Ein einzelner Pol jedoch vereint die Welt. Eine Macht über jeder Religion. Der schaffende Glaube an die eigene Kraft. Jedenfalls erfordert eine differenzierte Betrachtung stets eine hohe Perspektive, die den meisten leider noch immer verwehrt bleibt. Wir kleinen Schäfchen wollen nicht gesehen werden, schämen uns um der Moral und scheuen gar die demokratischen Mittel unserer Vernetzung. Fürchten wir kollektiv unser Spiegelbild?

Oder, hat nicht auch das Böse seinen Werth? Ohne das ´Böse´, würden wir über das ´Gute´ uns noch Gedanken machen? Ohne unser gewaltiges Schicksal, wüssten wir um unser Glück? Der Zauber des Lebens funkelt am hellsten während dem Überwinden seiner Hürden. Jede Einschränkung ist dann eine Chance, wenn sie befreit von externen Erwartungen und besinnt auf die tiefste Essenz. Gleich dem düngenden Feuer in der Natur nährt der Konflikt der Seelen Bewusstsein über die Sehnsucht nach Einheit, Vernunft, Friedlichkeit. Ohne Provokation kommen tief verankerte Traumen und Träume nur selten zum Vorschein. Diese sind aber immer und überall vorhanden. Ein niemand der leben will kann nicht mehr lernen und wachsen. Die Erkenntnis der Funktionen von Störfaktoren darf diese aber niemals alleinig rechtfertigen. Denn ohne die Reaktion im Ganzheitsanspruch des ´Guten´ verliert das ´Schlechte´ seinen negativen Inhalt bzw. seine Horizont-erweiternde Existenzberechtigung, die nur in Begleitung der Aussicht – ob virtuell oder konkret – auf Überwindung gültig sein kann.

 

Noirceuil erwidert auf Juliettes Frage, was ein Verbrachen ist: ´Man nennt Verbrechen jede bewusste oder unbewusste Übertretung desjenigen, was die Menschen Gesetze nennen, woraus du ersiehst, dass wir es mit einem gänzlich bedeutungslosen Wort zu tun haben, denn die Gesetze stehen in Beziehung mit den Sitten und dem Klima.´ De Sade sah das Verbrechen als etwas Natürliches an, das umso stärker im Menschen aufloderte, je mehr es durch das bürgerlich-konventionelle Leben als nicht tugendhaft und unsittlich betrachtet wurde; damit machte er sich, in Anlehnung an die spätere Theorie Freuds, zur Aufgabe, bisher versteckte Triebe im Menschen aufzudecken. So beschreibt er das Verbrechen als die ´Seele der Geilheit´, denn ´was wäre ein Genuss, den nicht Verbrechen begleitet? Nicht das Objekt unserer Ausschweifung erregt uns, sondern die Vorstellung des Bösen.´

Die Faszination des Bösen bei Marquis de Sade – Zwischen Philosophie und Pornographie, Susanne Becker, 2007, S. 7

 

Doch de Sades Theorie vom gerechtfertigten Laster scheint sich widersprechend. Im Verbrechen und somit im Bösen liegt für ihn das grösste Lustpotential, doch Verbrechen, die er als natürlich entschuldigt, können nicht mehr verbrecherisch und lasterhaft sein. Es bleibt also die Frage offen, was mit der Faszination des Bösen in einer Gesellschaft, jenseits aller Normen existierend, dann geschieht. Überhaupt scheint de Sade in keinem Wort zu erwähnen, dass eine Welt, die mit allen Normen bricht, durch natürliche Strukturierung so oder so zu neuen Normen finden würde. [Soll man de Sade verbrennen?, 1983, Simone de] Beauvoir vermutet hinsichtlich dieser Diskrepanz der Sade’schen Theorie, dass mit der Abschaffung der Verbote und dem Schwinden der damit einhergehenden ´Geilheit´, die die Verbrechen bedingen, das verbrecherische ungezügelte Handeln ausgelöscht wird.

a.a.O., S. 9

 

Ein anderer Widerspruch in de Sade ist vielleicht allzu offensichtlich. Denn die Verteidiger der Freiheit sind keineswegs befreit von einem dogmatischen Moralglauben, sie sehen diesen bloss in der Einschränkung dessen, was sie als menschliche Natur zu erkennen glauben. Diese Natur aber beinhaltet selbst – wie die Moral – sehr formbare Aspekte und hängt somit genauso – wenn auch schwerfälliger – von menschlichen Handlungen ab. Somit beschreibt die Ablehnung der Moral wiederum eine neue Moral. Der Zweck von de Sades Philosophie ist also nicht die Befreiung an sich, sondern die Aufbrechung einer bestimmten verhärteten gesellschaftlichen Konstellation und den Aufbruch zu neuen Horizonten. Eine potentiell sehr gefährliche aber wohl genau deshalb unendlich lockende Philosophie, an der sich mancher Mächtige durch unvorsichtige Geilheit sicher die Finger verbrennt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s