Ethik und Hyperethik

ETHIK UND HYPERETHIK
RICHARD NIKOLAUS COUDENHOVE-KALERGI
LEIPZIG 1922
VERLAG DER NEUE GEIST/DR. PETER REINHOLD

 

Erster, kritischer Teil: Ethik
I. Ethische Vorfragen
1. Praktische und sittliche Wertung
2. Zweckethik und Triebethik

Die Absicht entscheidet den sittlichen Wert der Handlung. Zweierlei Formen der Absicht gibt es: bewußte Absichten: Zwecke; unbewußte Absichten: Triebe. Reiner Zweck und reiner Trieb sind Grenzfälle; überall durchdringt sich Triebhaftes und Zweckmäßiges. Jeder Trieb strebt nach dunklen Zwecken; alles Handelns Endzweck ist Befriedigung bevorzugter Triebe. Je weiser und beherrschter der Mensch, desto mehr emanzipiert er sein Handeln von blinden Trieben und richtet es auf bewußte Zwecke; je primitiver der Mensch, desto abhängiger ist sein Handeln von den Affekten des Augenblickes. Für Zweck-Menschen gilt eine Zweck-Ethik; für Trieb-Menschen gilt eine Trieb-Ethik. Ziel der Trieb-Ethik ist Umbau des Charakters durch Entwicklung der sittlichen, Bekämpfung der unsittlichen Neigungen (Triebe). Ihre Gebote und Verbote lassen sich, ohne Rücksicht auf Spezialfälle, unmittelbar aus den sittlichen und unsittlichen Neigungen ableiten: „Unterdrücke Deinen Hang zum Morden, Lügen, zur Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit, Unkeuschheit‚ Untreue, zu Unmäßigkeit und Hochmut! Entwickle Deine Neigung zur Gerechtigkeit, Selbstlosigkeit‚ Milde, Wahrhaftigkeit, Keuschheit, Demut, Besonnenheit, Selbstbeherrschung, Treue und Pietät!“ Kürzer: „Du sollst nicht töten, lügen, Unkeuschheit treiben etc.! Sei gerecht‚ selbstlos, gütig, besonnen, treu, keusch, pietätvoll, wahrhaft und demütig!“ Dieser Komplex von Geboten und Verboten bildet den Moralkodex, der sich nur scheinbar auf Handlungen, in Wahrheit aber auf Willensrichtungen bezieht. Die Zweck-Ethik will dem menschlichen Wollen sittliche Ziele setzen. Alle sittlichen Ziele lassen sich auf einen gemeinsamen Endzweck reduzieren: den möglichst allgemeinen und dauernden Nutzen. Dieser beabsichtigte Allgemein- und Dauernutzen allein ist entscheidend für den zwei-ethischen Wert einer Handlung; jeder Spezialfall huscht seine besonderen Gesetze; Morden, Stehlen, Lügen können als reine Mittel zu sittlichem Zweck sittlich werden. In jedem Fall gilt nur das eine allgemeine Sittengesetz: „Wolle allgemeinen und dauernden Nutzen mit Hintansetzung deines persönlichen und augenlicklichen Nutzens!“ Wer ohne Rücksicht auf alle übrigen Sittengesetze nur nach diesem Gebote lebt, selbstlos und selbstbeherrscht handelt, ist sittlich; selbst wenn er sich zur Erreichung des sittlichen Endzweckes mitunter objektiv unsittlicher Mittel bedient. jede Handlung kann also sittlich, jede unsittlich sein. Für die Richtigkeit dieses Satzes bietet uns die klassische Literatur Belege, so viele wir wollen: Hamlet, Brutus, Tell, Judith: sittliche Mörder; Posa: sittlicher Lügner, Betrüger, Hochverräter; Karl Moor: sittlicher Räuber. Der Zweck heilig! die Mittel, solange diese bloße Mittel, nicht zugleich Nebenzwecke sind; ein Teil, der Mordlust bei seinem Morde empfindet, hört auf, Mörder aus reiner Sittlichkeit zu sein. Nur, wenn der sittliche Zweck einziger Zweck ist, und nur, wenn dieser Zweck unzweifelhaft sittlich ist, heiligt er jedes Mittel. Es ist fraglich, ob irgendein praktisches (z.B. politisches) Ziel diese Forderung unzweifelhafter Sittlichkeit erfüllt und so die Anwendung unsittlicher Mittel ethisch rechtfertigt. Ratsamer ist es, der Unfehlbarkeit des eigenen sittlichen Urteiles nicht blindlings zu vertrauen und bei Anwendung unsittlicher Mittel höchste Zurückhaltung zu üben. Trieb-Ethik ist exoterische, Zweck-Ethik esoterische Moral. Der Wissende, Vollkommene kann all sein Handeln, unbekümmert um Detailvorschriften, dem einen großen Sittengesetz unterwerfen. Für die übrige, unreife, von Trieben beherrschte Menschheit gilt der Moralkodex.

3. Vom Charakter

Der Charakter stellt den Komplex aller Neigungen eines Menschen dar. Der Charakter ist nichts Einheitliches; er ist ein vielfältiges Gebilde, ein Spiel von harmonierenden und disharmonierenden Kräften. Gruppen verwandter Neigungen schließen sich zu Willensrichtungen zusammen; stärkere Willensrichtungen unterdrücken schwächere. Die dominierende Willensrichtung eines Menschen wird gewöhnlich als dessen Charakter an sich angesehen, die divergierenden Unterströmungen seines Willens werden einfach ignoriert. In Wahrheit verfügt jeder Mensch nicht über einen Charakter, sondern über eine Fülle von Teil-Charakteren, von denen in der Regel einer dominiert; die diversen Unter-Charaktere ringen mit ihm und miteinander um das Primat. Platon vergleicht die Seele mit einem Staat; bei diesem Vergleich wäre der dominierende Charakter als die Regierungspartei anzusehen, die Untercharaktere als die oppositionellen Parteien. Je größer die Eintracht unter den Parteien, den Teil-Charakteren, desto stärker, desto harmonischer der Gesamtcharakter. Die unterdrückten Teilcharaktere suchen sich in irgend einer Form auszuleben; daher das Streben der meisten Menschen nach einem Doppelleben: beim Kinde, das zu Hause artig, in der Schub schlimm ist oder umgekehrt; beim Beamten, der im Amte ein Tyrann, zu Hause ein Schwächling ist; beim Strolch, der seinen Kameraden gegenüber von vorbildlicher Anständigkeit ist; beim Millionenverschwender, der in Pfennigen geizt. Oft ist das Schaffen die Form, in der sich der Gegencharakter auslöst: Schopenhauer, im Leben lmmoralist und Bejaher, ist in seiner Lehre Moralist und Verneiner; Nietzsche, im Leben sittlicher Dulder, löst in seinen Werken den lmmoralisten und Übermenschen aus, der in ihm schlummert. Schließlich gibt der Traum den unterdrückten Seelenkomplexen die Möglichkeit, sich Geltung zu verschaffen: Menschen‚ die im Wach-Leben keinem Tiere ein Haar krümmen können, sind im Traum oft hart und grausam. Auch darin äußert sich das Nebeneinanderbestehen verschiedener Charaktere, daß jeder Mensch zu jedem Menschen ein anderer ist; ebenso in einem veränderten Milieu: au! eine andere Umwelt reagiert eine andere Seele. Diesem Nebeneinander entspricht ein Nacheinander verschiedener Charaktere in einem Menschen. Der Charakter ist veränderlich. Auch im Seelenstaate gibt es revolutionäre Umwälzungen und planmäßige Entwicklungen. Psychische Revolutionen, die sittlichen Unterströmungen über unsittliche „Regierungen“ zum Siege verhelfen, werden Bekehrungen genannt (Paulus, Augustin, Tolstoi etc.). Auch die umgekehrte Erscheinung kommt vor: die plötzliche Verwandlung eines sittlichen Menschen in einen unsittlichen; für dieses Phänomen ist Nero ein typisches Beispiel. Kein Mensch hat als Kind den gleichen Charakter, wie als Greis; jedes Lebensalter hat seine spezifischen Neigungen: die Jugend ist leichtsinnig, das Alter geizig. Alle Erziehung setzt Wandlungsfähigkeit des Charakters voraus. Meist ist es das Milieu, das charakterbildend wirkt. Auch Tiere verändern den Charakter; sanfte Hunde, dauernd gereizt, werden böse und bissig. Milieu und Erziehung können Anlagen fördern und unterdrücken, nicht zeugen. Hier stehen wir an der Grenze der Wandelbarkeit. Da aber der Mensch von unzähligen Ahnen stammt‚ liegen in ihm unzählige, teils stärkere, teils schwächere Charakter keime verborgen, die sich unter günstigen Umständen entfalten können. Ursache die Vielfalt der Charaktere in einem Menschen ist die Vielfalt seiner Ahnen; in jedem leben und streiten seine Ahnen; der Seelenstaat wird bevölkert von der endlosen Schar toter Ahnen, die sich teils lieben und verbünden, teils hassen und bekämpfen und um die Führerstellung innerhalb der Seele des Nachkommen ringen. Menschen, deren Ahnen sich in gewisser Beziehung gleichen, also reinrassige und Inzucht-Menschen, haben einförmigere, geschlossenem, starre und schwer veränderliche Charaktere; während Mischlinge, deren Vorfahren Rassen- und Kastengegensätze verkörpern, verschiedenere, vielfältigem, wandelbarem Seelen in sich bergen; sie haben mehr Charaktere, weniger Charakter. Ein Gleichnis für die Wandelbarkeit wie für die Konstanz des Charakters ist der Wechsel und die Konstanz seiner Erscheinung: des Gesichtsausdruckes. Der Ausdruck wandelt sich jedes Jahr, jeden Tag, jede Sekunde; und bleibt sich gewöhnlich doch im Großen und Ganzen treu. Er verändert sich durch Lebensalter, durch Krankheiten und Verletzungen, durch Beruf und Lebensverhältnisse, durch Denken, Handeln, Genießen und Leiden.

4. Von der Willensfreiheit

[…] Der Glaube an die Willensfreiheit wird unterstützt durch die menschliche Eitelkeit; es schmeichelt immer den Menschen, sich als einzige irdische Wesen frei zu dünken, über der Natur und ihren Gesetzen zu stehen und sich so in göttlichen Rang zu erheben. Außerdem scheut die Menschheit die Konsequenz des Determinismus: das Aufhören jeglicher Schuld. In einer deterministischen Welt ist der Mörder nicht schuldiger als seine Waffe: beide sind Werkzeuge des Schicksals zur Tötung des Opfers; das Messer wird vom Mörder, der Mörder vom Schicksal gezückt. Wir erleiden unsere Handlungen ebenso wie unsere Zustände. Diese Konsequenzen erscheinen uns paradox; ebenso paradox wie die Konsequenzen aus der, ebenfalls wahrscheinlichen, Realität von Raum und Zeit. Unsere Willensfreiheit ist eine Bewußtseinstatsache‚ ebenso wie die Realität von Raum und Zeit: keine logische Erkenntnis kann diese lrr-Axiome beseitigen. Zusammenfassend läßt sich sagen: der menschliche Wille ist objektiv und theoretisch unfrei, subjektiv und praktisch aber frei.

5. Problematik aller Ethik
II. Tugenden
1. Die Kardinaltugenden
2. Mitgefühl
3. Grausamkeit

Grausamkeit ist unmittelbare Freude an fremden Leiden. in ihr pflegt man das Radikal-Böse im Menschen zu erblicken; denn es scheint unbegreiflich, wie Schmerz zum Objekt des Wollen werden kann. Zur Ergründung des Wesens der Grausamkeit maß erst das Verhältnis ihrer Grundelemente: last und Leid erforscht werden. Auf den ersten Blick scheinen Lust und Leid Antipoden zu sein; wir streben nach Lust, fliehen vor Leid. Bei näherer Betrachtung ändert sich dieser Eindruck. Ein antiker Philosoph vergleicht das Leben mit einer Seefahrt, Apathie mit Windstille, Lust mit sanfter Brise, Leid mit Seesturm. Damit trifft er das wahre Verhältnis dieser Gemütszustände: nicht Lust bildet den Gegensatz zum Leid, sondern Apathie; Lust liegt in der richtigen Mitte zwischen jenen Extremen. Zwischen Lust und Leid gibt es nur einen graduellen, keinen prinzipiellen Unterschied: Lust ist gemildeter Schmerz, Schmerz gesteigerte Lust. Lust entsteht durch milde, Schmerz durch heftige Nervenreizung. Milde Erregungen haben die Tendenz, Organismus und Nerven zu kräftigen und zu regenerieren, heftige, sie zu erschüttern und zu zerstören. Oft läßt sich der Übergang von Lust in Schmerz durch einfache Steigerung der Reizintensität beobachten: eine ungesalzene Speise ist geschmacklos; gesalzen ist sie schmackhaft; übersalzen ungenießbar. Schlagen ist gesteigertes Streicheln, Stechen gesteigertes Kitzeln, Brennen gesteigertes Wärmen, Frieren gesteigertes Kühlen. Hier läßt sich Schmerz in Lust lindern, Lust zu Schmerz steigern. Nie tritt an dem Punkt, in dem Lust in Schmerz übergeht, Abnahme der Gefühlsintensität oder gar Gefühllosigkeit ein; der Nullpunkt der Empfindung liegt vielmehr unterhalb der Lustgrenze. Im Seelischen liegen an dieser Grenzscheide von Lust und Leid die intensiven Gefühle du Wehmut und der Sehnsucht. Die physischen Reaktionen höchster Lust gleichen denen des Schmerzes: Freudentränen, Freudenschreie. Wie Mitleid auf vollkommener Reproduktion, so beruht Grausamkeit auf unvollkommener Reproduktion fremden Leides. Da: Leid kann nämlich bei seiner Übertragung vom fremden Ich auf das eigene so viel an Intensität verlieren, daß es dabei seine Qualität wandelt und zu Lust abgeschwächt wird. Ursache dieser Wandlung ist stets ein hemmendes Moment, das sich zwischen Schmerzwahrnehmung und Mitempfindung einschiebt Dieses hemmende Moment kann in unserer eigenen psychische: Beschaffenheit liegen, oder in der Art des wahrgenommenen Leides, oder endlich in unserem Verhältnis zum Leidenden. Häufigste Quelle der Grausamkeit sind mangelhafte Entwicklung der Phantasie und Entartung des Nervensystem; der Grausame kann sich entweder keine adäquate Vorstellung vom fremden_ Leide machen, oder seine Schmerzvorstellung löst keine adäquate Schmerzempfindung aus. Diese Mängel stören die Leitung, die von der fremden zu seiner eigenen Empfindung führt. Die schwache Resonanz fremden Leidens empfindet er als Lust; Grausamkeit tritt an die Stelle von Mitleid. Die Grausamkeit von Kindern und Greisen, von primitiven und degenerierten Völkern und Menschen läßt sich auf diese Ursachen zurückführen. Aber auch im Wesen des wahrgenommenen Leides kann das hemmende Moment liegen. Völlig normale Menschen, die keineswegs grausam veranlagt sind, empfinden bei Tragödien, Schauderromanen, Kinodramen Lust statt Mitleid. Hier ist das Wissen um die Irrealilät des wahrgenommenen Leides das hemmende und transformierende Element. Es gibt auch viele Menschen, dieaußerstande wären, den Anblick eines gemarterten Menschen zu ertragen, und dennoch ihre Phantasie an den Vorstellungen fremder (oder auch eigener) Qualen weiden. Auch hier ist es die Unwirklichkeit des Leides, die es in Lust wandelt. Ebenso kann die Geringfügigkeit fremden Verdrusses bei sonst mitleidigen Menschen zu Schadenfreude, einer Abart der Grausamkeit, führen. Schließlich kann das hemmende Moment im persönlichen Verhältnis zum Unglücklichen liegen. Feindschaft und Haß sind solche Hemmungen der Einfühlung. Feinden gegenüber wird Grausamkeit häufiger und stärker empfunden als gegen Freunde und indifferente Menschen. Aber auch Fremdheil kann zum hemmenden Moment werden. Menschen, die gegen eigene Rasseangehörige mitleidig sind, sind oft grausam gegen fremde Rassen. Das Gefühl der Verschiedenheit der Rasse, Kaste, Nation, Religion hindert oft vollkommene Einfühlung und setzt so Grausamkeit an die Stelle des Mitleides. Ebenso gibt es Menschen, die gegen Mitmenschen mitleidig und barmherzig, gegen Tiere grausam und herzlos sind; der Unterschied zwischen Mensch und Tier bildet ein unüberwindliches Hindernis für ihr Mitleid. Bei Wegfall des jeweils hemmenden Momentes müßte sich in all diesen Fällen Grausamkeit in Mitleid wandeln. Mitleid und Mitfreude beruhen auf vollkommener, Grausamkeit auf unvollkommener Einfühlung. Mitleid ist Leid, hervorgerufen durch fremdes Leid. Mitfreude Lust, hervorgerufen durch fremde Lust. Grausamkeit Lust, hervorgerufen durch fremdes Leid. So ist der Unterschied zwischen Mitfreude und Mitleid einerseits, Grausamkeit andererseits graduell, nicht prinzipiell: auch Grausamkeit ist eine Form des Mitgefüles. Das scheinbar Radikal-Böse der Grausamkeit ist also nicht vorhanden. Gut und böse liegen näher beieinander, als man gemeiniglich annimmt: von Mitleid zu Grausamkeit führt nur ein kleiner Schritt. Es existiert kein böser Grundtrieb. Wie Grausamkeit gehemmtes Mitleid so ist Neid gehemmte Mitfreude, Haß gehemmte Liebe, Bosheit gehemmte Güte. Grausamkeit kann durch Mitleid über&unden werden, Neid durch Mitfreude, Haß durch Liebe, Bosheit durch Güte.

4. Gemeinschaftsgefühl

Der lndividualbegriff ist relativ: das Elektron ist eine Einheit, ebenso Atom, Molekül, Zelle; der menschliche Organismus ist eine Einheit, ebenso die Erde, das Sonnen- und Milchstraßensystem, der Makrokosmos. In der Welt der Erscheinung scheint (nach dem heutigen Stande der Wissenschaft) das Elektron kleinstes gemeinsames Maß, letzte Einheit zu sein; in der Wett der Empfindung das Individuum, das Ich. In der Erscheinungswelt bildet das Individuum nur ein Glied jener großen Reihe von Einheiten, deren jede ein Komplex der vorangegangenen, ein Organ der folgenden ist; die beim Elektron beginnt, beim Kosmos endigt. Hier ist der Mensch ein Kosmos von Elektronen, eine Welt von Atomen, ein Staat von Zellen, eine Familie von Organen; zugleich aber Organ seiner Familie, Zelle der Menschheit, Atom des Sonnensystems, Elektron des Kosmos. Das lndividualgefühl ist ebenso relativ wie der korrespondierende lndividualbegriff: es kann sich beschränken auf das Ich, es kann sich aber auch ausdehnen auf einen höheren lndividualkomplex‚ in dem das Ich enthalten ist. Erweitertes Individualgefühl ist Gemeinschafsgefühl: Familiensinn, Nationalgefühl, Patriotismus, Humanität und alle übrigen Wir-Gefühle, die Gruppen verwandter Wesen in das erweiterte Ich einbeziehen. – Beim Menschen pflegt das Ichgefühl die Gemeinschaftsgefühle an Intensität zu übertreffen; es gibt hingegen Tiere, bei denen ein Gemeinschaftsgefühl stärker ist als das Ichgefühl (Ameisen, Bienen, Termiten). Wie Schopenhauer erkannt hat, fühlen sich diese Tiere mehr als Organe ihres Tierstaates, wie als selbständige Individuen. — Neben dem Individualgefühl treten bei den meisten Tieren Gemeinschaftsgefühle in Erscheinung: wo sich Eltern für ihre Jungen, Leittiere für ihre Herden opfern, beruht diese Selbstverleugnung auf überindividuellem Selbsterhaltungstrieb. Nach den Forschungsergebnissen von W. Fließ bleibt über die Geburt hinaus ein realer Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern bestehen‚ der sich in der Gleichheit des Lebensrhythmus Geburt und Tod trennen die Familienglieder nur—äußerlich. Die Familie ist ein überpersönliches Individuum, dessen Selbsterhaltungstrieb der Familiensinn ist. Familiensinn ist überpersönlicher Egoismus. Nationen sind erweiterte Familien, durch Kulturgemeinschaft zusammengehalten. Auch Völker haben ihre überindividuellen Lebensgesetze, ihr Wachstum, ihre Blüte, ihren Verfall. Auch Nationalgefühl ist überindividueller Selbsterhaltungstrieb, überpersönlicher Egoismus, erweiterter Familiensinn. Gefühlsgemeinschaft mit der Menschheit ist Humanität; sie steht über dem Nationalgefühl, wie dieses über dem Familiensinn, wie Familiensinn über Egoismus; sie gipfelt in Gemeinschaftsgefühl mit der Gesamtheit aller Wesen und Dinge, dem Grundton aller Religiosität. — Neben den natürlichen Tiergemeinschaften, die in Blutsverwandtschaft wurzeln, gibt es künstliche Tiergemeinschaften, Symbiosen, die auf Interessengemeinschaft und Sympathie beruhen. Solche Symbiosen gibt es auch unter Menschen. Zu diesen Symbiosen gehören Staatsgemeinschaften, Religionsgemeinschaften, Klassengemeinschaften, Vereine: auch die Ehe ist eine künstliche Gemeinschaft. Gemeinschaftsgefühle sind übertragbar. Kindesliebe läßt sich auf Zieheltern, Elternliebe auf Ziehkinder übertragen. Die natürlichen Objekte des Gemeinschaftsinstinktes lassen sich durch künstliche Objekte ersetzen. Patriotismus ist substituiertes Nationalgefühl, Nationalgefühl oft substituierter Familiensinn. Künstliche Gemeinschaften pflegen zusammengehalten zu werden durch Gefühle, die aus natürlichen Gemeinschaften stammen. Jedes begrenzte Gemeinschaftsgefühl trägt ethisch einen Januskopf: das nach innen, dem Individuum zugekehrte Gesicht ist sittlich, das nach außen, den höheren Gemeinschaften zugekehrte, unsittlich. Dem Egoismus gegenüber ist Nationalismus sittlich, der Humanität gegenüber unsittlich: hier ist es Beschränkung, dort Erweiterung. Es ist aber unter allen Umständen sittlich, persönliche lnteressen selbstlos denen einer beliebigen Gemeinschaft unterzuordnen und zu opfern: denn es ist jedes Wir größer als das Ich. Gemeinschaftsgefühl beruht auf praktischer Objektivität. Ichgefühl beruht auf praktischer Subjektivität. Die Ich-Perspektive des Egoismus ist eng, ist beschränkt – die Wir-Perspektive des Gemeinschaftsgefühles hat den weiten Horizont bewußter oder unbewußter Weisheit. Was Weisheit im Erkennen, ist Liebe im Empfinden: Sprengung der subjektiven Enge durch Größe des Geistes, durch Größe des Herzens. Im Gemeinschaftsgefühl begegnet sich die Weisheit objektiver Weltbetrachtung mit dem Expansionsdrang einer wehen Seele mit Liebe. Im Mitgefühl wandelt sich das Ich zum Du, im Gemeinschaftsgefühl weitet sich das Ich zum Wir. Mitgefühl und Gemeinschaftsgefühl sprengen und überwinden beide den Egoismus durch Einfühlung.

5. Gerechtigkeit

[…] Die Tragik alles Gerechtigkeitsstrebens liegt darin, daß es einen im Grunde hoffnungslosen Kampf gegen die ungerecht fundierte Natur darstellt. Denn Natur verteilt ihre Gaben ungerecht, läßt Gesunde neben Kranken, Genies neben Idioten, Schöne neben Häßlichen, Glückliche neben Unglücklichen leben; oft belohnt sie die Bösen, bestraft sie die Guten und ist unempfindlich gegen die menschliche Forderung nach verteilender und vergeltender Gerechtigkeit. Der Gerechte unterzieht sich der Sysiphusarbeit, die Natur selbst zu korrigieren; sein Streben ist edel, aber im Grunde hoffnungslos. irdische Gerechtigkeit muß Bruchstück bleiben, weil die Welt auf ästhetischer, nicht auf ethischer Grundlage ruht; weil ihr Aufbau im ganzen harmonisch, im einzelnen aber ungerecht ist. — Rechllichkeit verzichtet auf das Postulat absoluter Gerechtigkeit. Ihr handelt es sich um die Aufrichtung eines relativen Gleichgewichtssystemes aus gerechten und ungerechten Elementen und dessen Aufrechterhaltung. Solche künstliche Gleichgewichtssysteme sind die Staaten, Gesellschaften, Vertragsverhältnisse. Jede Auflehnung gegen das sogenannte Recht, das durch Objektivierung und Systematisierung gerechter und ungerechte: Normen entsteht, gefährdet das soziale Gleichgewichtssystem. Konservative Rechtlichkeit bekämpft jede Erschütterung des bestehenden, mühsam ausbalanzieren Gleichgewichtssystemes. Revolutionäre Rechtlichkeit sucht an die Stelle eines unproportionierten oder labilen Gleichgewichtssystemes ein neues, proportionierteres oder stabileres zu setzen und zu diesem Zwecke das alte System umzustoßen: denn es gibt zwar kein gerechtes System, aber es gibt gerechtere und ungerechtere Systeme. Evolutionäre Rechtlichkeit sucht, durch stetes Ausbalanzieren das bestehende System allmählich gerechter zu gestalten, ohne dabei dessen Gleichgewicht zu erschüttern. […]

6. Raum und Zeit in der Ethik

Mit der Gerechtigkeit ist die soziale Moral, die unser Verhältnis zur Mitwelt fixiert, abgeschlossen. Den sozialen Tugenden gilt das Ich, unter Ausschaltung der Zeitdimension, als letzte, subjektivste Bewußtseinseinheit. Wird jedoch die Zeitdimension berücksichtigt, so ergibt das Ich keine Einheit, sondern eine Vielheit, keinen Punkt, sondern eine Linie. Die individuelle Lebenslinie setzt sich zusammen aus unzähligen Ich-Punkten, deren Gesamtsumme erst das Dauer-ich ergibt. In der Individualethik verhalten sich die einzelnen Lebensphasen zueinander, wie in der Sozialethik die einzelnen Lebewesen. In der Individualethik bleibt die Vielheit der Wesen ebenso unberücksichtigt, wie in der Sozialethik die Vielheit der Lebensphasen. Ihr Gegenstand ist der geschlossene Zeit-Kosmos des individuellen Lebens, der sich aus ungezählten Phasen und Momenten, aus unzähligen Strecken und Punkten zusammensetzt. Im Zeit-Kosmos des individuellen Lebens entspricht der Gegenwartspunk dem Ich der Sozialethik, jeder vergangene oder künftige Ich-Punkt entspricht einem Mitmenschen, Lebensstrecken entsprechen Menschengruppen, das Gesamtleben entspricht dem All. — Diese Auffassung erfordert eine prinzipielle Stellungnahme zum Zeitproblem. Die Zeit ist nicht die vierte Dimension der Welt, sondern die erste. Es gibt nichts Ausgedehntes ohne Dauer; es gibt aber Dauerndes ohne Ausdehnung: die Welt der Empfindungen. Deshalb ist Zeit primär, Raum sekundär. Nur der dauerlose Punkt, nicht der zeitlich ausgedehnte Punkt ist dimensionslos Der zeitlieh ausgedehnte Punkt ist eindimensional (Dauer); die zeitlich ausgedehnte Linie ist zweidimensional (Dauer, Länge); die zeitlich ausgedehnte Fläche ist dreidimensional (Dauer, Länge, Breite); der zeitlich ausgedehnte Körper ist vierdimensional (Dauer, Länge, Breite, Tiefe). Eine Figur, die sechs Minuten lang auf eine Fläche projektiert wird, ist (zeitlich) doppelt so ausgedehnt wie eine (räumlich) kongruente Figur, die nur drei Minuten lang projektiert wird. – Mein Gegenwarts-lch ist der Schnittpunkt der Gegenwart mit dem Ich, des Jetzt mit dem Hier. Letzte subjektive Einheit ist das Gegenwarts-lch, das Ich im Jetzt, der fixierte Ich-Punkt im Gegensatz zur schwankenden Ich-Linie des Lebens. In der Raumdimension ist das Ich Subjekt; in der Zeitdimension ist das jetzt Subjekt;‘ in der Raumzeitdimension ist das lch- jetzt Subjekt. Sozialethik behandelt das Nebeneinander der Menschen: Individualethik behandelt das Nacheinander der Augenblicke Sozialethik fordert Gleichstellung des Ich mit dem Du, Unterordnung des Ich unter das Wir — Individualethik fordert Gleichstellung des Jetzt mit anderen Lebenspunkten‚ Unterordnung des Jetzt unter Lebensstrecken, des Augenblicks unter die Dauer. Sozialethik fordert Einfühlung in die Nebenmenschen, Erweiterung des ich zur Gemeinschaft, Gerechtigkeit gegen Menschen und Menschengruppen. Individualethik fordert Einfühlung in vergangene und künftige Zustände, Erweiterung des Augenblicks-Ich zum Dauer-Ich, Gerechtigkeit gegen die eigene Vergangenheit und Zukunft. Sozialethik überwindet den Raum — lndividualethik überwindet die Zeit. Sozialethik ist räumliche Objektivität. lndividualethik ist zeitliche Objektivität. Was in der Sozialethik Selbstlosigkeit, ist in der Individualethik: Selbstbeherrschung: dort überwindet das überindividuelle Selbst das individuelle, hier überwindet das dauernde Selbst das flüchtige. Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung befreien den Menschen von der Herrschaft des Subjektiven und bilden so die Voraussetzung aller Sittlichkeit. […] Diese Gegenüberstellung, die sich beliebig erweitern ließe, eröffnet weite Perspektiven. Sie gibt uns einen Fingerzeig für die Beziehung des Individuum zur Menschheit: wie die verschiedenen Augenblicke eines einzigen Lebens sich voneinander unterscheiden und dennoch im Grunde identisch sind —— so sind alle Wesen trotz ihrer individuellen Verschiedenheit im Grunde identisch. Die Zeit spaltet das Leben in vielerlei Augenblicke der Raum spaltet Gott in vielerlei Wesen. Die Identität des Lebens ist ein Symbol für die Identität der Welt, für das Tat-Tvam-Asi.

7. Sesonnenheit
8. Treue
9. Keuschheit
10. Pietät
11. Wahrheitsliebe

Wahrheitsdrang und Wahrhaftigkeit sind die beiden Hauptformen der Wahrheitsliebe. Wahrheitsdrang strebt nach Gerechtigkeit im Erkennen: Wahrhaftigkeit strebt nach Gerechtigkeit der Wiedergabe. Wie Symmetrie geometrisches Symbol der Gerechtigkeit, ist Kongruenz geometrisches Symbol der Wahrheit. Irrtum beruht auf Inkongruenz zwischen Sein und Erkennen, Lüge beruht auf Inkongruenz zwischen Erkennen und Widergeben. Irrtum und Lüge entstehen durch geistiges Schielen. Selbstbetrug und Lüge ruhen auf egozentrischer subjektiver Grundlage: sie sehen in Dingen und Menschen nur Mittel. Wahrheitsliebe beruht auf Selbstlosigkeit, Selbstentäußerung: sie verlegt das Schwergewicht vom Subjektiven auf das Objektive, vom Ich auf die Dinge; ihr isst alles Dasein Selbstzweck. Ein restlos objektives Wesen wäre weder eines Irrtums fähig, noch einer Lüge. Wahrheitsdrang bekämpft allen Irrtum, allen Schein. Seine primitivste Form ist die Neugierde, die allen Tieren eigen ist. Neugierde ist eine Funktion des Selbsterhaltungstriebes: ein Tier, das in ein fremdes Milieu kommt, sucht dieses so genau wie möglich zu erforschen, um dessen Vorteile und Gefahren kennen zu lernen und dementsprechend sein Handeln einzurichten. Diese subjektive Neugierde steigert und läutert sich zum objektiven Wissens-‚ Erkenntnis- und Wahrheitsdrang des Menschen. Wahrheitsdrang ist objektivierte Neugierde: ihr gilt Erkenntnis nicht als Mittel, sondern als Ziel. Hauptgegner des Wahrheitsdranges sind: Trägheit, Feigheit, Eitelkeit. Man verschließt sich einer Wahrheit entweder, um sich die Mühe ihrer Erforschung zu sparen; oder aus Furcht vor ihren Konsequenzen; oder, weil ihre Erkenntnis die Eitelkeit verletzen würde. — Wahrhaftigkeit bekämpft die Lüge. Lügen heißt, Erkanntes oder Empfundenes subjektiv verfälscht widerzugeben. Tiere sind im allgemeinen wahrhaft: mit den ihnen zu Gebote stehenden Ausdrucksmitteln geben sie gewöhnlich ihre Gefühle unverfälscht wieder. Die Wahrhaftigkeit der Tiere, Kinder und Narren beruht auf ihrer Einfalt. Oft ist Wahrhaftigkeit in Denkfaulheit und Phantasielosigkeit begründet. So wenig, wie der Einäugige schielen, könnte der vollkommen Einfältige lügen. Lüge setzt Vielfalt des Wesens voraus. Es ist einfacher und bequemer, die Wahrheit zu sagen, a1s Lügen zu erfinden. Wie jede Ungerechtigkeit, muß, unter normalen Menschen‚ auch jede Lüge einen zureichenden Grund haben. In den meisten Fällen ist dieser zureichende Grund subjektiver Natur: Habsucht, Feigheit, Trägheit, Eitelkeit. Es gibt Lügen in Worten, Handlungen, Unterlassungen; es gibt Lügen über die erste, zweite und dritte Person, über Ereignisse und Dinge. Solche Gestalten der Lüge sind: Heuchelei, Falschheit, Verstellung; ungerechte Beschuldigungen und Vorwürfe, Beschönungen, Übertreibungen und Verdrehungen, Prahlereien und Schmeicheleien, Verleumdungen und falsche Versprechungen, Betrug und Meineid. — Freimut ist eine Synthese von Wahrheitsdrang und Wahrhaftigkeit ist das Bedürfnis, als Wahr Erkanntes wahrheitsgemäß zu bekennen. Freimut: Geschwätzigkeit = Wahrheitsdrang: Neugierde. Geschwätzigkeit und Neugierde sind subjektiv-unkritisch, Freimut und Wahrheitsdrang sind objektiv-kritisch. Freimut ist eine Spezialform der Freigebigkeit; statt sein Gut: die erkannte Wahrheit, für sich zu behalten, will es der Freimütige anderen mitteilen. Es ist geizig, eine Wahrheit grundlos zu verschweigen. – Aller Irrtum, alle Lüge trennt die Menschen, umgibt sie mit divergierenden Vorstellungswelten und schafft so Verwirrung und Mißtrauen. Wahrheit eint und verbindet; zerstört die Schranken, die Irrtum und Lüge zwischen den Menschen errichtet haben: denn es gibt unzählige Scheinwelten, aber nur eine einzige, wirkliche, gemeinsame Welt, die uns alle verbindet. Die Menschen sind ebenso einsam, wie verlogen. In jedem Menschen lebt jedoch eine geheime Sehnsucht nach restloser Aufrichtigkeit und die Hoffnung auf Entsühnung durch die Wahrheit. Dieser Sehnsucht und Hoffnung kommt die lnstitution der Beichte entgegen. Durch die Verwandtschaft von Lüge und Feigheit (Schwäche, Ohnmacht, Unfreiheit), Aufrichtigkeit und Tapferkeit (Stärke‚ Macht, Freiheit) wird Aufrichtigkeit schön, Verlogenheit häßlich. Voraussetzung aller Wahrheitsliebe ist gerechte Einfühlung in Menschen und Dinge. – Es ist an sich zwar sittlich, aber noch nicht verdienstlich, nach Wahrheit zu streben und die Wahrheit zu sagen. Erst wenn sich die Wahrheitsliebe unter individuellen Opfern durchsetzt und zu einem Akt der Selbstlosigkeit oder Selbstbeherrschung wird — tritt zu ihrer Sittlichkeit die Verdienstlichkeit.

12. Demut

Demut ist objektive Einschätzung des eigenen Wertes; Hochmut, Selbstüberhebung ist subjektive Überschätzung des eigenen Wertes. Demut beruht auf einer äußersten Erweiterung des Gemeinschaftsgefühles zum Weltgefühl. Aus dem Vergleich, den wir zwischen unserer Individualität und dem Weltganzen (Gott, Kosmos) ziehen, ergibt sich die demütige Erkenntnis eigener Nichtigkeit. Alle Religiosität wurzelt in Demut. Gott und Frömmigkeit sind korrelative Begriffe: von unserer Auffassung Gottes hängt die Art unserer Frömmigkeit ab. Wird zwischen Gott und der sichtbaren Welt ein Gegensatz konstruiert, so wird die entsprechende Frömmigkeit lebensverneinend, asketisch; wird Gott mit dem Kosmos identifiziert, so ist die Konsequenz lebensfreudige, lebensbejahende Frömmigkeit. Urphänomen der Frömmigkeit und Demut ist das Staunen; Quelle aller Gottlosigkeit ist der Hochmut (Hybris). Über Theisums oder Atheismus entscheidet letzten Endes der Wille, nicht der Intellekt: Demut setzt. Götter ein, Hochmut schafft sie ab. Es gibt eine Demut gegen Gott, gegen die Natur, gegen Menschen, Ideen, Pflichten, Aufgaben. Demütig gegen eine Idee, ein Werk, eine Aufgabe ist jeder wahre Künstler, Gelehrte, Arbeiter — überhaupt jeder, der sich freiwillig seinem Beruf unterordnet. Jede Anerkennung einer Pflicht beruht auf Demut. Jede Anerkennung fremden Wertes beruht auf Demut. Alle Sachlichkeit beruht auf Demut und Wahrheitsliebe. Die Ergänzung der Demut bildet das Selbstbewußtsein: wie Demut auf der Erkenntnis eigenen (absoluten) Unwertes – so beruht Selbstbewußtsein auf der Erkenntnis des (relativen) Eigenwertes. Dieses Selbstbewußtsein ist nur dann sittlich, wenn es in objektiver Selbsterkenntnis und objektiver Selbstkritik begründet ist. Bescheidenheit ist formale Demut; sie verhält sich zur Demut, wie Höflichkeit zur Liebe. Toleranz beruht auf Demut, Fanatismus auf Hochmut gegen fremde Meinungen. Der Tolerante hält es stets für möglich, daß er selbst im Irrtum, der Gegner im Recht ist; während der Fanatiker überzeugt ist, daß seine Meinung, und nur die seine, richtig ist, alle anderen irrig. — Geduld ist die Zeitform der Demut. Schicksal ist die Zeitform der Natur. Ergebung in Gott entspricht die geduldige Ergebung in das Schicksal, der Liebe zu Gott die Liebe zum Schicksal (amor fati). Demut und Geduld sind nicht auf die Menschen beschränkt: es gibt demütige und geduldige Tiere. Demut erfordert Selbstlosigkeit, Geduld Selbstbeherrschung. Alle Selbstlosigkeit beruht letzten Endes auf Demut, alte Selbstbeherrschung auf Geduld. So ist Demut die Tugend, die allen übrigen zugrunde liegt. Nur Demut kann uns veranlassen, unsere eigenen flüchtigen Interessen, Bedürfnisse und Wünsche höheren, allgemeineren, dauernden, kurz: objektiveren unterzuordnen; während der Hochmütige kein Gebot anerkennt, das ihn bindet, kein Wohl, das höher steht als sein eigenes, keinen Wert, außer sein Ich. Mitgefühl beruht auf Demut gegen den Mitmenschen; Gemeinschaftsgefühl beruht auf Demut gegen Menschengruppen; Gerechtigkeit beruht auf Demut gegen die Menschen und Dinge, zwischen denen und über die wir urteilen und richten; Besonnenheit beruht Demut gegen die Zukunft; Treue beruht auf Demut gegen die Vergangenheit; Keuschheit beruht auf Demut gegen die Nachkommen; Pietät beruht auf Demut gegen die Vorfahren; Wahrhaftigkeit beruht auf Demut gegen alles, was wir erkennen und widergeben wollen. In der Demut liegt Weisheit und Wahrheit; im Hochmut kurzsichtige Beschränktheit und Irrtum.

III. Das Grundprinzip der Moral
1. Ergebnisse
2. Objektivität als Grundprinzip der Moral
3. Objektivität der Kardinaltugenden
4. Subjektive und objektive Sittlichkeit
5. Vom Verdienst
6. Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung

[…] Ziel aller ethischen Pädagogik ist Erziehung des Menschen zu größerer Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung. Die Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung eines Menschen sind die Gradmesser seiner Sittlichkeit. Doch sind Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung negative Tugenden, die der Ergänzung durchpositive Tugenden bedürfen. Nur die asketische Ethik verzichtet auf positive Tugend und trachtet jene negativen Tugenden als Selbstzweck. Denn Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung, auf die höchste Stufe gebracht, zertrümmern den Willen und erlösen den Menschen aus den Fesseln von Zeit und Raum. Auch die lebensbeiahende Tugend ‘ fordert Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung — aber nicht als Zweck, sondern als Mittel; sie will den Willen weder töten noch brechen, sondern ihn von subjektiven Zielen auf objektive ableiten. Objektive Willensziele werden Pflichten genannt. In der negativen Forderung der Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung sind sich die ethischen Systeme einig – während sie in ihren positiven Forderungen, den Pflichten, uneins sind: denn hier richtet sich die Forderung nach dem Werte, der Wert nach der Weltanschauung. Die positive Ergänzung der negativen Selbstlosigkeit bildet die Liebe; die positive Ergänzung der negativen Selbstbeherrschung bildet die Tapferkeit. Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung bilden die Grundlage Mischer Charakterbildung Liebesfähigkeit und Tapferkeit bilden die Grundlage ästhetischer Charakterbildung. Seelenschönheit ist Sittlichkeit höheren Grades.

7. Einfühlung und Gerechtigkeit
8. Sittlichkeit und Weltanschauung

Alle Sittlichkeit ist auf Glauben gegründet. Zynismus ist praktische Skepsis, Sittlichkeit praktischer Glaube. Für den reinen Skeptiker, der alle Werte leugnet, kann es keine Sittlichkeit geben: ihm sind alle Neigungen, Zwecke, Handlungen und Menschen gleichwertig. Das Vorhandensein und die Erkennbarkeit einer Wahrheit ist Voraussetzung für die Anerkennung einer Ethik. Stets ist Sittlichkeit Funktion einer Weltanschauung; sie sucht unser praktisches Verhalten dem theoretisch als wertvoll Erkannten anzupassen. Jede Wandlung der Weltanschauung wirkt verändernd auf sittlichem Gebiete. Religiöse Bekehrung pflegt von Willenswandlung begleitet zu sein. Der Wert des Guten läßt sich logisch ebensowenig beweisen, wie der Wert der Wahrheit. In der Ethik muß sich die Logik darauf beschränken, aus den Weltanschauungs-Prämissen die praktischen Konsequenzen zu ziehen und Widersprüche unter den einzelnen Sittengesetzen zu vermeiden. Sittliche Grundtatsachen sind daher auf logischem Wege nicht lehrbar; wohl aber ist es möglich, jemanden von der Unsittlichkeit einer bestimmten Handlung zu überzeugen, indem man den Widerspruch aufdeckt, der zwischen dieser Handlung und seiner anerkannten Weltanschauung besteht. Um einem Mitmenschen die eigene ethische Grundüberzeugung beizubringen, gibt es zwei Wege: entweder die Bekehrung zur eigenen Weltanschauung, der dann automatisch die sittliche Überzeugung folgt, oder die Suggestion durch Beispiel, Wort und Willensübertragung. — Alle religiösen, philosophischen und ethischen Systeme verdanken ihre Entstehung dem gewaltigen Ringen eines großen Geistes mit der eigenen Skepsis. Die Menschen schaffen oder wählen sich ihre Weltanschauung als Bollwerk gegen die Skepsis, gegen das Chaos, das sie ständig bedroht, sobald sie den festen Boden des Glaubens verlassen. Denn in der Logik führt konsequenter Rationalismus zur Skepsis, in der Ethik zum Zynismus. Denken wirkt zersetzend, Glauben aufbauend. Weltanschauungen sind Synthesen von Glauben und Denken; der Glaube liefert das Material, welches das Denken formt. Der Glaube zeugt die Weltanschauung, das Denken gebiert sie dann. Nie kann Logik allein Wahrheiten zeugen, niemals Ethik allein Werte. Die Warte müssen bereits gegeben sein, damit Ethik sie zu Systemen und Normen verarbeiten kann.

9. Grade der Sittlichkeit

Da alle Sittlichkeit Funktion des Glaubens ist, maß die Verschiedenheit der geltenden Weltanschauungen auch eine Verschiedenheit der Sittlichkeiten zur Folge haben. Unsere theoretische Einstellung zur Welt diktiert unser praktisches Verhalten. Für den Gegenwarts-Solipsisten, der nur an die Wirklichkeit des Ich-Jetzt glaubt, für den Mitwelt und Nachwelt, ebenso wie persönliche Vergangenheit und Zukunft lrrealitäten sind, gibt es keine Ethik, weil es für ihn keine Objektivität gibt. Für den Egozentriker, dem die ganze Mit- und Nachwelt irren]. der eigene Lehenskomplex in seiner ganzen Ausdehnung aber real ist, erschöpft sich die Ethik in der Individualethik, in der Besonnenheit und Treue gegen die eigene Persönlichkeit und den daraus abgeleiteten Tugenden. Ziel des Dauer-Egoisten ist ein glücklicher Lebenslauf, des Augenblicks-Egoisten momentanes Glück. Der Altruist, der an die Gleichwertigkeit seiner Mitwelt mit ihm selbst glaubt, sieht folgerichtig sein höchstes Ziel im größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl. . Diesen drei Formen sittlicher Weltanschauung ist ‘das Eine gemeinsam, daß sie Glück mit Wert identifizieren; ihre Orientierung ist eudämonistisch, ob nun ihr Ziel Augenblicksglück, Dauerglück oder Allgemeinglück heißt. Dem Eudämonismus steht der Evolutionismus gegenüber. Der Evolutionist verlegt das ganze Wert-Problem auf eine andere Ebene; für ihn gibt es nur einen einzigen wahren Entwicklung. Glück hat keinen absoluten, nur einen symptomatischen Wert. Dem Evolutionisten gilt als sittliches Endziel, als „objektivster Nutzen“: höchste Entwicklung; dem Eudämonisten gilt als sittliches Endziel, als „objektivster Nutzen“: allgemeines Dauerglück. Denn „Nutzen“ ist nur ein Rahmenbegriff, der erst einen Inhalt bekommt, wenn wir uns darüber klar werden, wozu etwas nützen soll. Es ist eine Frage der persönlichen Weltanschauung, welcher Wert uns höher erscheint: Glück oder Entwicklung. Die evolutionistische Ethik lehrt: „Gut ist, was die Entwicklung fördert; übel ist, was die Entwicklung hemmt.“ Die eudämonistische Ethik lehrt: „Gut ist, was beglückt, übel, was betrübt.“ — Den drei Zielen des Eudämonismus: Augenblicksglück, Dauerglück, Allgemeinglück, entsprechen die drei Formen des Evolutionismus: a) Steigerung des augenblicklichen Lebensgefühles zu höchster Intensität; b) höchste Selbstvervollkommnung; c) Entwicklung der Welt zu höchster Vollkommenheit. Der Entwicklungsbegriff selbst ist vieldeutig. Es gibt eine biologische, eine ästhetische, eine geistige, eine religiöse, eine zivilisatorische Evolution. Jede Form der Evolution hat ihr eigenes Entwicklungsziel: der Übermensch, das Genie, der Heilige; Weltrepublik, Herrschaft des Geistes, Reich Gottes. Es gibt viele Variationen und Kombinationen dieser Entwicklungsziele und -typen. Jedem Evolutionsziel aber entspricht eine andere Evolutionsethik. Allem Evolutionismus gemeinsam ist der heroische Zug, die Verachtung von Lust und Leid, Glück und Unglück, Leben und Tod; der Zug ins Große, der teleologisch-kosmische Charakter; während die eudämonistische Moral selbst in ihrer objektivsten Form sich um menschliche Werte dreht, um Lust und Leid, Glück und Unglück. Entwicklung ist ein allgemeinerer und objektiverer Wert als Glückseligkeit; deshalb ist die evolutionistische Perspektive objektiv sittlicher als die eudämonistische. Der Evolutionismus sieht die Welt sub specie dei; er steht zwar höher als der Eudämonismus, ist aber zugleich problematischer und liegt uns ferner. Der Eudämonismus, der die Welt sub specie hominum wertet, ist dafür voraussetzungsloser und steht uns näher. Evolutionismus schafft mystische Sittlichkeit; Eudämonismus schafft rationalistische Sittlichkeit. Hauptvertreter der evolutionistischen Ethik ist Nietzsche, der eudämonistische Bentham. Eine kritische Ethik hat kein Recht, die eine oder andere Form der Sittlichkeit zu übersehen oder zu unterschlagen. Seit es eine menschliche Gesellschaft gibt, bestehen die evolutionistischen und eudämonistischen Sittlichkeiten nebeneinander. Sie fallen weder zusammen‚ noch schließen sie einander aus. Es gibt noch eine Weltanschauung, die objektiver ist als selbst die evolutionistische; es ist dies die Betrachtung der Welt, der Menschen und ihrer Werte sub specie aeternitatis ac infinitatis. Diese nihilistische Anschauung steht nicht nur jenseits von gut und böse, sondern jenseits aller Werte. Ihr ist alles gleichgültig und gleichwertig, was innerhalb dieser begrenzten und vergänglichen Scheinwelt ist und geschieht: Gutes wie Böses, Wahres wie Falsches, Schönes wie Häßliches. Sie leugnet die Existenz von Werten und Wertunterschieden, und damit die Möglichkeit einer Ethik überhaupt. So führt höchste Weisheit und größtmögliche Objektivität zu Skepsis, Indiffierentismus, Zynismus, wenn sich ihr nicht ein Glaube ergänzend zugesellt.

10. Vom Gewissen

Nach all ihren vergeblichen Bemühungen, aus den Widersprüchen der subjektiven und objektiven, der eudämonistischen und evolutionistischen Moral ein detailliertes Sittengesetz von allgemeiner Gültigkeit zu konstruieren, flüchtet sich die Ethik zur Intuition: dem Gewissen. Hier hofft sie, den archimedischen Punkt entdeckt zu haben, von dem aus sie den Sittenkodex ableiten kann. Das Gewissen gilt als die angeborene Fähigkeit, die Sittlichkeit oder Unsittlichkeit der eigenen Handlungen intuitiv zu erkennen und dementsprechend zu werten. Neben dem sittlichen Gewissen, der Reue, gibt es noch ein hygienisches und ästhetisches Gewissen: Ekel und Scham. Selbst die Reue beschränkt sich nicht auf sittliches Gebiet: man kann Irrtümer und Fehler ebenso bereuen, wie Unsittlichkeiten. — Die Reue ist stets abhängig von der praktischen (unterbewußten) Weltanschauung, die natürlich häufig von der deklarierten, theoretischen Weltanschauung des Oberbewußtseins abweicht. Man kann im Hirn ein Christ sein, im Herzen ein Heide und umgekehrt; das Gewissen kümmert sich nicht um das Bekenntnis des Geistes, sondern einzig um das des Gemütes. Die Weltanschuung des Gemütes deckt sich sehr oft mit der des Hirnes; dann sie entsteht teils aus Erkenntnissen, die unter die Bewußtseinsgrenze dringen, teils aus ererbten Seelentendenzen. Der Mensch, der keine praktische Weltanschauung hat, der Zyniker, muß gewissenlos sein: denn keinerlei Handlung kann seiner Weltanschauung entsprechen, keine ihr widersprechen. Der Hedonist, dem das eigene Dauerwohl Lebensziel ist, kennt keine Reue über Schädigung anderer, sondern nur Reue über selbstverschuldete Leiden und versäumte Freuden. Der Altruist, dessei1 höchstes Ziel Allgemeinwohl ist, bereut Wohltaten, die er versäumt, sowie Leiden, die er verursacht hat. Der Evolutionist bereut versäumte Entwicklungsmöglichkeiten. Reue tritt also immer dann ein, wenn (vermeintlich) wertvollem Motive unter dem Druck der subjektiven Perspektive weniger wert— vollen geopfert worden sind; somit hat Reue stets eine bestimmte Wertskala zur Voraussetzung, die ihrerseits wieder von der Weltanschauung abhängt. Menschen mit nicht-einheitlicher Weltanschuung haben auch ein nicht-einheitliches Gewissen; Menschen mit mehreren Weltanschauungen haben auch mehrere Gewissen, die einander, je nach den Umständen, ablösen. — Reue ist die Reaktion der objektiven Einstellung gegen Übergriffe des (zeit-räumlich) Subjektiven in uns; ihre Erklärung liegt in der Vielfalt der Charaktere in uns. Wäre unser Charakter rein Objektiv, so ergäbe sich nie ein Anlaß zur Reue; wäre unser Charakter rein subjektiv, könnten wir Reue nie empfinden: nur die Doppelorientierung ergibt den Zwiespalt des Gewissens. Was das Gewissen im Individuum, ist in der Gesellschaft die öffentliche Meinung mit ihren Funktionen: Opposition und Kritik. Das Gewissen ist in vieler Beziehung der Furcht ähnlich: einer Furcht vor dem Fremden, unserer subjektiven Persönlichkeit Feindlichen in uns. Furchtsame Menschen neigen zu Gewissensbissen und Skrupel; furchtlose Menschen sind häufig gewissem und skrupellos. — Selten ist das Gewissen soweit differenziert, daß es jeder Handlung gegenüber in bestimmter Form reagiert. Meistens richten sich seine Reaktionen nach den Assoziationskomplexen, mit denen die Tat in Verbindung gebracht wird. Eine Tat, die einem sittlichen Komplex assoziiert wird, wird vom Gewissen als sittlich empfunden, eine Tat, die einem unsittlichen Komplex assoziiert wird, als unsittlich. Die Haupttätigkeit der großen ethischen Werteschöpter (Religionsstifter, Propheten, Ethiker) war die Verknüpfung aller menschlichen Tätigkeitskomplexe mit sittlichen Werten (resp. Unwerten) und deren Lösung aus alten Assoziationsverbindungen: darin besteht ihr „Umwerten“. Wenn z. B. Seneca versucht, Mitleid aus einer sittlichen m eine unsittliche Regung umzuwerten, so löst er es aus der Verbindung: Mitleid — Güte — Seelengröße Wert, und verknüpft es neu: Mitleid — Affekt — Schwäche — Unwert. Auf diese Weise erklären sich auch die widersprechenden sittlichen Wertungen identischer Handlungen, selbst unter der Voraussetzung gleicher Weltanschauung. — Das Gewissen kann sich vor der Tat als Warnung, während der Tat als Hemmung, nach der Tat als Reue äußern. Billigung und Mißbilligung sind ebenfalls intuitive Wertungsformen des Sittlichen: nur richten sie sich auf fremde Handlungen, wie das Gewissen auf eigene. Alles, was vom Gewissen gilt, gilt, mutatis mutandis, auch von der Billigung. Auch Billigung ist eine Funktion der Weltanschauung. —— Das Gewissen wertet immer nur die subjektive, niemals die objektve Sittlichkeit; es stellt fest, inwieweit das Handeln der Weltanschauung entspricht, ohne auf diese selbst zu nehmen. „Handle nach deinem Gewissen!“ ist das Gebot subjektiver Sittlichkeit. Man geriete in einen circulus vitiosus, wollte man versuchen, ein Sittengesetz aus dem Gewissen herzuleiten: dann das Gebot, d. h. der Glaube an dasselbe, ist primär, die Gewissensreaktion sekundär. Weil unser Gewissen Funktion unserer Weltanschuung ist, kann Weltanschuung niemals Funktion des Gewissens sein. Diese Erkenntnis macht jeden Versuch, die Ethik auf das Gewissensphänomen aufzubauen, hinfällig: es gibt eben kein Mittel, objektiv Sittliches von objektiv Unsittlichem intuitiv zu unterscheiden.

IV. Entwicklung der Sittlichen Wertung
1. Entstehung der sittlichen Wertung

[…] Den Tieren ist jede sittliche Wertung unbekannt; ihre ganze Wertung beschränkt sich darauf, Dinge und Ereignisse nach dem Nutzen und Schaden, den sie dem Wertenden bringen oder drohen, in gute und schlechte einzuteilen. Auch ihre sittlichen Neigungen unterhegen allein der praktischen Wertung. Es sind also die beiden natürlichen Elemente der Sittlichkeit: sittliche Neigungen und praktische Wertung; aus diesen beiden Elementen hat sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte die sittliche Wertung, die es ursprünglich nicht gab, entwickelt. Schon die Tiere erkennen einen Unterschied zwischen Tieren, die sie bedrohen, und solchen, die sie in Frieden lassen. Der Hund unterscheidet die Menschen in solche, von denen er Gutes, und in solche, von denen er Böses zu erwarten hat, in Nützliche und Schädliche, Freunde und Feinde. So unterschied auch der primitive Mensch‚ noch bevor er eine sittliche Wertung kannte, seine Mitmenschen in solche, die ihm gut, und solche, die ihm böse waren: in Freunde und Feinde. Gut und böse bezeichnete nur die Beziehung der Individuen untereinander, ohneein allgemeines Werturteil zu beinhalten. Man begnügte sich mit der Feststellung, daß Freunde nützliche, Feinde schädliche Wesen seien. Nach und nach stellte es sich heraus, daß es Menschen gab, die vermöge ihres Charakters zur Freundschaft überhaupt unfähig und infolgedessen Feinde aller waren; es waren dies die vorwiegend subjektiv orientierten Menschen, denen jede Neigung zur Einfühlung und zur Gerechtigkeit abging, die grausamen, hartherzigen und treulosen Menschen, die Wüstlinge‚ Wortbrüchigen, Pietätlosen und Hochmütigen. Diese Menschen galten als Schädlinge, als gemeinSame Feinde‚ als böse schlechthin. Objektiv veranlagte, Menschen, die gütig, hilfsbereit‚ selbstlos, gerecht, besonnen, mäßig, treu, redlich, keusch, pietätvoll, wahrhaft, demütig und fromm waren, erkannte die Mitwelt als allgemein nützlich, als Freunde aller, als wertvoll, als gut schlechthin. So waren „gut“ und „böse“ aus Beziehungswörtern zu Eigenschaftswörtern geworden, aus relativen zu absoluten Wertbezeichnungen. Damit trennte sich die ethische Wertung von der praktischen, gut-böse von nützlich-schädlich. Es standen nun die extrem subjektiv orientierten „Bösen“ isoliert dem organisierten Egoismus ihrer Mitwelt gegenüber, die sich in ihrer Bekämpfung und Herabsetzung einig war: wie gefährliche Raubtiere wurden sie gehaßt, verfolgt, womöglich ausgerottet. Die „Guten“ wurden indessen als gemeinsamer Schatz der Gesellschaft gehütet, geschätzt, geliebt und geehrt; denn es lag im Interesse ihrer egoistischen Mitmenschen, sie zu erhalten und andere zu ermuntern, ihnen nachzuahmen. Die Folge dieser verschiedenen Behandlungsweise war, daß die Menschen aus Klugheit danach strebten, von der sie umgebenden öffentlichen Meinung unter die Guten gezählt zu werden. Es wurde erfahrungsmäßig festgestellt, welche Eigenschaften die Guten vor den Bösen auszeichnen‚ und aus welchen Taten auf derartige Eigenschaften zu schließen sei. So folgte auf die Wertung von Menschen die Wertung von Handlungen und Eigenschaften. . Die Menschen, die zu den Guten gezählt zu werden wünschten, entwickelten ihre sittlichen und bekämpften ihre unsittlichen Anlagen; so anerkannten sie die sittliche Wertung, die bisher nur dem Du ge. gelten hatte, auch für das Ich. Das Individuum übernahm die ethische Wertung von der Gesellschaft und teilte seine eigenen Neigungen und Handlungen, nach ihrem Richterspruch, in gute und böse ein.

2. Festigung der sittlichen Wertung

Verbreitet und befestigt wurde die sittliche Wertung mit Hilfe der Suggestion. Die Gesellschaft und ihre Repräsentanten: Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, Staat, Kirche, öffentliche Meinung, suggerierte im eigenen Interesse den Individuen den angeblich absoluten Wert des Sittlichen. Jeder Mensch muß aus selbstsüchtigen Gründen wünschen, eine möglichst selbstlose Umgebung zu haben. Je egoistischer einer ist, desto mehr Selbstlosigkeit fordert er von allen, mit denen er in Berührung kommt. So stellt die überwiegend aus Egoisten bestehende Gesellschaft an die Einzelnen die sittliche Forderung. Die Egoisten verkünden überall den Wert sittlichen Handelns und sittlicher Menschen, um selber daraus zu profitieren: so werden sie zu Predigern der Sittlichkeit. Vielfach gehen sie sogar ihren Mitmenschen mit dem sittlichen Beispiel voran, weil sie genau Wissen, daß ihre subjektiven Opfer reichlich aufgewogen werden durch die Vorteile, die sie daraus ernten, nicht zuletzt dadurch, daß ihr Beispiel Nachahmung findet und ihnen dann die Früchte fremder Sittlichkeit zufallen. – Es liegt im wohlverstandenen eigenen Interesse der Eltern, Erzieher und Lehrer, den Kindern, bevor sie zu selbständigen Werturteilen fähig sind, sittliches Empfinden und Verhalten zu suggerieren: denn „brave“ Kinder sind leichter zu beherrschen als „schlimme“ und machen ihren Eltern und Vorgesetzten mehr Freude. So ist zuerst der elterliche Egoismus ausschlaggebend für die ethische Tendenz der Erziehung. Diese Suggestion vollzieht sich meist in einem so zarten Alter, daß ihr Ursprung später vergessen wird; das von den Eltern eingepflanzte Vorurteil sittlichen Wertes wird dann rückblickend für angeborene, intuitive Wert-Erkenntnis gehalten. Mit der ethischen Erziehung beginnt im Menschen der Kampf zwischen natürlicher und sittlicher Wertung. Die natürliche Wertung schätzt in der Empfindungswelt die Lust, in der Erscheinungswelt Schönheit; die sittliche Wertung sucht‚ unterstützt durch die Gesellschaft und ihre Organe, diese Werte zu verdrängen und an deren Stelle die lrr-Lehre zu setzen: „Wertvoll ist allein das Sittliche!“ Der Staat will den objektiven Nutzen einer beschränkten Gemeinschaft, fordert daher vom Individuum Selbstentäußerung und beschränkte Sittlichkeit innerhalb seines Bereiches. Wie wenig ernst es dem Staate resp. seinen Repräsentanten mit der Ethik ist, zeigt sein Verhalten nach außen, anderen Staaten gegenüber. Hier kennt der nach innen sich als Hüter der Sittlichkeit aufspielt, keine sittlichen Hemmungen; hier ist für sein Handeln nur sein eigener Nutzen maßgebend. An diesem Beispiel ist am ‚deutlichsten zu erkennen, daß die Moral ihre äußere Sanktion nicht so sehr den sittlichen Überzeugungen der menschlichen Autoritäten verdankt, als vielmehr deren klugen: Egoismus. Der Staat, der bisher immer von einer herrschenden Kaste vertreten war, hatte jedes Interesse daran, seine Untertanen selbstlos, aufopferungsvoll, arbeitsam, feige, treu, geduldig, demütig, kurz, sittlich zu wünschen, um gegen innere Gefahren gefeit zu sein. Dieses Streben nach Moralisierung der Untertanen war ganz unabhängig von der persönlichen Einstellung des Herrschers resp. der Herrscherkaste zur Sittlichkeit: auch der unmoralischste Herrscher braucht und will moralische Untertanen. Daher sucht der Staat durch seine Gesetzgebung die Vorstellung des Verbotenen, die sich vielfach mit der des Bösen deckt, durch die Institution der Strafe mit Schmerz zu assoziieren und so zu entwerten. Durch Verfolgung und Tötung der extrem Unsittlichen, der Verbrecher, sowie durch die Sorge um ethische Kindererziehung befestigt er die sittliche Wertung. Im Kampfe um die Befestigung der sittlichen Wertung gegenüber der natürlichen waren durch die Jahrtausende die Priester zugleich Verbündete und Rivalen der Herrscher. Praktisch erschien die Religion in ihren mannigfachen Gestalten als Verquickung von Aberglauben und Sittlichkeit. Mit Hilfe des Aberglaubens suchten die Priester ihre intimen Beziehungen zur Geister-(Götter-)Welt zur Zähmung und Beherrschung der Laien zu verwenden. Als Folgen der Unsittlichkeit stellten sie härteste Strafen, als Folgen der Sittlichkeit köstlichsten Lohn den Gläubigen in Aussicht. Durch die Aufstellung der Gleichung Natürlicher Wert: sittlichem Wert = Zeitlichkeit: Ewigkeit, hoben sie den Wert des Sittlichen ins Unvergleichliche, Unendliche, Absolute. So sank der natürliche Wert irdischen Glückes zu einem relativen Minimum herab; im Hintugrunde des sittlichen Ideales entstand das asketische. Der letzte entscheidende Bundesgenosse der sittlichen Wertung im Kampfe mit der natürlichen ist die öffentliche Meinung. Fast jeder Mensch übt eine Kontrolle über die Sittlichkeit seiner Mitmenschen; aus Sittlichkeit, aus Klugheit, aus Heuchelei, aus Mißgunst, aus Nachahmung, aus Gewohnheit. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, Sittliches zu billigen, Unsittliches zu tadeln. Auf diese Weise entsteht in jedem Gesellschaftskomplex eine fast unwiderstehliche Massensuggestion im Sinne der Sittlichkeit. Bei jeder dieser vier Sanktionen sittlicher Wertung (Erziehung, Staat, Religion, öffentliche Meinung) sind es Autoritäten, die der Menschheit den Wert des Sittlichen nicht etwa beweisen oder erklären, sondern einreden und suggerieren; dieser Suggestion verleihen sie dann durch Lob und Tadel, Lohn und Strafe entsprechenden Nachdruck. Die allgemeine Anerkennung der sittlichen Wertung deckt sich mit den persönlichen oder Kasten-(Klassen-)lnteressen der betreffenden Autoritäten, resp. deren Repräsentanten. Also ist der Egoismus der sozialen Autoritäten Vater und Erhalter der sittlichen Wertung. Selbständig und losgelöst vom natürlichen Wert wird der sittliche aber erst dadurch, daß die Zöglinge (Kinder, Untertanen, Laien, Individuen) die sittliche Wertung, die ihnen ihre Autoritäten aufdrängen, innerlich anerkennen. Diese vierfache, seit Jahrtausenden ununterbrochene Moralpropaganda wird unterstützt durch die ethische Selektion: durch Erschwerung der Existenz- und Fortpflanzungsbedingungen der Verbrecher. Der subjektiv-unsittliche Mensch steht isoliert der auf objektiv-sittlicher Grundlage geschlossenen Gesellschaft gegenüber, die ihn so lange bekämpfen wird, bis sie ihn ausgerottet hat.

3. Hundemoral und Menschenmoral

Zur Illustration der Entstehung des sittlichen Wertes will ich ein Analogon aus der Tierwelt heranziehen. Der wilde Mensch kannte ebensowenig eine Ethik wie das wilde Tier. Erst die Gesellschaft schuf dem Menschen eine Moral, erst der Mensch dem Haustier eine Quasi-Moral mit Gesetzen, Pflichten, Wertungen. Hier gebe ich eine Darstellung der Quasi-Moral des Hundes, ihrer Entstehung und Wertung. Das oberste Sittengesetz des Hundes lautet: „Du sollst deinem Herrn gehorchen!“ Der detaillierte Sittenkodex verlangt von ihm: „Du sollst deinen Herrn lieben, ihm dienen und ihn beschützen; du sollst ihm Treue und Anhänglichkeit wahren; du darfst ihn nie verlassen; dich nie gegen ihn auflehnen, nie eine menschliche Wohnung verunreinigen, nie etwas fressen, was nicht für dich bestimmt ist; du sollst nie grundlos einen Menschen oder ein Tier anfallen und beißen; du sollst nicht durch übermäßiges Bellen deine Hausgenossen irritieren etc.“ Zu diesen allgemeinen Pflichten treten die Berufspflichten, die von Rasse und Stellung des Hundes abhängen: der Schäferhund hat andere Berufspflichten als der Jagdhund, der Wachhund, der Polizeihund, der Zughund, der Zirkushund und der Luxushund. Wer Hunde kennt, muß beobachtet haben, daß sie bei Pflichterfüllung gutes, bei Pflichtverletzung schlechtes Gewissen äußern; und daß die Äußerung schlechten Gewissens ähnlich, aber nicht identisch ist mit der Äußerung der Angst. Das Sittengesetz des Hundes fordert teils Beherrschung der Triebe (des Defäkationstriebes, des Beißtriebes, des Belltriebes, des Rauftriebes, des Freiheitsdranges usw), teils Regulierung und Ausbildung der Triebe (Jagdtrieb, Lauftrieb usw.): wie das menschliche Sittengesetz. Quelle der Hundemoral ist der Egoismus des Herrn, des Menschen: er ist der alleinige Schöpfer der Hundemoral. A priori gibt es ebensowenig eine Hundemoral wie eine Menschenmoral. Gut (brav, „sittlich“) sind Hunde, Hundeigenschaften und Hundetaten, die dem Herrn nützen, böse (schlimm, „unsittlich“) solche, die ihn schaden. Der Herr, der Mensch, oktroyiert durch Lohn, Strafe, Suggestion dem Hunde die anthropozentrische Wertung, die ursprünglich den Hund nichts angeht. Wie die Menschenmoral, entsteht mich die Hundemoral aus zwei Komponenten: l. Wertsetzung durch den Herrn (resp. die Autorität, Gesellschaft); 2. Wertanerkennung durch den Hund (resp. die Autoritätsgläubigen, die Individuen). Auch beim Hunde entsteht das Gewissen durch den Zwiespalt natürlicher und (quasi-)sittlicher Wertung; bei wilden Tieren existiert es nicht. Beim gezähmten, „zivilisierten“ Tiere, beim Hunde, ist es der Vertreter des Herrn im Hunde; beim zivilisierten Menschen der Vertreter der Gesellschaft im Individuum. Auslese und Vererbung spielen bei der Zähmung des Hundes die gleiche Rolle wie bei der Moralisierung und Zivilisierung des Menschen: die Verbrecher (bissigen, unbändigen Hunde) werden ausgerottet, nicht weiter gezüchtet; die Züchtung der „sittlichen“ Hunde wird gefördert. Bei Hund und Mensch ist der moralische Sind kein ursprünglicher Instinkt, sondern ein Entwicklungsprodukt, ein künstlicher Instinkt: kein Urteil, sondern ein Vorurteil. Vorurteile können jedoch begründet oder unbegründet, berechtigt oder unberechtigt sein: es fragt sich nun, ob das sittliche Vorurteil sich rechtfertigen läßt, oder nicht. Hundephilosophen und Hundeethiker könnten versuchen, den Wert der Hundemoral etwa so zu rechtfertigen: „Die Unterwerfung des Hundewillens unter den Menschenwillen ist Unterwerfung eines niederen Wesens unter ein höheres; es gibt keinen höheren Weit, als sich einer höheren Ordnung einzufügen und in ihr aufzugeben; ergo ist die Hundemoral unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte — absolut wertvoll.“ Ein zweiter Hundephilosoph würde dozieren: „Höchster, absoluter Wert ist Züchtung der Gattung zu vollendetsten Typen; aus eigener Kraft kann der Hund dieses Ziel gar nicht oder erst in endlos langer Zeit erreichen; der Mensch züchtet Hunderassen, verlangt aber als Gegenleistung Unterwerfung unter seinen Willen: ergo ist diese Unterwerfung, als conditio sine qua non zur Höchstentwicklung —— zum Wert —, wertvoll.“ Ein dritter Hundephilosoph würde endlich folgende Sanktion entdecken: „Die einzige Möglichkeit, der systematischen Ausrottung, die nach und nach alle Raubtiere bedroht, zu entgehen, bildet für den Hund die Unterwerfung unter den Menschen. Leben ist wertvoll; Sittlichkeit ist der einzige Weg zur Erhaltung der Gattung: also ebenfalls wertvoll.“ Alle diese klugen Argumente und Rechtfertigungsversuche könnten nichts an der Tatsache ändern, die Hundemoral nicht diesen Erwägungen entsprungen ist, sondern dem Dauereinfluß menschlicher Dressur, Strafe, Belohnung, Lob und Tadel. Ebensowenig kann irgendeine philosophische Rechtfertigung des sittlichen Wertes etwas an der Tatsache ändern, daß die positive Wertung des Sittlichen, die negative des Unsittlichen, aus der praktischen Wertung autoritativer Persönlichkeiten und Gruppen hervorgegangen ist. — Aus seiner Entstehung läßt sich der Wert des Sittlicherz nicht rechtfertigen: es gilt, andere Wege zu seiner Rechtfertigung zu suchen.

4. Entwicklungstendenzen der Moral
V. Kritik der sittlichen Wertung
1. Methoden ethischer Wertkritik
2. Sittlichkeit und Eigenglück
3. Sittlichkeit und Allgemeinglück
4. Sittlichkeit und Entwicklung
5. Sittlichkeit und Wahrheit
6. Sittlichkeit und Weisheit
7. Würdigung der Ethik

Die Moral ist eine der großartigsten Schöpfungen der Menschheit. Sie hat es vermocht, den Menschen zu zivilisieren, ihn aus einem Tiere in einen Menschen zu wandeln. Sie hat den Menschen vor seinem schlimmsten Feind geschützt: den Menschen. Sie hat dem Menschen den stärksten Bundesgenossen gegen die feindlichen Naturgewalten zugeführt: den Menschen. Sittlichkeit ist im gleichen Sinne wertvoll, wie Medizin und Technik: wie Medizin den Menschen vor Krankheiten, Technik vor Naturkatastrophen schützt, so schützt Ethik ihn vor seinen Mitmenschen. Wie der Technik und Medizin, so ist es auch der Ethik gelungen, das menschliche Dasein erträglicher und reicher zu gestalten. Dennoch ist Ethik Menschenwerk: von Menschen für Menschen geschaffen. Ihr Wert ist entliehen, ihre Gesetze weder in der engen menschlichen, noch in der großen kosmischen Natur begründet. Aus den Naturgesetzen lassen sich die Sittengesetze nicht ableiten. Die Ethik ist menschlich orientiert: ihre Grenze ist der von Lebewesen bewohnte Teil unseres Globus; ihr Wert ist vor allem ein Produkt der Gesellschaft, ein soziales Phänomen. So scheint die Ethik relativ wertvoll, absolut wertlos. Dennoch enthält die Ethik auch Elemente absoluter, kosmischer Werte. Ihre Abstammung von der Objektivität, sowie ihre Verwandtschaft mit Wahrheit und Weisheit lassen darauf schließen, daß sie zu einem Komplex höherer Werte in Beziehung steht. Dieser Komplex höherer, allgemeinerer Werte, in denen Ethik gipfelt, ist: Schönheit.

 

Zweiter, positiver Teil: Hyperethik
I. Schönheit
1. Elemente der Schönheit
2. Objektive und subjektive Schönheit
3. Lust und Schönheit
4. Liebe
5. Vom Künstler

Jedes Menschen Weltbild ist das Spiegelbild seiner eigenen Seele. Je harmonischer das Innere eines Menschen, desto empfänglicher ist es für die Harmonien der Welt: desto harmonischer ist ihm die Welt. Je vitaler eine Seele, desto intensiver lebt sie ihr Leben, desto lebendiger erscheint ihr die Welt. Der Künstler ist der Mensch mit der reicheren, weiteren, lebendigeren Seele. Genie ist Geist plus Liebe. Der Überschuß seiner Vitalität, seiner Liebe und Geistigkeit‚ lebt sich in seinen Schöpfungen aus, die nur einen Abglanz jener Welt darstellen, in der er lebt. Durch seine Werke leiht der Künstler der übrigen Menschheit seine schönheitssichtigen Augen, sein reicheres Herz und gewährt in‘ Einblick in die schönere Welt, die ihn umgibt. Während wir ein Kunstwerk bewundern, fühlen wir uns unwillkürlich in die Seele seines Schöpfers ein, indem wir dessen Schöpfungsakt im Kleinen wiederholen: denn jedes Wahrnehmen ist unvollkommenes Erschaffen. So genießen wir die große Seele des Künstlers in seinen Schöpfungen und wachsen an seiner Größe und Harmonie. Unter seiner Leitung gewinnen wir selbst an Vitalität und Harmonie, werden wir selbst schöner und größer. Dieses innere Wachstum weckt in uns die Lustgefühle, die mit jedem Kunstgenuß verbunden sind. Das Genie ist der objektivste Mensch. Er muß die Elemente aller Dinge in sich tragen, um zu allen Dingen in Beziehung treten zu können. Für ihn das objektiv Schöne auch subjektiv schön; er sucht und findet seine Lust in der objektiven Schönheit. innerste Objektivität des genialen Menschen ist die Ursache seiner Wahrhaftigkeit und Weisheit. Der geniale Künstler antezipiert die Gesetze des großen Kosmos und wendet sie, neuschöpferisch, auf den kleinen Kosmos seines Werkes an. Der Unterschied zwischen Naturding und Kunstwerk ist der, daß jedes Naturding Bruchstück des großen Kosmos ist; während jedes vollendete Kunstwerk seinen eigenen, geschlossenen Kosmos darstellt, und so zum Abbild des ganzen Kosmos wird. Der große Kosmos ist das vollendetste Kunstwerk: in ihm löst sich jede scheinbare Häßlichkeit in Schönheit auf. Ein verkrüppelter Baum, der uns häßlich scheint, trägt doch zur Schönheit des Urwaldes bei. Je weiter die Perspektive, desto größer die Schönheit Das subjektiv Häßliche ist zurückzuführen auf Mangel an Distanz, auf Mangel an Objektivität Hätten wir Gottes Objektivität: die ganze Welt müßte uns schön erscheinen, wie ihm selbst am siebenten Schöpfungstage. Wer alles wahrhaft lieben könnte, müßte auch in allem das Schöne sehen: die Mängel um uns beruhen größtenteils auf Mängel in uns. Der Künstler, der mehr Liebe in sich hat, sieht schon in vielen Dingen Schönheiten, die allen übrigen Menschen verborgen bleiben. Diese Schönheiten holt er hervor und übersetzt sie mit seinen Darstellungsmitteln der schönheitsblinden Menschheit. Aus unscheinbarsten Gesichtern zaubern große Maler ewige Kunstwerke. Um im unerreichter Schönheit zu erstehen, mußte das Lächeln Giocondas in den göttlichen Augen Lionardos wiedergeboren werden. Für den vollkommenen müßte, wie für Gott, die ganze Welt sich in Schönheit auflösen: dem: alles Dasein ist harmonisches Leben._ Es gibt nur verschiedene Grade des Schönen; es gibt kein Negativ der (objektiven) Schönheit, es gibt kein (objektiv) Häßliches. Alle scheinbare Häßlichkeit ist subjektiv und beruht auf einem perspektivischen Fehler. — Ebenso wie es kein Negativum des Schönen gibt, gibt es, streng genommen, auch kein Negativum des Sittlichen, kein Böses: es gibt nur höhere und niedrigere Grade des Sittlichen wie des Schönen Der Nullpunkt aller Sittlichkeit ist der rein subjektive Standpunkt des Ich-Jetzt, die Perspektive der Un-sittlichkeit‚ der Sitten-losigkeit: jenseits dieses Nullpunktes gibt es keine Steigerung, keine negative Skala des Sittlichen. Nie kann menschlicher Wille auf Negatives, auf menschlichen Schaden gerichtet sein: genau betrachtet, ist jedes scheinbar böse Wollen nur extrem egoistisch. Fremder Schmerz kann Mittel zum eigenen Genuß sein, nie Selbstzweck, nie Endziel des Willens. Nur in der Mathematik gibt es negative Größen. Alle anderen Formen des Negativen sind relativ, subjektiv. In der Welt objektiver Kräfte und Verhältnisse gibt es nur verschiedene Grade des Positiven, gibt es Mehr- und Minder-wertiges, aber kein Un-wertiges, kein Negativum. — Die Welt ist die Erscheinungsform der Schönheit: häßliches Leben wäre eine contradictio in adiecto.

II. Hyperethik
1. Hyperethik

Schönheit als Prinzip menschlichen Handelns zeugt höhere Ethik. Neben der Sittlichkeit gibt es auch eine Schönheit des Wollens, Handelns, Fühlens, Denkens, eine Schönheit der Persönlichkeit. Diese Ästhetik des Menschen nenne ich Hyperethik. Hyperethik ist ästhetische Ethik, ethische Ästhetik. Ihrem Inhalt nach ist sie Ästhetik, ihrer Form nach Ethik. Sie ist die Synthese von Ethik und Ästhetik. Ethik durfte ich sie nicht nennen; denn sonst wäre sie nicht zu unterscheiden von jenem Komplex von Lebensregeln, die auf allgemeinen und dauernden Nutzen zielen. Ästhetik konnte ich sie ebenfalls nicht nennen; denn mit Ästhetentum pflegt sich die Vorstellung eines schwächlichen Quietismus zu verbinden, der passiv-beschaulich die Schönheit genießt: während der Hyperethiker aktiv-heroisch in sich und um sich Schönheit gestaltet. So war ich zur Prägung eines neuen Namens gezwungen. Hyper-Ethik bedeutet höhere Ethik. Hyperethik ist keine Anti-Ethik; sie stellt sich in keinen Gegensatz zur Ethik: im Gegenteil, sie berührt sich mit ihr in vielen Punkten. Ihr Streben geht nur dahin, das menschliche Wollen auf eine breitere, allgemeinere Basis zu stellen, als es die Ethik ist; sie will an die Stelle unserer heteronomen, von Autoritäten uns aufgezwungenen Ethik eine autonome setzen, die unseren Instinkten entspricht Sie will unser Handeln in Einklang bringen mit den Tendenzen der Natur in uns und um uns, statt, wie die Ethik, einen Widerspruch zwischen Sittlichkeit und Natürlichkeit zu konstruieren. Ihr Gebiet reicht weiter als das der Ethik: die Gesetze der Hyperethik, die zugleich die Gesetze der Ästhetik sind, umfassen nicht bloß den inneren und äußeren Menschen, sondern alles, was es in der Welt gibt. Doch auch hinsichtlich des Menschen reicht Hyperethik weiter als Ethik: Ethik wertet bloß Absichten, Neigungen, Charaktere – Hyperethik wertet auch die äußere Handlung, die Geste, sowie die äußere Persönlichkeit, die körperliche und geistige Erscheinung und deren Stellung zur Welt. Hyperethik kennt kein Verdienst und keine Schuld. Sie wertet den Menschen nicht anders als die übrigen Naturdinge und Kunstwerke nach seinen schönen Eigenschaften, ohne nach deren Entstehung und Ursache zu fragen. Die Zusammenpferchung eines Bäumchens zwischen höheren Nachbarstämmen erklärt zwar dessen Verkümmerung, entschuldigt sie jedoch nicht: denn schließlich hat jede Schönheit und Häßlichkeit ihre Ursache. Die Hyperethik zieht die logische Konsequenz aus dem Determinismus: an all unseren Vorzügen und Mängeln, schönen und häßlichen Taten sind wir gleich unschuldig; sie meidet die inkonsequente und oberflächliche Auffassung der Ethik, wir seien an unseren Charakterdefekten und Handlungen schuldig, an unseren Körper- und Geistesdefekten jedoch unschuldig. Denn faktisch tragen wir ebensowenig Schuld an unserer Armut, Krankheit und Häßlichkeit, wie an unserer Bosheit, Ungerechtigkeit und Verlogenheit: hyperethisch gibt es keinen Unterschied zwischen Tugenden und Vorzügen, zwischen Lastern und Mängeln, zwischen Schuld und Verhängnis: dann alles ist Schicksal.

2. Grundtendenzen der Hyperethik
3. Hyperethische Tugenden
4. Persönlichkeit

Das hyperethische Ziel des Menschen ist: Persönlichkeit. Persönlichkeit ist entfaltetes Menschentum; ist die platonische Idee des Menschen. Der Kristall ist ein Gleichnis der Persönlichkeit. Im Kristall entfaltet sich ein Mineral frei von äußerem Druck nach seinen inneren Gesetzen zu der ihm eigentümlichen Form, Farbe, Struktur; im Kristall gelangt sein Wesen zum klarsten, vollendetsten Ausdruck, im Gegensatz zu amorphem und kristallinischem Gestein. So verkörpert die Persönlichkeit die Vollendung des Menschen gegenüber der Masse vekümmerter, verkrüppelter, verstümmelter Individuen. Im Schatten und unter dem Druck seiner Nachbaräste kann kein Baum seine Vollendung erreichen; er muß sich anpassen, muß einzelne seiner Äste verkrümmen, den Stamm selbst verkümmern lassen. Nur der freistehende Baum hat die Möglichkeit, sich nach allen Richtungen, seinen inneren Kräften und Gesetzen entsprechend, zu entfalten. Wie für Kristall und Pflanze ist auch für menschliche Persönlichkeitsbildung Freiheit Vorbedingung. Persönlichkeit ist eine Funktion der Freiheit. Doch ist der freie Mensch nicht weniger gebunden, als der unfreie: nur sind es bei jenem innere, bei diesem äußere Kräfte und Gesetze, die seiner Freiheit Schranken setzen. Die Freiheit des Kristalls besteht nicht darin, daß er sich eine beliebige stereometrische Gestalt wählen kann: sondern darin, daß ihm ein inneres Gesetz seine Form diktiert, nicht der äußere Druck des ihn umgebenden Gesteines. Nur durch die Möglichkeit, seine Kräfte frei zu entfalten, lernt der Mensch deren natürliche Schranken kennen. Der Sklave, dessen Lebensentfaltung äußere Schranken hemmen, weiß nichts von den inneren: freigelassen ist er schrankenlos. Umgekehrt bedarf der, der innerlich schrankenlos ist, äußerer Stützen und Schranken, damit seine Seele nicht ganz deformiert: nur, wer die Gesetze der Schönheit in sich trägt, erträgt Freiheit, ohne seine Form zu verlieren. Tapferkeit und Tatkraft sind nötig, um die Freiheit nach außen zu schützen; Weisheit, Selbstbeherrschung und guter Geschmack errichten die inneren Schranken der Freiheit. Ziel der Persönlichkeit ist: Freiheit innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks. Jedes unkritisch übernommene Vorurteil ist ein äußerer Zwang; jedes dem eigenen Inneren entsprungene Gesetz ist eine innere Bindung, ein Baustein zur Persönlichkeit. Persönlichkeit ist ästhetischer, kein ethischer Wert. Es gibt sittliche und unsittliche Persönlichkeiten; es gibt sittliche und unsittliche Unpersönlichkeiten. Arbeit ist Zwang, Spiel ist Freiheit; je mehr die Arbeit dem Spiele nähert, je mehr Spiel-Raum sie der persönlichen Anlage, dem persönlichen Geschmack, der persönlichen Phantasie bietet, desto geeigneter ist sie zur Persönlichkeitsbildung. Unter den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen hat im allgemeinen nur der Reiche und Mächtige die Möglichkeit zur Freiheit. Großen Naturen bieten Reichtum und Mac/d wunderbare Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentfaltung; kleine Naturen werden zu Sklaven ihres Geldes und ihrer Stellung und verlieren durch sie jede Freiheit, jede innere Schranke. Zweischneidig wie der Reichtum ist die Not: starke Naturen härtet sie; zwingt sie zu stärkerem Widerstand gegen den starken Druck der Umwelt, zu Tapferkeit und Tatkraft, zu Weisheit und Selbstbeherrschung; schwache Naturen bricht sie; raubt ihnen die letzten eigenen, inneren Formen und macht sie so zum unfreien Spielball von Menschen und Verhältnissen. — Es gibt verschiedene Stufen der Persönlichkeit. Jeder Mensch läßt sich idealisieren‚ d. h. mit Hilfe liebevoller Phantasie zu seiner spezifischen Persönlichkeit ergänzen. Denn jeder Mensch ist eine, durch Erziehung und Milieu, durch Arbeit, Not und Zwang verkümmerte lndividual-Persönlichkeit. Eine höhere Stufe als die individuale ist die typische Persönlichkeit, die das Ideal eines Typus (der ideale Deutsche, der ideale Europäer, der ideale Aristokrat) restlos verkörpert. Je größer die Gruppe, deren Ideal eine Persönlichkeit repräsentiert, desto größer deren Vollendung: der ideale Europäer ist ein höheres Ideal als der vollkommene Deutsche, Franzose, Italiener. Jeder umfassendere Persönlichkeitstypus ist eine harmonische Synthese begrenzterer Persönlichkeitstypen —— kein amorphes Konglomerat ihrer dirsparaten Eigenschaften: je universaler der Mensch, desto größer. Der vollendete Mensch müßte jenseits aller Rassen und Kasten stehen, deren gemeinsames Ideal er wäre. Allen historischen Persönlichkeitsidealen gemeinsam war das Ideal des entfalteten Menschen, der sich, bei äußerer Freiheit, die inneren Schranken der Schönheit setzt: dem Helden und Weisen des Altertums, dem Ritter und Heiligen des Mittelalters, dem Grandseigneur und der grande dame der Neuzeit, dem Gentleman der neuesten Zeit. Auch der Bohémien ist ein Versuch künstlerischer Menschen, den Widerständen der Armut zum Trotz zu Freiheit und Persönlichkeit zu gelangen, um der Unpersönlichkeit des Spießbürgerdaseins zu entfliehen. Die starke Vitalität des Bohémien sprengt die künstlichen Schranken, die seiner Entfaltung im Wege stehen die große Harmonie des Gentleman errichtet durch Selbstbeherrschung neue, innere Schranken der Schönheit. Wie alle Formen der Schönheit beruht auch Persönlichkeit auf gesteigerter Vitalität, die sich in Harmonie entfaltet: auf Größe und Kraft, Freiheit und Ordnung. Persönlichkeit ist das größte Naturphänomen und zugleich das höchste Kunstwerk. Weder Natur allein, noch Kunst allein: nur dem gemeinsamen, gleichgerichteten Streben von Natur und Mensch kann bisweilen das Wunder der Persönlichkeit gelingen.

III. Sanktionen der Hyperethik
1. Kosmische Sanktion der Hyperethik
2. Erotische Sanktion der Hyperethik

Eros zwingt den Menschen, die ästhetisch-hyperethischen Naturgesetze anzuerkennen. Denn die Natur selbst diktiert die Gesetze erotischer Anziehung; der Verliebte ist nur ihr blindes, willenloses Werkzeug. Daß ihm die freie Wahl seines Liebesobjektes zusteht, ist Irrwahn; er wird von der Liebe ergriffen, ist passiv: aktiv ist Gott Eros. Die Erotik schafft uns einen Einblick in die Werkstatt der Natur, aus der die kommenden Geschlechter hervorgehen. Nicht das Individuum: die Natur ‚selbst scheidet durch die Augen männlicher, durch die Augen weiblicher Erotik jene Eigenschaften und Typen deren Erhaltung und Fortpflanzung sie wünscht, von denen, die sie _ausrotten und aussterben lassen will. Der Grad des sexuellen Begehrens, den ein Mensch (oder ein Tier) beim anderen Geschlechte auslöst, ist das Maß seines biologischen Wertes. Dieser biologische Wert ist der objektivste, der uns erkennbar ist: bei jeder anderen Wertung sind Menschen Schiedsrichter; die erotisch-biologische Wertbestimmung hingegen erfolgt sub specie naturae. Es gibt individuelle und allgemeine Gesetze der erotischen Anziehung. Die individuellen Gesetze schreiben jedem Individuum den Partner vor, in den es sich zu verlieben hat. Je niedriger organisiert ein Mensch ist, desto leichter fällt ihm die Gattenwahl: Denn fast von jedem gesunden Individuum anderen Geschlechtes hat er Kinder zu erwarten, die ihm an Wert nicht nachstehen. Der höher organisierte Mensch hingegen findet nur schwer ein Wesen, das seine eigene Art noch hinaufzuzüchten imstande wäre. Für ihn ist die Gefahr einer hyperethischen Mesalliance größer, die Wahl verantwortungsvoller und schwieriger. Chinas Stagnation dürfte zum Teil darauf zurückzuführen sein, daß dort die Naturgesetze der Gattenwahl mißachtet, und die Ehen, statt nach den Prinzipien der erotischen Attraktion, nach den sehen der Eltern geschlossen wurden. Der individual-erotische Wert verhält sich zum allgemein-erotischen wie die subjektive Schönheit zur objektiven. Gewisse Eigenschaften steigern den allgemein-erotischen Wer: eines Menschen; machen ihn erotisch reizvoller, begehrenswerter. Die erotische Wirkung dieser Eigenschaften ist ein Symptom dafür, daß es Natur auf ihre Verbreitung und Verewigung abgesehen hat. Erfahrung lehrt, daß die Eigenschaften von allgemein-erotischen: Wert sich mit den hyperethischen Tugenden decken; daß der ästhetisch-hyperethisch wertvollste Mensch auch das stärkste sexuelle Begehren weckt, während die ethischen Vorzüge eines Menschen seinen erotischen Wert nicht erhöhen. Seit die Welt besteht, hatten schöne, leichtsinnige Frauen mehr Glück in der liebe als häßliche, tugendhafte; hatten starke, kühne, böse Männer mehr Glück bei Frauen als feige und gutmütige Schwächlinge. Der Heilige hat erotisch keinen Vorsprung vor dem Verbrecher, wohl aber der Gesunde vor dem Kranken, der Schöne vor dem Häßlichen, der Starke vor dem Schwachen, der Held vor dem Feigling. Es kommt also der Natur nicht darauf an, eine heilige und moralische„ sondern eine gesunde, schöne, starke Menschheit heranzuzüchten. Aphrodite, die Göttin der Schönheit, war zugleich Göttin der Geschlechtsliebe. Schönheit bestimmt und beherrscht die Gattenwahl. Alle Wesen sind im Paarungsalter, in der Paarungszeit am schönden. Das Tier ahnt und der Mensch weiß, daß nur die Steigerung seiner Schönheit ihm den Sieg im Geschlechtskampf bringen kann: der Gesang der Vögel und die Kosmetik der Menschen sind Funktionen der Erotik. Die Schönheit in der Liebesperiode hat noch eine zweite Ursache: Nie ist Leben intensiver, als zur Zeit der Fruchtbarkeit; nur stärkstes Leben kann zeugen. Diese Potenzierung der Vitalität in der Erotik äußert sich nach außen als Schönheit, nach innen als Lust. Die erotische Lust ist die Innenseite der erotischen Schönheit. Könnten Blumen empfinden: ihr höchstes Glück fiele fraglos in die Periode ihrer höchsten Schönheit: in die Blütezeit. Die wichtigsten Erscheinungsformen der Schönheit, in die Männer und Frauen sich verlieben, sind Grüße und Kraft, Mut und Geist, Harmonie und Reinheit, Grazie und Anmut. — Die erotische Wertung deutet auch die Reihenfolge an, nach der Natur die menschlichen Vorzüge wertet; je stärker die erotische Anziehungskraft einer Eigenschaft, desto höher ihr biologischer Wert. Erfahrungsgemäß wird die Erotik am stärksten durch die äußere Erscheinung des geliebten Wesens bestimmt. Körperliche Gesundheit, Schönheit und Harmonie, Kraft, Anmut und Grazie sind für den erotischen Erfolg ausschlaggebender als sämtliche psychische Vorzüge. Mehr noch als für den Mann gilt dies für die Frau, deren Mission es ist, die Schönheit der menschlichen Form zu erhalten (Weib: Mann = Form Inhalt, s. S. 77). Häufiger als die Frau kann der Mann körperliche Schönheitsfehler durch hyperethische Charaktervorzüge ersetzen und die Erotik des anderen Geschlechtes durch Willenskraft, Seelengröße, Edelmut und Tapferkeit wecken. Schließlich sind auch die geistigen Vorzüge erotisch wertvoll: mitunter kann ein geistreiche: oder genialer Mensch seine an Charakter- und Körperschönheit bevorzugten Rivalen im erotischen Wettkampf schlagen. Bei diesen Ausnahmefällen darf aber nicht übersehen werden, daß jeder hyperethische Vorzug des Charakters und Geistes irgendwie auch die Schönheit der äußeren Erscheinung steigert: die Schönheit des Blickes, der Mine, Haltung, Bewegung und Stimme. Verbrecherohren sind häßlich, ldiotenstirnen sind häßlich. Die Erscheinung eines Mannes, dessen Ausdruck und Haltung feige und schlapp, dessen Blick borniert, dessen Sprache läppisch ist, kann nicht schön sein; ebenso ist für die Schönheit der Frau Vitalität in ihren diversen Erscheinungsformen gleich unentbehrlich wie Harmonie. Auch der erotische Wert psychischer Eigenschaften ist also auf deren physische Manifestationen zurückzuführen. In der Erotik wertet N dar am höchsten die Vorzüge des Körpers, dann die Vorzüge des Charakters, schließlich die Vorzüge des Geistes. Überall aber ist Schönheit der einzige Wert, den Eros anerkennt: so sanktioniert auch er die hyperethische Wertung.

3. Instinktivistische Sanktion der Hyperethik
IV. Ethik und Hyperethik
1. Ethik – Fragment der Hyperethik

Ziel der Hyperethik ist Harmonie mit dem Universum; Ziel der Ethik ist Harmonie mit der Menschheit. Gesetzgeber und Nutznießer der Hyperethik sind höher, aber ferner als die der Ethik. Hyperethik und Ethik gehören verschiedenen Sphären an: Tugend ist menschlich, Schönheit göttlich. Ein Hauptproblem der Hyperethik ist ihre Auseinandersetzung mit der Ethik. In dieser Frage kamen die beiden größten Hyperethiker der Neuzeit, Nietzsche und Guyau, zu entgegengesetzten Resultaten. Der lmmoralist Nietzsche sieht höchste Lebensentfaltung im Willen zur Macht und stellt infolgedessen sein hyperethisches Ideal, den Übermenschen, in ausgesprochenen Gegensatz zur Moral. Der Moralist Guyau sieht höchste Lebensentfaltung in der Liebe; sein Übermensch ist ein Abbild Christi‚ seine Hyperethik mit der Ethik identisch. Beide beurteilen das Problem einseitig: großes Leben manifestiert sich als Liebe und als Macht, als Sittlichkeit und als Unsittlichkeit. Es gibt sittliche und unsittliche Übermenschen: Zarathustra ist ein Ideal, Christus ist ein Ideal. Die Natur kennt kein Schönheitsmonopol: die Schönheit der Lilie ist kein Argument gegen die Schönheit der Kamelie und Rose, Schönheit Buddhas kein Argument gegen die Cäsars und Goethes. In ihrer Gestaltenfülle schafft Natur schöne Pflanzenfresser neben schönen Raubtieren, Gazellen neben Löwen. Nietzsche und Guyau haben beide unrecht: Ethik und Hyperethik sind weder Widersprüche noch identisch. Dennoch gibt es vielerlei Beziehungen zwischen Hyperethik und Ethik. Wir wissen aus unserer Ethik, daß sich alle sittlichen Neigungen zurückführen lassen auf zwei Grundtendenzen des Wollens: Einfühlung und Gerechtigkeit (s. S. 47). Einfühlung ist Funktion der Vitalität, Gerechtigkeit ist Funktion der Harmonie. Einfühlung (Liebe) ist eine Farm extensiver Lebensentfaltung; Gerechtigkeit ist vergeistigter Gleichgewichtssinn und dadurch eine Erscheinungsform des Harmoniegefühls. Einfühlend ist nur eine reiche Seele; Gerecht ist nur eine harmonische Seele. Einfühlung und Gerechtigkeit sind hyperethische und ethische Werte zugleich: in der: beiden Grundtendenzen der Ethik begegnen wir den Urphänomenen der Hyperethik wieder. — Auch die Objektivität, die Basis aller Ethik, ist ein hyperethischer Wert: der objektive Mensch lebt in Harmonie mit seiner Umwelt‚ der subjektive in Disharmonie. So ist Objektivität Funktion da Harmonie, eines Grundwertes der Hyperethik. Ethik ist ein Fragment der Hyperethik; nicht umgekehrt.

2. Hyperethische Doppelgestalt sittlicher Tugenden

Jede Tugend trägt hyperethisch einen Januskopf: sie kann schön oder häßlich sein, aus Größe oder aus Kleinheit hervorgehen, am Stärke oder aus Schwäche. — Mitgefühl kann hervorgehen aus Seelengröße, aus Vitalität, deren Reichtum die Grenzen der eigenen Persönlichkeit sprengt und deren Gefühlsüberschuß in andere Menschen überströmt: oder es kann ein Produkt sein der Schwäche, der Weichlichkeit und Wehleidigkeit: gegen dieses Mitleid richten sich die Anklagen Senecas und Nietzsches. Gemeinschaftsgefühl kann einer gesteigerten Vitalität entspringen‚ die sich im großen Leben der Gemeinschaft entfalten will, weil ihr das individuelle Leben zu eng und begrenzt scheint; es kann aber auch im Bewußtsein eigener Schwäche und Ohnmacht wurzeln, Im Anlehnungs- und Hilfsbedürfnis, im Gefühl der Unfähigkeit, allein den Daseinskampf zu bestehen. Gerechtigkeit kann _auf innerer Harmonie beruhen, die sich nach außen manifestiert; oder aber auf Unpersönlichkeit und Furcht vor der Verantwortmg des Unrechtes. Besonnenheit kann aus der gelassenen Kraft gebändigter Leidenschaft hervorgehen, aus sich selbst bezwingende: Seelengröße; oder aber aus Mangel an Vitalität und an Tapferkeit, aus Zaghaftigkeit, Feigheit und Schwäche. Treue kann beruhen auf der Standhaftigkeit eines festen Willens, den keine Versuchung und keine Gefahr erschüttern kann; oder aber auf Trägheit, au! Mangel an vorausblickender, schöpferischer Phantasie, auf Klebrigkeit und Ängstlichkeit. Keuschheit kann in der Bändigung einer starken Erotik durch einen noch stärkeren Willen bestehen; sie kann aber auch Ausdruck schwacher Sexualität als Symptom schwacher Vitalität sein, Angst vor starken Gefühlen und Erlebnissen, Feigheit und Schwäche: diese häßliche Keuschheit verbindet sich gerne mit Lüsternheit. Pietät kann auf Erweiterung des eigenen, großen Lebensgefühles auf vergangene Generationen beruhen; oder aber auf nicht überwundener, infantiler Angst vor Eltern, Lehrern und Toten: auf Schwächegefühlen. Wahrheitsliebe kann Ausdruck von Seelengröße und Tapferkeit sein, die sich nicht davor scheut, Wahrheiten zu erkennen und zu bekennen; oder aber eine Folge von Phantasielosigkeit, Denkfaulheit, Einfältigkeit und Angst vor der Verantwortung des Lügens. Demut kann aus Weisheit und Seelengröße hervorgehen; oder aber aus Feigheit vor Gott und den Menschen, aus Mangel an Selbstbewußtsein, an Stolz und Scham; diese Demut (Bescheidenheit) beruht auf Minderwertigkeitsgefühlen und ist erbärmlich. — So hat jede Tugend, die gleichzeitig schön ist, ihren häßlichen Doppelgänger. Die Verwechslung dieser beiden Tugendformen hat Nietzsche dazu verführt, in der Bekämpfung der alten Moral zu weit zu gehen. Es ist die niederträchtigste Form nicht faßlicher Verleumdung, Manifestationen schöner Tugend auf deren häßlichen Doppelgänger zurückzuführen. Umgekehrt ist es sehr beliebt, Schwäche und Feigheit in die Maske der Güte zu kleiden. Nichts hat die Güte hyperethisch mehr kompromittiert, als dieser Mißbrauch.

3. Hyperethische Güte und Bosheit

[…] Der Gute aus Kraft ist dem Bösen aus Kraft näher verwandt als dem Guten aus Schwäche. Die Kraft des Bösen kann ihn schließlich zur Harmonie führen; er kann sich in einen Heiligen verwandeln (bekehren), während dieses Ziel dem gutmütigen Schwächling ewig unerreichbar bleibt. — Der Gute ist das Ideal der Ethik; der Edle ist das Ideal der Hyperethik. Um edel zu sein, muß man aus Größe gütig sein! aus Stärke gütig sein! in Schönheit gütig sein! in Weisheit gütig sein!

4. Hyperethik als Gipfel der Ethik
5. Genealogie der Hyperethik

Seit der griechischen Aufklärungsperiode hat das Abendland drei Weltanschauungsepochen durchlebt: l. Das Zeitalter der naiven Bejahung (Spätantike): eudämonistisch, optimistisch, bejahend; 2. Das Zeitalter der Verneinung (Mittelalter): eudämonistisch, pessimistisch, verneinend; 3. Das Zeitalter der heroischen Bejahung (Neuzeit): evolutionistisch, pessimistisch, bejahend. Die naive Bejahung ist optimistisch; sie ist überzeugt von der Erreichbarkeit eines irdischen Zustandes, in welchem Lust das Leid überwiegt. Daß praktisch das Verhältnis von Lust und Leid umgekehrt ist, wird auf lokale und temporäre Umstände zurückgeführt; auf Kriege, auf Verfassungsfehler, auf falsche Weltanschauungen und dergleichen. Ziel der naiven Bejahung ist Glückseligkeit. Das Glücksproblem war das Grundproblem damaliger Philosophie, von Kyrenäikern und Epikuräern bis zu Stoikern und Kynikern: was Sie unterschied, war die Methode des Glücksstrebens, nicht das Ziel. — Dieser hoffnungsfreudigen Stimmung folgte eine Epoche der Resignation. Eine Verfassung hatte die andere abgelöst, auf die endlosen Kriege war der römische Dauerfriede gefolgt, und doch konnte alle so klug erdachte Lebensweisheit nichts an der Tatsache ändern, daß die Lustbilanz des Lebens passiv blieb. Der Optimismus wurde durch Pessimismus, Lebensbejahung durch Lebensverneinung abgelöst. Die Welt wurde christlich, blieb aber eudämonistisch. Dieser pessimistische Eudämonismus war das charakteristische Merkmal des Christentums. Der Mensch verzichtete nicht auf die Glückshoffnung, sondern verlegte sie aus dem trostlosen Diesseits in ein besseres Jenseits. An die Stelle des positiven trat negatives Glücksstrebens: Weltflucht; Minderung des Leidens durch Minderung des Wollens, Unterdrückung der Vitalität und ihres Brennpunktes: der Sexualität, durch Entsagung und Verneinung; Kampf gegen das Jammertal des Lebens und gegen alles, was uns an dasselbe fesselt, vor allem gegen Lust und Schönheit; Sehnsucht nach Tod, Erlösung, Himmel. Stoiker und Kyniker stellten die Verbindung zwischen Epikuräern und Eremiten her, die bei aller Gegensätzlichkeit ihrer theoretischen und praktischen Konsequenzen doch auf dem gemeinsamen Boden des Eudämonismus standen. Mit der Neuzeit setzte die dritte Weltanschauung ein: die heroische Bejahung. Die kosmische Entthronung der Erde durch Kopernikus führte nach und nach zur Erkenntnis, daß menschliches Glück und Unglück, Tugend und Laster kosmisch recht belanglose Dinge sind; daß Natur nicht nach ethisch-eudämonistischen, sondern nach ästhetisch—evolutionistischen Zielen strebt. Allmählich ringt sich der Glaube durch, daß es höhere Werte gibt, als Glück und Unglück des Individuums oder der Gesamtheit; daß Lust und Leid irrelevant sind, im Diesseits wie im Jenseits; daß, trotz des überwiegenden Erdenleides, Leben wertvoll ist, weil es darin nicht auf Genuß ankommt, sondern auf Entfaltung und Gestaltung. So verläßt die hyperethische Weltanschauung der heroischen Bejahung endgültig die eudämonistische Auffassung zu Gunsten der evolutionistischen und bejaht das Leben trotz ihrer pessimistischen Erkenntnis. Sie widerlegt den Pessimismus nicht, sondern überwindet ihn. Sie sagt: „Mag auch das Leben mehr Leid bringen als Lust, es ist dennoch lebenswert, weil es Möglichkeiten zur Entfaltung und Gestaltung in sich birgt.“ Statt um Lust und Tugend kreist das heroisch-ästhetische Leben um den Pol der Schönheit. Ursprünglich ist jedes Volk unbewußt heroisch: Heraklessäge, Edda und Nibelungenlied sind Dokumente dieser Weltanschauung, die sich durch den Eudämonismus niemals ganz verdrängen ließ: die Welt der Ritter war mehr heroisch als christlich. Es bedarf aber nach der rationalistischen Aufklärung immer einer zweiten, irrationalistischen Aufklärung, um die ewigen Ideale des heroischen Zeitalters kritisch auferstehen zu lassen. Praktisch setzte diese neue ästhetisch-heroische Weltanschauung in der Renaissance ein. Ihr erster theoretischer Verkünder war Giordano Bruno, ihr größter Friedrich Nietzsche. Wir stehen erst am Beginn der neo-heroischen Weltepoche, der die kommenden Jahrhunderte gehören. Mit der naiven Bejahung hat die heroische das aktivistische Element, mit der Verneinung das pessimistische gemeinsam: neu ist an ihr der ästhetische Evolutionismus. Sie will dem Leiden weder durch Genuß noch durch flucht ausweichen, will es überwinden durch Tat und Schönheit, durch Vitalität und Harmonie.

V. Praktische Hyperethik
1. Hyperethische Pädagogik

Die Hauptformen praktischer Hyperethik sind: Hyperethische Pädagogik: Kinderbildung, Menschenbildung; Hyperethische Biotik: Lebensbildung, Lebenskunst; Hyperethische Politik: Volksbildung, Staatskunst. Ethische Pädagogik erzieht: sie zähmt und dressiert das wildgeborene Kind zu einem brauchbaren und nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft Hyperethische Pädagogik bildet: sie formt aus dem rohen Material des ungebildeten Menschen das lebendige Kunstwerk der Persönlichkeit. Erziehung und Bildung widersprechen einander ebensowenig, wie Ethik und Hyperethik: sie ergänzen einander; dann das Kind ist sowohl Baustein der menschlichen Gesellschaft wie Ansatz zur Persönlichkeit. Der Beruf des Menschenbildners ist am nächsten verwandt mit dem des Blumengärtners; denn auch die entfaltete Persönlichkeit ist ein organisches Kunstwerk. — Die hyperethische Pädagogik folgt der Anleitung der Natur, die in der Erotik am höchsten körperliche, dann seelische und zuletzt geistige Schönheit wertet. Ihr Ziel ist erst Körperbildung, dann Charakterbildung und schließlich Geistesbildung: der vollendete Charakter stützt sich auf einen vollendeten Körper, der vollendete Geist auf einen vollendeten Charakter. Der wichtigste Teil der Körperbildung ist Hygienik, der Schutz der Gesundheit Hygienik ist der vernachlässigteste Teil der modernen Bildung. Statt den Kindern, von den ersten Volksschulklassen an, die Hygiene des Atmens, des Waschens, des Essens und Trinkens zu lehren und sie so vor den Gefahren unhygienischen Lebens zu schützen, wird ihr Gedächtnis mit den sinnlosesten Episoden der Geschichte überlastet und jener wichtigste Unterrichtsgegenstand ignoriert. Nach platonischen Grundsätzen sollte der Unterricht des Kindes, vom Spiele ausgehend, mit Musik (Tanz) und Gymnastik beginnen‚ mit der Entwicklung der physischen Harmonie und Energie. Aus dem Training des Körpers entwickelt Charakterbildung: Willenstraining, Selbstbeherrschung, Ausdauer. Der negative Teil hyperethischer Charakterbildung deckt sich mit dem ethischen Erziehungsideal der Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung. Während aber ethische Pädagogik meist bestrebt ist, zur Erreichung dieser Ziele die kindliche Vitalität zu dämpfen oder zu brechen, betrachtet hyperethische Pädagogik als ihr höchstes Ziel die Steigerung der Vitalität. So ergänzt sie negative Selbstlosigkeit zu positiver Liebe, negative Selbstbeherrschung zu positiver Tatkraft und Tapferkeit. In der Mädchenerziehung geht die Liebe voran, in der Knabenerziehung die Tapferkeit. Geistesbildung gründet sich auf Charakterbildung: aus Selbstbeherrschung, Selbstlosigkeit und Demut wächst Weisheit, der Gipfelpunkt geistiger Schönheit. Weisheit setzt eine gewisse Reife voraus: während Edelmut schon in früher Jugend erreichbar ist. Diese natürliche Reihenfolge der Persönlichkeitsbildung erkennt die kontinental-europäische Pädagogik nicht an. Sie stellt sie geradezu auf den Kopf, indem sie als ihr Hauptziel die intellektuelle Erziehung betrachtet, als Nebenziel die moralische, während sie die physische Erziehung größtenteils vernachlässigt. Diese Versündigung an der Natur führt unweigerlich zu Degeneration. – Die Hauptaufgabe des Menschenbildners ist negativ: Schutz des Kindes vor körperlicher, seelischer, geistiger Verbildung, Verkümmerung und Verkrüpplung, Fernhalten aller boshaften, häßlichen und beschränkten Einflüsse. Freiheit allein bewahrt das Kind vor Verlogenheit, Feigheit und Bosheit; sie allein ermöglicht dessen Entfaltung zur Persönlichkeit und die Entwicklung seiner inneren Gesetze. Die Befestigung der inneren Gesetze und Schranken des Kindes bildet die positive Seite hyperethischer Pädagogik. Jedes Kind ist von Natur aus hyperethisch orientiert: es liebt das Schöne an sich und anderen. Dieses Streben nach Schönheit gilt es pädagogisch auszunützen und zu entwickeln, statt zu bekämpfen. Richtig angewendet, wird es zum wirksamsten Bildungsmittel. Das Ideal des edlen und vollkommenen Menschen, in die Seele des Kindes gepflanzt, wirkt dort von selbst als Bildner und Gestalter. Neben den hyperethischen Idealen gilt es, die hyperethischen Instinkte des Kindes zu entwickeln und zu klären: den guten Geschmack, das Zartgefühl, Taktgefühl, Schamgefühl; den Sinn für schöne Formen, für Stil, für Ehre und Stolz. — Das hyperethische Erziehungsideal für Knaben und Mädchen ist verschieden. Höchstes hyperethisches Gebot für Knaben ist: „Seid stark!“ für Mädchen: „Seid schön!“ Knabenerziehung gipfelt in der Erziehung zur Kraft des Körpers, Charakters, Geistes; Mädchenerziehung gipfelt in Erziehung zur Schönheit, zur Harmonie den Körpers, Charakters, Geistes. Hauptwaffe des Mannes ist Geist, des Weibes Schönheit. Ein dummer Mann ist ebenso mißraten wie eine häßliche Frau. Das Gegenstück zum männlichen Genie bildet die weibliche Schönheit. Anpassungs- und Nachahmungstrieb gehören zu den stärksten und elementarsten Trieben der Kinder; durch sie wirkt der hyperethische Pädagoge stärker als durch Abschreckung. Er bringt womöglich das Kind in eine schöne und reine Umgebung, läßt es früh die Schönheiten von Natur und Kunst genießen und macht es bekannt mit den großen ldealgestalten der Dichtung und schichte. Mehr als allen andere aber veredelt und bildet der Umgang mit großen, gütigen und edlen Menschen. Deshalb kann nur der daran denken, Menschenbildner zu werden, der an seiner eigenen Vollendung gearbeitet hat. Für den wahren Menschenbildner ist das Kind und dessen Schönheit ebensosehr Selbstzweck wie für den Künstler das Kunstwerk. Er darf nicht an die Vorteile denken, die ihm das Kind eines Tages bringen könnte, und auf diese die Erziehung einstellen: sonst gleicht er dem Künstler, der sein Kunstwerk verfälscht, damit es ihm mehr Geld einbringt; er handelt hedonistisch, nicht heroisch. Der heroische Menschengstalter, der hyperethische Pädagoge, findet Genugtuung und Lohn in der Vollendung seines Zöglings.

2. Hyperethische Biotik

Ziel der hyperethischen Biotik ist Ausbau der Persönlichkeit zum dreidimensionalen, des Lebens zum vierdimensionalen Kunstwerk. Hyperethische Biotik ist identisch mit Lebenskunst. Mit dieser verwandt sind Lebensweisheit und Lebensklugheit. Lebensweisheit und Lebensklugheit sind aber beide eudämonistisch orientiert. Lebenskunst hingegen ist, wie alles Hyperethische, ästhetisch-evolutionistisch-heroisch. Der Lebenskünstler will ein großes, starkes, freies und harmonisches Leben. Er will reichstes und tiefstes Erkennen, Erleben, Gestalten. Er liebt und bejaht sein Glück und sein Unglück, sein Leben und sein Schicksal. Er zieht es vor, zu genießen und zu leiden, statt teilnahmslos am Leben vorbeizuschleichen. Er sucht durch Denken und Erleben, durch Lesen und Reisen, durch Lieben und Kämpfen in immer neue Beziehungen zur Welt zu treten, vergangenes und künftiges, exotisches und okkultes Leben mit dem eigenen zu verweben, um so an Größe und Tiefe zu wachsen, um vielseitiger, differenzierter, universaler zu werden. Denn Leben ist Wachsen: die Kunst des Lebens ist die Kunst des richtigen Wachsens. Der Mensch entwickelt sich nicht nur an seinen Erkenntnissen und Erlebnissen, sondern auch an seinen Taten. Schöne Taten verschönern den Menschen, große steigern ihn, edle veredeln ihn; während häßliche Taten ihn verunstalten, kleinliche ihn verkleinern, schmutzige ihn beschmutzen. Nicht nur der Charakter zeugt die Tat, sondern auch die Tat bildet den Charakter, und keine Handlung geht an der Seele spurlos vorüber. Daher ist es für den, der sein Wesen zur spezifischen Schönheit entfalten will, notwendig, daß er jede neidische und gehässige, jede träge und feige Regung ausschaltet und durch gütige Taten die eigene Größe und Harmonie, durch tapfere Taten die eigene Kraft und Freiheit fördert. Der Lebenskünstler ist heroisch: Schönheit, nicht Lust ist sein Ziel. Oft zieht er das tiefere Erleben des Leidens dem seichteren der Lust vor. Reichtum und Macht locken ihn nie als Mittel zum Genuß, sondern nur als Mittel zur Entfaltung der eigenen und zur Gestaltung fremder Schönheit. Das Leben des Lebenskünstlers ist ein Kampf gegen alles, was sein Kunstwerk veranstalten, herabziehen und beschmutzen will: gegen Krankheit und Häßlichkeit, gegen Beschränktheit und Gemeinheit, gegen Kleinlichkeit und Feigheit, gegen Elend und Unfreiheit, gegen Bosheit und Neid. Seine wichtigsten Waffen in diesem Kampfe sind Geist, Selbstbeherrschung, Tatkraft und Liebe. Der Kampf gegen das Häßliche wird gegen Lebensende immer schwerer: der Geist der Trägheit wird immer stärker gegenüber dem Geist des Lebens. Schönes Greisentum ist äußerst selten: es ist nur zu erringen durch die Dauerkosmetik der Güte und Weisheit, die im Laufe des Lebens immer stärker lüge und Erscheinung verklärt, und so großen Menschen, selbst wenn ihrer Jugend Schönheit versagt blieb, im Alter jene unnachahmliche, überwältigende Ausdrucksschönheit verleiht. Der letzte, schwerste Kampf des Lebenskünstlers gilt den hältliehen Elementen des Sterbens. Den Tod selbst zu werten fehlt uns jede Möglichkeit: er bleibt uns ewig unbekannt und unerforschlich; wir kennen nur seinen Eingang: das Sterben. Das Sterben erscheint uns häßlich durch die Todesangst, die Unfreiheit des Sterbens, die Todeskrankheit und die Verwesung. Diese vier häßlichen Elemente des Sterbens sucht der Lebenskünstler zu vermeiden: die Todesangst durch Weisheit und Tapferkeit; die Verwesung durch Einäscherung oder Einbalsamierung; die Todeskrankheit und den Todeszwang durch rechtzeitiges, freiwilliges, schmerzloses und nicht entstellendes Sterben: durch ästhetischen Selbstmord. Der Selbstmord allein setzt einem freien Leben ein freies Ende; wartet nicht die äußere Notwendigkeit des Todeszwanges ab, sondern kommt ihr zuvor durch die innere Notwendigkeit der Freiheit; statt sie dem Zufall‚zu überlassen, bestimmt er selbst Zeit und Art des Todes und klammert sich nicht an ein Leben, dessen Vitalität bereits gebrochen ist. Um das Erdenleben trostloser erscheinen zu lassen‚ hat das Christentum den freiwilligen Tod verboten; um den Körper verächtlicher zu machen, zwingt ihn der Katholizismus durch das Verbot der Feuerbestattung zur Verwesung. Das Heidentum verstand sich besser auf schönes Sterben, von Sokrates bis Nogi; groß, erhaben und edel war auch das Ende jener germanischen Heldenkönige, die sich auf stürmischer See freiwillig mit ihren Schiffen verbrannten. Gipfel aller Lebenskunst ist Sterbenskunst, Überwindung des Todes wie des Lebens durch Schönheit.

3. Hyperethische Politik

Der Mensch erstrebt das Nützliche; begeistert sich aber doch nur am Schönen. Das von Individuen wie von Völkern. Neben wirtschaftlichen Verhältnissen waren die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte hyperethische Ideale: Freiheit, Macht, Ehre, Würde, Wahrheit, Ordnung, Sieg, Ruhm, Gleichheit, Welterneuerung. Die materialistische Geschichtsauffassung ist einseitig und maß durch die hyperethische ergänzt werden. Mit einer Handvoll Freiwilliger und einem Ideal im Herzen landete Garibaldi in Sizilien und einigte in wenigen Monaten Italien Mit einer kleinen Freundesschar und einer Idee im Kopfe kam Lenin in Petersburg an und eroberte in wenigen Monaten Rußland. Auch die treibenden Kräfte des Weltkrieges waren hyperethische Tendenzen: der Wille zur Macht aufstrebender, der Wille zur Freiheit unterdrückter Nationen. Die imperialistische Idee ist ästhetisch-heroisch; es ist allgemein bekannt‚ daß die Bewohner kleiner Staaten in keiner Weise schlechter daran sind, als die Angehörigen von Großmächten: und doch sehnt sich ein Großteil der Menschen nach Größe, Macht und Kraft ihres Vaterlandes. Ebenso verdankt der Militarismus zu Wasser und zu Lande seine Schätzung den ihm zugrunde liegenden ästhetischen Elementen: der Kraftentfaltung, der Ordnung und Schönheit (Uniform, Militärmusik‚ Paraden usw.). In ihren Armeen und Flotten huldigen Herrscher und Völker den Symbolen ihrer eigenen Macht und Größe. – Diese hyperethischen Ideale können nie durch Nützlichkeitsargumente niedergekämpft werden: Ideale lassen sich einzig durch Gegenideale besiegen. Es handelt sich für die Pazifisten darum, solche zu schaffen. Kriegslosigkeit ist noch kein Ideal, das Begeisterungskraft besitzt: der negative Pazifismus muß durch das positive Ideal weltumspannender Brüderlichkeit, durch die Hoffnung auf ein neues,-paradiesisches Zeitalter verklärt werden. Völker für revolutionäre Ideen zu interessieren, genügt nicht: man muß es verstehen, sie für diese Ideen zu begeistern. Immer waren Freiheitsdichter Vorläufer der Freiheitshelden, und jede nationale Bewegung nahm in seiner Kulturbewegung ihren Ausgang. Heute beginnt das internationale Ideal an die Stelle des nationalen zu treten, Internationalhelden an die Stelle der Nationalhelden: neue Ideale leiten ein neues Zeitalter ein. In allem Volke lebt unausrottbar ein Sehnen nach Glanz und Prunk, nach Machtentfaltung und Romantik, nach verehrungswürdigen Persönlichkeiten. Diesem Drange der Volksseele kommt die Monarchie entgegen, die einen Menschen zum Symbol höheren Menschentums erhebt. Künftige Größe und erhoffter Reichtum hilft vielen Menschen über vorübergehendes Elend hinweg. Diese zeitliche Erscheinung gilt auch im Räumlichen: für jene, die s:ch neidlos nach persönlich unerreichbaren: Glanz höheren Menschentums sehnen, ist die bloße Existenz großer, mächtiger, freier und reicher Menschen ein Trost. Deshalb sind die Herrscher am populärsten, die sich nicht bloß als oberste Staatsbeamte fühlen, sondern auch als Hüter der hyperethischen Ideale; nur so läßt sich die große Popularität von Halbnarren wie Nero und Ludwig II. von Bayern erklären, deren verschwenderisches, egozentrisches Dasein dem Volke die Illusion romantischen Märchenkönigtums schenkte. Auch lehrt die Geschichte, daß sich Revolutionen seltener gegen despotische Herrscher richten, die durch Krieg und Verschwendung ihre Völker bedrücken, als gegen feige und schwächliche Epigonen, gegen Karikaturen und Verräter ihres eigenen Königtums. Denn sobald eine Dynastie die hyperethische Illusion ihres Volkes nicht mehr befriedigen kann, verliert sie ihre ästhetische Existenzberechtigung und bricht zusammen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben neugeschaffener Republiken‚ zur Verhinderung monarchistischer Restaurationspläne die ästhetische Lücke, die der Ausfall höfischen Glanzes hinterlassen hat, durch neue Formen von Schönheit auszufüllen und neue ästhetisch-hyperethische Ideale an die Stelle der gestürzten zu setzen. Das können nur die Künstler, kann nur die Kunst: in dieser Erkenntnis wurde Lenin Mäcen [Maecenas]. An die Stelle der Scheinpersönlichkeit des gekrönten Monarchen muß für die Persönlichkeitssehnsucht des Volkes die wahre Persönlichkeit genialer Staatsmänner und Künstler treten. Griechenland konnte seine republikanische Staatsform erhalten: denn seine unerreichte Kunst konnte sein hyperethisches Sehnen befriedigen und machte so den äußeren Glanz asiatischen Königtums überflüssig. Rom besaß nicht die Gestaltungskraft, sein ästhetisches Sehnen durch Kunst zu befriedigen: so schuf es sich Zirkusspiele und kaiserliche Götzen; denn auch sein Volk war mit Brot allein nicht zu befriedigen. — Freiheit ist der einzige Boden, auf dem Persönlichkeit gedeiht: das moderne Persönlichkeitsideal des Gentleman verdankt seine Entstehung der englischen Freiheit. Unterdrückte Völker und Klassen bleiben auf lange Zeit mit hyperethischen Mängeln behaftet. Überall sind die freiesten Kasten und Völker die hyperethisch wertvollsten: darin lag der hyperethische Wert des Adels; denn jahrhundertelang hatte er allein die Möglichkeit zu freier Persönlichkeitsentfaltung. Stets waren die ritterlich-aristokratischen Ideale hyperethisch, die bürgerlich-demokratischen Ideale ethisch orientiert Heutzutage ist Freiheit praktisch nur ein Vorrecht der Besitzenden. Wer, um leben zu können, den größten Teil des Tages unfreiwillige Arbeit leisten muß, ist im höchsten Grade unfrei: denn ohne Muße, in der sie sich auswirken kann, ist alle Freiheit illusorisch; Muße ist das zeitliche Korrelat der Freizeit. Daher liegt das Hauptproblem der sozialen Frage in der Einschränkung der Zwangsarbeit auf ein Minimum. Die Politik ist außer Stande, dieses Problem und damit die soziale Frage restlos zu lösen: das kann nur die Technik, durch die Erschließung neuer, verborgener Energiequellen, die der Menschheit den größten Teil ihrer bisherigen Arbeitslast abnehmen und so ein Zeitalter allgemeiner Muße und Freiheit herbeiführen wird. Das zweite Haupthindernis allgemeiner Freiheit ist die Staatsgewalt. Sie wurde notwendig, als die Übervölkerung den Individuen den Raum zur Persönlichkeitsentfaltung nahm und Macht Vorbedingung der Freiheit wurde. Sie wird überflüssig werden, sobald der menschliche Machtwille sich in Liebe sublimiert und die Entfaltung des einen so die Freiheit des anderen nicht mehr bedroht. Dieses zweite Hauptproblem der sozialen Frage kann die Politik ebenfalls nicht lösen, sondern nur die Ethik durch langsame Umgestaltung der boshaften Menschen in gutmütige, der bösen in gütige, durch Erziehung des Menschen zu Selbstbeherrschung und Selbstlosigkeit. Erst bis durch Technik und Ethik Arbeit und Staat überflüssig sein werden, wird die Menschheit zu wahrer Freiheit gelangen können, und die Entfaltungsmöglichkeit nicht mehr, wie heute, auf eine geringe Zahl privilegierter Menschen beschränkt bleiben. Diese Erlösung vorzubereiten und zu beschleunigen ist die wichtigste Aufgabe der Gesellschaft. Nicht bloß die individuelle Persönlichkeit kann sich zum Kunstwerk entfalten, sondern auch menschliche Gemeinschaften wie Ehe und Staat. Jede derartige Überpersönlichkeit gründet sich auf Harmonie ihrer Teile untereinander. Der Staat ist ein künstliches Produkt und als Kind der gleichen Autoritäten ein Bruder der Ethik. Seine Hauptaufgabe besteht im Ausgleich von Freiheit und Ordnung, den politischen Erscheinungsformen der hyperethischen Grundwerte Vitalität und Harmonie. Individualismus ist die subjektive Staatsform, Sozialismus ist die objektive Staatsform. Individualismus : Sozialismus Unsittlichkeit : Sittlichkeit. Sozialismus ist das ethische Staatsideal. Hyperethisch birgt er die Gefahr in sich, die Persönlichkeitsentfaltung durch die Allmacht der Gesellschaft zu unterbinden und seine Harmonie auf Kosten individueller Vitalität auszubauen. Deshalb wird der Sozialismus nur in seiner Synthese mit dem Individualismus hyperethisches Ziel. Der einzige ernstzunehmende Gegner des ethischen Sozialismus ist der hyperethische Nietzscheanismus. Gelingt s dem Sozialismus nicht, sich mit dem Nietzscheanismus zu verbünden, so wird er schließlich durch ihn überwunden werden. Hyperethische Ideale sind stärker als ethische: ein anti-persönlicher grauer Sozialismus könnte sich nicht dauernd gegen einen persönlichen, bunten lndividualismus halten. Es ist für den Sozialismus eine Lebens frage, seine Theorie mit Schönheit zu erfüllen, seine wissenschaftliche Grundlagen durch künstlerische zu stützen. Denn nur ein hyperethischer Sozialismus hat Zukunft, weil nur er Schönheit hat. Der hyperethische Sozialismus ist liberal, weil ihm Gleichheit nicht Selbstzweck ist, sondern nur wertvoll als Mittel zur Freiheit und Höherentwicklung; er ist evolutionistisch, weil sein Ziel nicht allgemeines Glück‚ sondern allgemeine Entwicklung ist: sein Kampf richtet sich gegen Hunger und Elend, gegen Arbeit und Zwang, gegen Krankheit und Unfreiheit nicht um der Glückseligkeit willen, sondern weil dies die stärksten Hemmungen menschlicher Entwicklung, Entfaltung und Schönheit sind Pädagogik und Hygienik sind seine wichtigsten Ressorts: Vorbedingung allgemeiner Gesundheit und Bildung aber ist Beseitigung der Not: so wird eudämonistische Politik Funktion der evolutionistischen. Der hyperethische Sozialismus ist heroisch: unbekümmert um eigenes und fremdes Glück kämpft er um seine Ideale Die heutige Form des heroischen Sozialismus repräsentiert der Bolschewismus, der unbekümmert um Lust und Leid der Menschen nach der Harmonie einer gerechteren Gesellschaftsordnung strebt. Diesem heroisch-hyperethischen Element verdankt er seine Werbekraft gegenüber der utilistischen Interessenpolitik der bürgerlichen Welt. Schließlich ist der hyperethische Sozialismus idealistisch, weil er an die Kraft und den Wert der hyperethischen Ideale glaubt; weil ihm die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse als Mittel, nicht als Zweck erscheint: Ziel_ ist ihm eine große, starke, freie und harmonische Menschheit. Durchseinen Idealismus unterscheidet er sich vom Marxismus, der die unglückselige Ehe mit dem Materialismus schloß, statt diese, dem Untergang geweihte Weltanschauung dem kapitalistisch-hedonistisch orientierten Bürgertum zu überlassen und sich durch die Welle eines neuen Idealismus tragen zu lassen. Ein solcher idealistischer Sozialismus der Liebe statt des Neides, des Gebens statt des Nehmens wäre ebenso unwiderstehlich, wie vor zwei Jahrtausenden das Christentum. Die äußeren Revolutionen bedürfen der Ergänzung durch eine innere, eine seelische Revolution: erst die Revolution der Brüderlichkeit würde die französische Revolution der Freiheit und die russische Revolution der Gleichheit ergänzen und krönen; ihr Ziel wäre nicht Zwangsgemeinschaft arbeitender Proletarier, sondern ein freies und schönes Zusammenleben einer adeligen Menschheit. — Ethische Politik will Zivilisation; hyperethische Politik will Kultur. Zivilisation und Kultur bilden keinen Widerspruch, sondern ergänzen sich wie Erziehung und Bildung. Zivilisation will eine zahme Menschheit in einem geordnetem Staate; Kultur will eine schöne Menschheit in einem schönen Staate. Kultur steht zur Natur in keinem Widerspruch: sie ist vergeistigte Natur; auch sie gründet sich auf die Prinzipien der Hyperethik, auf Größe, Freiheit, Kraft und Harmonie.

Schlusswort

4 thoughts on “Ethik und Hyperethik

  1. Pingback: Zion | baselfasel
  2. baselfasel says:

    „Ich kann mein Gefühl nur in die Metapher fassen, daß, wenn einer ein Buch über Ethik schreiben könnte, das auch wirklich ein Buch über Ethik wäre, dieses Buch mit einer Explosion alle anderen Bücher der Welt vernichten würde.”
    Wittgenstein

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