Henoch

Dort endlich taucht der heissersehnte Brunnen
Mit seinem Wasser, seinem Palmenschmuck
Am Rand der fahlen, gelben Wüste auf!
Dort wollen ruhen wir, die Reiter und Kameele,
Von schweren Mühen aus der Tagesgluth.
So rief beglückt mein Beduinenführer,
Der mich im glücklichen Arabien
Auf einem Ritt von Sana’a nach Mareb,
Der Ruinenstadt von Saba’s Königin,
Ein kundig treuer Freund, begleitete.
Dort gibt es Wasser, frisches, sprudelndes,
Erquickung uns und unseren Kameelen,
Und dichten Schatten unter Palmenbäumen,
Die uns auch süsse Früchte labend bieten.
Ein guter, segensreicher Quell ist dort;
Geweiht ist er dem Idrîs, dem Propheten,
Dem grossen Urahn vorsündflutlicher Zeiten.
Von ihm, so hört ich neulich in Sana’a,
Spricht auch der Koran, Gottes heil’ges Wort,
Und unser Herr Mohammed, über welchen Friede,
Nennt Mann der Wahrheit, Gottgesandten ihn
Und lobet in der Sure Ambiyâ
Ihn und Arabiens Vater Ismael
Ob ihrer gottvertrauenden Geduld.

 

Er war auch, wie uns Al-Baizawi meldet,
Ein Enkel Seth’s, ein Urahn Vater Noe’s,
Sein Name kommt von Dars, was Lehren heisst,
Denn hohes Wissen göttlicher Mysterien
Und dreissig Theile unsrer heil’gen Schriften
Vertraut ihm Allah an, der höchste Gott.
Er war der Erste, der die Schrift erfand;
Der Ahnherr ist er jeder Wissenschaft.
Ich weiss es wohl, sprach ich, es ist derselbe,
Den Christen Henoch nennen, sowie Juden,
Von dem das erste Buch des Moses sagt,
Dass er so gut, so fromm, so lieb gewesen,
Dass Gott lebendig ihn zu sich genommen,
Damit den bitt’ren Tod er nimmer koste.
So ist es, sprach der braune Beduine.
Dies sagt Djarîr auch, nennt ihn Freund der Engel,
Des Todesengels selbst, der drum ihn niemals
Berühren wollte mit der eisigen Faust.
Dies ist sein Brunnen; sicher ist es hier,
Kein Räuber stört an diesem heil’gen Orte
Des Lagers Ruhe, friedlich zieht der Wand’rer
Auf diesem Wege hin mit Hab und Gut.
Hier lagern oftmals Christen, Juden, Muslims
Vertraut zusammen, und die Leute sagen,
Dass sie bei diesem Brunnen friedlich fühlen,
Als wären Alle Kinder eines Glaubens
Und tief im Herzen umgewandelt worden.
Auch andere Kunde gibt’s; sehr fromme Muslims
Erfüllt mit Grausen grade dieser Ort,
Gespenster, sagt man, treten Nachts zum Brunnen,
Sie füllen laut die Luft mit Wehgeheul,
Bis sie ein grosser, alter Mann verscheucht,

 

An dessen Hand ein Ring diamanten leuchtet,
Mit solchem Lichte, dass einmal ein Frommer,
Der viel Ungläubige erschlug im heil’gen Kriege,
Sofort erblindete, als er ihn schaute.
Wir sind in Gottes Hand, sprach ich, er halte
Fern weg von uns die Kämpfer heiliger Kriege;
Mit den Gespenstern woll’n wir fertig werden.
Wir waren bald zur Stelle; die Kameele,
Die lange schon das frische Wasser witternd
Die Hälse hoben und die Ohren senkten,
Mit halb geschlossenen träumerischen Augen
Den trägen müden Schritt beschleunigt hatten,
Brachten uns trabend fast zum Wüstenbrunnen
Und tauchten ihre trockenen, dürren Lippen
Vor Wonne schnaufend in das frische Nass.
Omâr, der Führer, löst die Sattelgurte
Und schlägt das Zelt auf, zündet Feuer an
Und bringt geschäftig Futter den Kameelen.
Fern an dem Rand des weiten Horizontes
Senkt sich der glühend rothe Sonnenball
Schwerfällig langsam in sein täglich Grab,
Entzündend alle Sterne und alle Bergesgipfel,
Die fern sich hinziehen an dem Wüstensaume.
Nun aber bring uns schnell das Abendmahl,
Sprach ich zu Omar, meinem schlanken Führer,
Auch dich plagt sicher Hunger, Müdigkeit
Und es ist Zeit, dass wir zur Ruhe gehen.
Verzeih, o Sâhib, spricht Omar, der Führer,
Und zeigt mir mit dem braunen, sehnigen Arme
Die letzte Spur der untergehenden Sonne,
Gebetszeit ist’s des Abends, Gott dem Herrn
Gehören wir in dieser Feierstunde,

 

Erst ihm, dann uns uns’ren kleinen Sorgen
Sonst zürnt Idrîs, der Herr dieses Gebietes —
Und heute gar, denn wir vergassen gänzlich,
Dass es die heilige Nacht Al-Kadr ist,
“Die Nacht, die mondlos strahlt von eigenem Lichte,
Die Nacht, die besser ist als tausend Monde,
In welcher Allah seine Engel sendet
Und selige Geister, die nur Gutes bringen;
Die Nacht der Macht auf der der Friede ruht
Bis zu dem ersten Strahl der Morgenröthe”,
Wie uns der Koran lehrt, das Gotteswort.
So sprach Omar und wandte sich nach Norden
Gen Mekka hin, der heiligsten der Städte,
Und betet fromm zum Herrn der beiden Welten
Die Suren Fatha und Ichlâss genannt,
Dann macht er willig an die Arbeit sich
Und schafft das Mahl, das Beide uns erquickt.
So wird es Nacht; hell strahlen alle Sterne,
Giessen ihr Licht auf weite Ebenen,
Erleuchtend hell die Zacken der Gebirge.
Ausruhend von des langen Tages Müh’n
Liegen am Boden schlafend die Kameele,
Die Augen zu, auf ihren breiten Schwielen.
Sie röcheln leise, ausgestreckt die Hälse,
Die Wüstensegler dieser sandigen Meere!
Im Sternenglanze schlafen, stille träumend,
Ein Bund von Palmen, die der Zephir wiegt,
Sie haben treulich ihren Dienst gethan,
Indem den Quell sie vor der Sonne schützten,
Bewachend seine Frische, seine Kühle.
Mich floh der Schlaf, dem Omar schon verfallen.
Gehüllt in seinem Beduinenmantel

 

Hat et zur Seite mir sich hingestreckt;
Er schlief bereits; ich aber blieb im Wachen.
Denn immer kam mir Henoch ins Gedächtnis,
Den Gott so liebte, dass er ihm ersparte
Des Todes Qual, die Angst und Noth des Sterbens.
O, könnten wir doch alle sein wie Henoch!
Wie er so gut, so fromm, so liebenswürdig.
Doch wie, dacht’ ich, erstieg er solche Höh’n?
Er war kein Christ, kein Jud, kein Muselmann,
War ungetauft und wohl auch nicht beschnitten;
Er kannte weder Sonntag, Sabbath, Ostern,
Den Ramazan auch nicht, keinen Versöhnungstag,
Für ihn hatt’ nie der Sinai gedonnert,
Nie hatt’ er Kunde von der Nacht Al-Kadr
Und ward doch heilig, wie, durch welche Macht?
So grübelnd lag ich da im tiefen Sinnen
Und schier erdrückend ward es mir im Zelte;
Ich trat heraus ins unbegrenzte Freie
Zu stärken mich am frischen Hauch des Abends!
O schöne, unvergesslich grosse Nacht,
Sinnbild der Ruhe und der Seligkeit,
Des ausgelöschten Willens Ausdruck Du!
Wie fühl’ ich eins mein Selbst mit der Natur.
Kein ich, kein du, kein sie mehr, keine Vielheit,
Hier athmet nur das Brahm, das Seiende,
Das Atman heisst, in unserer eig’nen Seele.
Jetzt erst begreif’ ich was einst Moses schrieb:
Gott blies in uns den Odem ein des Lebens,
Dein ew’ges Atman. O Untheilbarer!
So zitterte es auf in meiner Seele
Und ganz verloren in Gedankenfülle
Streckt’ ich mich nieder auf die Satteldecke

 

Und lehnt’ das Haupt am Sattel des Kameeles,
Der vor dem Zelte hingeworfen lag.
Nichts sah ich mehr als die endlose Eb’ne
Gebadet in der hellen Sterne Glanz,
Den Brunnen mit den Palmen, die Kameele
Und fern im Westen Sanâa’s Bergesgfipfel.
Da zuckt’ ich auf! wär’s möglich, seh’ ich recht,
Ein menschlich Wesen hier in dieser Oede?
Ein tiefgebeugtes Weib, das auf den Stab sich stützt,
Wankt zu dem Brunnen, knieet bei ihm nieder
Und taucht die hohle Hand in seine Fluthen.
Sie hat das Haar verhüllt mit einem Tuche,
Hohl glänzen thränenlos ihr beide Augen,
Das Antlitz ist durchfurcht vom tiefsten Grame,
Die edlen schönen Züge gleichen Marmor,
Sie trägt die Kleidung der arabischen Jüdin.
Ein Geist ist’s, dacht’ ich bebend, was sucht hier
In dieser nächt’gen Stunde Juda’s Tochter?
Ist auferstanden sie aus ihrem Grabe?
Treibt sie Gewissensangst in diese Wildnis?
So blickt’ ich mit dem Ausdruck des Entsetzens
Auf dieses Weib mit den verstörten Zügen,
Die nun die Arme hoch gen Himmel hob,
In Jammertönen laut zu klagen anfing:
O Vater Henoch, hier an Deinem Brunnen
Bin fliehend ich, erschöpft dahingesunken
Und fleh’ zu Dir, Du Ahnherr meines Vaters,
Des heil’gen Sem, dess’ Samen Gott gesegnet.
Gib Rettung mir in meiner Herzensnoth!
Von allen Seiten drängen mich die Feinde,
Sie trachten tückisch mir nach meinem Leben
Und hetzen mich Verlass’ne, Jammernde

 

Von Land zu Land, durch Wüsten, über Berge
Und ohne Rast und Ruhe muss ich wandern!
Ich kann nicht mehr; zur Last wird mir das Leben,
Das gräuliche, das mich zu Boden drückt.
Im Grabe ruht der Gatte, längst verwitwet
Blieb ich allein zurück in seinem Reiche.
Zwei liebe Kinder raubten mir die Feinde,
Zugleich mit Haus und Herd und aller Habe.
Nie werd’ ich je ihr liebes Antlitz schauen,
Nie meines Gatten grosses Reich mehr sehen,
Meines Gebieters, der mein Alles war,
Dem Alles ich geopfert, selbst den Glauben,
Den Sem, mein Vater, durch die Ueberlieferung
Von Dir, o Henoch, dereinst übernommen!
Dir Heiliger ist dies Gebiet geweiht:
Zu Dir, o Ahnherr, naht sich Deine Tochter
Und fleht zu Dir um gnädige Erlösung.
Doch vorher, wenn es möglich ist, um Rache!
So redend rang das Weib die beiden Hände
Und liess sie langsam sinken auf den Schoss.
Sie senkt das Haupt und schüttelt es und starret,
Ein Bild des Jammers, in die Nacht hinein.
In diesem Augenblicke hört’ ich deutlich,
Wie eine Hyäne nah’ beim Zelte lachte,
Die in dem Sande scharrend faule Leichen
Auf diesem Karawanenweg getroffen.
Ein Schallen war’s wie Lachen von Dämonen,
Wenn sie sich weiden an der Menschheit Schmerz.
Noch hatt’ ich keine Zeit um mich zu fassen,
Als ich zwei Männer sah, die von verschiedenen Seiten
Geradeaus auf jenen Brunnen eilten,
Wo Hände ringend sass das müde Weib.

 

Sie kommen nah und näher ihr und eilend
Sind sie schon da; ich schaue klar ihr Antlitz
Und das des Weibes welche Aehnlichkeit!
Da rief der Eine, dessen breite Brust
Ein golden Kreuz trug, einen Helm das Haupt:
Hier die Verworfne, mir so oft entkommen,
Sie die Vergift’rin meines ganzen Lebens,
Die meinen Kindern nachstellt, Unheil streut
Auf mich sowie auf alles, was ich liebe,
Jetzt hab’ ich Dich, nun, mir entgehst Du nimmer,
Verfluchte Hexe, Unheil meiner Tage,
Du Fluch und Sorge meines ganzen Daseins!
Der andre Mann war näher auch getreten;
Viel jünger blickt er, auf dem Haupt ein Turban,
Auf dem ein Halbmond als Symbol erglänzte.
Ihr Beide hier! So heult entsetzt die Bleiche,
Ihr Hunde kommt ja nicht in meine Nähe,
Denn jene Qualen, die ihr mir verursacht,
Sie haben heute meinen Leib gestählt
Mit einer magischen ungeheuren Kraft,
Vor der die Euere zwergenhaft zerstiebt.
Ich warne Hunde Euch, rührt mich nicht an!
Mit meinen Fäusten greif ich Eu’re Kehlen,
Gleichzeitig schnür’ ich Euch den Odem zu,
Euch Beide zu erwürgen fühl’ ich Macht!
Beisst doch Euch selbst, zerfleischt Euch gegenseitig,
Ihr Missgeburten, scheussliche Bastarde!
Da sah ich beide Männer sich besinnen
Und, stille stehend, Blicke auf sich werfen.
Es waren Blicke solch infernalen Hassens,
Dass schaudernd ich mein Blut erstarren fühlte:
Du wieder hier. Du niederträchtiger Schurke,

 

Auf diesem heil’gen Boden, den Du schändest?
Heut sollen nicht mehr meine wuchtigen Hiebe,
Wie schon so oft, Dich aus dem Lande schleudern,
Für diesmal sollst Du bleiben hier vor mir,
Jedoch als Leiche, als ein faules Aas!
Der mit dem Kreuz begann jetzt ausser Fassung:
Der heute hier bleibt, Bluthund, das bist Du,
Denn mir allein gehört die ganze Welt!
Und dieses Land hast Du zuerst gestohlen.
So sprachen sie und griffen nach den Schwertern
Und plötzlich dann, wie losgelassene Panther,
Mit wildem Brüllen rasten auf einander
Die beiden schönen, jugendlichen Männer.
Zwei Schwerter blinkten, sausten schneidend nieder
Auf Helm und Turban, dass die Knochen dröhnten.
Da sank der Jüngere hin und rothes Blut
Quoll warm herab am Körper beider Kämpfer,
Und blutig ward das Kreuz, blutig der Halbmond…
Wohlan, so fresst Euch, recht so, stich ihn nieder!
So heulte laut das Weib, die Zähne fletschend.
Wie eine Rachegöttin schien sie mir.
Die Flammen aufschürt unbegrenzten Hasses.
Erst fahr’ ich Dir zu Leibe, rief der Aeltere,
Dann erst will jenem ich den Garaus machen,
Der dort am Boden liegt in seinem Blute.
Die Freude aber gönn’ ich ihm im Sterben,
Dass er mit Augen sehe, mit lebendigen,
Wie ich Dich, Niederträchtige, durchbohre,
Mit Deinem Drachenblut den Boden röthe.
So sprechend, stürzt er wüthend sich auf’s Weib,
Die ihm das Schwert entwindet, zauberkräftig
Und ihn gewaltig bei der Kehle packt.

 

Der Jüng’re, der am Boden lag und stöhnte,
Fasst Steine, schleudert sie vom Hass getragen
Dem Weibe und dem Aelteren in’s Antlitz,
Bis beide Kämpfer schwer zu Boden stürzen.
Dann kriecht er bis zur Stelle dieses Kampfes,
Zu drei zerfleischt sich nun der wilde Knäuel
Mit grimmen Zischen grenzenloser Wuth.
Da schwanden mir die Sinne; unerhört
Verwerflich, niederträchtig und auch schändlich
Schien dieser Kampf, denn ich erkannte deutlich,
Wie sehr sich glichen dieser Kämpfer Züge.
Doch mich hielt unsichtbar, gleichwie mit Zauber
Gefesselt bei dem Sattel regungslos
Nicht zu bewältigend eine dunkle Macht.
Zum Herrn des Himmels hob ich meine Seele:
O Gott, sprach ich, die Nacht ist’s Deiner Macht,
Die Friedensnacht, wo selig Deine Engel
Hinuntersteigen auf die arme Erde.
Erhöre jetzt mein ohnmächtiges Flehen,
Sende herab den besten Deiner Geister
Und rette, hilf in dieser höchsten Noth!
Da traf mein Ohr ein Rollen fernen Donners;
Hell leuchten Blitze, die von unten dringen,
Und es erscheint ein Greis im Silberhaare
Mit langem Bart und wallenden Gewändern.
Und alles Licht geht aus von einem Ringe,
Den an der Hand er trägt, der wetternd leuchtet.
Unendlich hehr und unbesingbar schön
Ragt sie empor, diese Gestalt des Greises.
In seiner Hand erblick’ ich einen Griffel,
Ein Sinnbild jedes segensreichen Wissens.
Ja, Henoch war’s, und dieser Ring, ich fühlt’ es.

 

Es war der Ring, von dem die Sage singt,
Der hehre Ring, der unschätzbare heil’ge.
Der Ring, der einst die Zauberkraft besessen
Vor Gott und Menschen angenehm zu machen!
Ja, sicher ist’s, kein Zweifel, jener Ring
Ist im Besitz des Herrn der Wissenschaft.
Der Ring, die Sehnsucht aller Religionen,
Der Ring, der uns zu Gott dem Herrn führt;
Der Ring, der Henoch so mit Gott verbunden,
Dass er das bittre Sterben ihm ersparte!
Der weise Mann im Osten hatte keinem
Von allen Sterblichen den Ring gegeben,
Er hatte, als ihn Gott zu sich berufen,
Auch diesen Ring, von dem er nie sich trennte,
Mit sich genommen in die Seligkeit.
Vor trat der Greis, hob die gewaltige Rechte
Den Ring hinauf hochragend in die Höhe.
Ein Meer von Licht erglänzt, der Strahl der Wissenschaft,
Der Vidya, der Sophia, der Erkenntnis,
In der der Wille sich verneinend wendet,
Dringt heilend jetzt den Kämpfern in die Augen.
Wie angedonnert stehen sie staunend da,
Ein Wunder heilte ihre schweren Wunden,
Es fallen ihnen Schuppen von den Augen
Und was verborgen war, ob gänzlicher Verblendung
Erkennen sie auf einmal sonnenklar.
O Mutter, liebe Mutter mein, o Bruder!
So tönt es laut und lauter, hell und klar.
Ist’s möglich, ist’s die Mutter und der Bruder,
Sind das die lieben, die geraubten Kinder?
Die Männer waren auf das Knie gesunken
Vor ihrer lieben Mutter, die nun schluchzend

 

In Thränen ausbrach, Hände rang vor Wonne
Und beide Söhne an den Busen drückte.
O meine Kinder, kann das sein, ist’s wirklich?
Da war auch ich gesunken auf die Kniee
Und dankte Gott mit thränenvollem Auge
Für’s eingetretene Dämmern der Erkenntnis.
Umarmt Euch Beide, Kinder, sprach die Frau,
Die wie verwandelt dastand, ganz verklärt
Und herrlich schön und ohne Leidensfurchen
In ragend starker kräftiger Gestalt.
Der Bruder stürzt sich an das Herz des Bruders,
Sie halten fest sich mit dem Arm umschlungen,
Glückselig schauend einander in die Augen.
Da schmiegt die Mutter sich an’s Haupt der Kinder,
Der beiden Brüder, drückt sie an ihr Herz
Und ihre Lippen fliegen stumm beglückt
Vom Mund des Aelteren hin zum Jüngeren.
So fliehen hin die Stunden; Mutter, Söhne,
Sie konnten sich nicht lassen, nicht sich trennen,
Bis röthlich hell im Osten Morgendämm’rung
Des neuen Tags die Seligen erhellte.
Wie gleicht ihr doch dem Vater, liebe Kinder!
Sprach jetzt das Weib, und blickte in die Augen
Der beiden Söhne, die sie fest umschlungen
Noch hielt und koste und mit Küssen herzte.
Du lieber Erstgeborner bist wie er,
In der Gestalt und Riesenkraft des Körpers;
Wie ihm strahlt Dir das Auge dunkel, männlich
Im Vollbewusstsein Deiner grossen Macht.
Das Haar nur bleichte sich bei Dir im Norden;
Schwarz war es noch, als Du ein kleines Knäblein
Auf meinem Schosse spieltest, ich Dich wiegte,

 

In Schlummer sang mit meinen alten Liedern.
Doch Du, mein Jüngster, gleichst ihm nur in Farbe,
Allein Dein Blick, Dein Lächeln, Deine Sprache,
Die Form der Glieder, des Gesichtes Ausdruck,
Hast Du von mir, mein vielgeliebtes Kind!
Von ihm hast Du den Muth, die Tapferkeit,
Auch das Lebendige, Wilde, Ungestüme,
Die Lust am Kampf und an dem Spiel der Waffen.
Wohl hast Du mich seit lange schon vergessen,
Denn als ein Säugling an der Mutter Brust
Entriss mir Dich der unglückselige Wahn
Sehr bald nach Deinem Bruder, der nicht lange
Gelassen ward bei der unseligen Mutter.
O sähe heut’ der Vater diese Stunde
Und theilte mit uns uns’re Seligkeit!
Der Vater, riefen fragend die zwei Männer?
Nie sah’n wir ihn, nie hörten wir den Namen.
O Mutter sprich, sag’, wie war er genannt?
Sein Name sei’s, der mich mit meinem Bruder
Durch Wissens Macht auf ewig neu verbinde.
Ein grosser Held war er, sagte die Frau,
In deren Auge heller Stolz entbrannte;
Und auf die Schultern ihrer beiden Söhne
Legt sie die Hände siegreich triumphirend.
Er war der Gründer der Stadt Babylon,
War König aller Könige, ein Herrscher;
Sein Geist regierte diese ganze Welt,
Soweit wir Kunde haben ihrer Grenzen.
Bezwungen hat allein er alle Völker,
Hat sie erzogen, gab ihnen Gesetze;
Er drückte mächtig allen Nationen
Den Stempel auf seines gewaltigen Geistes.

 

Er war gewaltig auch vor Gott, wie Keiner,
Ein grosser Jäger vor dem Herrn, ein Held,
Der Ahnherr war er aller Könige,
Die Stadt, die er gegründet, Babylon,
Sie ward die Mutter aller Länder, Völker,
An ihrer Brust entstand die Weltgesittung!
Den Namen, Mutter, nenn’ den Namen, riefen
Sie liebevoll bedrängend beide Kinder!
So hört mich an, sprach stolz das jüdische Weib:
Von dem ihr Blut und Fleisch seid, liebe Kinder,
Der mir Euch gab, der hehrste aller Helden,
War Sohn des Kusch, der Erb’ und Ebenbild
Von Sem war, dem das Dasein ich verdanke.
So hört mich wohl; denn Nimrod war sein Name!
Vor trat jetzt Henoch, gibt sich zu erkennen.
Sie huldigen zu Drei dem greisen Vater
Und küssen seine Hände, weil er gnädig
Durch Wissens Licht die Finsternis zerstreute;
Denn durch das Licht, das aus dem Ring entströmte,
War klar geworden ihnen auf einmal,
Ganz plötzlich und von selbst die volle Wahrheit:
Dass sie blos darum blinder Wahn bethörte,
So dass der Blutverwandtschaft sie vergassen,
Weil sie verlassen hatten jenen Glauben,
Der Henoch’s heil’ger, wahrer Glaube war,
Die Sittenlehre, welche nur zwei Sätze
Und keine and’re kennt und kennen konnte:
Gott lieben über alles, und wie sich selbst den
Weil nur Unwissenheit, die man Avidya nennt, Nächsten,
Der Sinne Lug und Trug und Maya’s Lügenschleier
Vorspiegelt, dass ein Unterschied bestehe
Zwischen dem ich und dem, der nicht ich ist.

 

Als Erste raffte sich die Jüdin auf,
Denn immer vorwärts ist der Rasse Losung,
Bereit zu jeder Transformation,
Die jeder Fortschritt im Gefolge hat.
Sie löst das Tuch vom Kopfe, wirft es von sich
Und alle alten Vorurtheile mit.
Nun steht sie da, in grossartiger Schönheit,
Und blüht so jung, so frisch, so lebensfroh.
Die Hände reicht sie ihren beiden Söhnen
Und spricht, indem sie sich zu Henoch wendet:
Wir haben schwer gebüsst, weil wir gesündigt,
Weil wir uns trennten einst von Deinem Glauben,
Dem ureinfachen, heiligen, ewigen,
Hinzugefügt ihm und ihn ausgesponnen.
Ich war die Erste, welche los mich trennte
Und riss die Anderen mit in das Verderben.
Den Weg, den ich ging, gingen diese Kinder
Und mit den Kindern dann die ganze Welt.
Die Erste kehr’ ich nun zu Dir zurücke,
Und bringe mit mir die, die ich verführte.
Zu Deinem Gotte wenden wir die Schritte,
In Liebe und in Eintracht wohl belehrt,
Und schwören, nie und nimmer abzulenken!
“Wir schwören es” so riefen auch die Männer
Und hoben hoch die Hand zum Schwüre auf.
Dann segnet sie der Greis, der jetzt verschwindet.
Das Licht des ersten Strahls der jungen Sonne,
Die aufgeht jetzt im fernen Oriente,
Fällt auf die Gruppe der Beseligten,
Die nun dahinziehn, wandelnd neue Wege,
Entgegengehend dem hellsten Sonnenlicht.
Da tönten schallend Jubelhallelujah:

 

Von Schmerzen frei sei alles, was da athmet,
Ehre Gott in der Höh’, den Menschen Friede!
Da hörte ich, wie alte Tempel barsten,
Sah Engel fliegen, die Kanonen brachen;
In Trümmer flogen Schwerter, Bajonette,
Der Friedensgöttin Reich war angebrochen,
Der Gott des Krieges hatte ausgerungen.
Und auch das Thier, dem er die Macht gegeben.
Und welches lästerte den höchsten Gott
Durch lange Reihen von Jahrhunderten —
Sechshundertsechsundsechzig ist die Zahl,
Welche das Thier, das scheussliche, bezeichnet —
Ich sah und hörte, wie es seinen Rachen
Noch einmal aufthat und mit einem Fluche,
Dem grässlichsten von allen, giftig zischend
Für immer tauchte in den Meeresgrund.
Und ich verstand den Namen dieses Thieres,
Den Sinn der Zahl, er lautet: “Fanatismus”!
Von ihm ward heut befreit die ganze Menschheit
In dieser schönen heiligen Nacht Al-Kadr.
Ich war erwacht und blickte nochmals forschend
Zur Stelle, wo so Grosses sich ereignet,
Und sah ein Lamm friedlich mit einem Wolfe
Gleichzeitig trinken von der Henochsquelle.

 

Das Wesen
des Antisemitismus
von
Dr. Heinrich Graf Coudenhove.
Motto:
Justitia praecipit parcere omnibus,
consulere generi hominum,
suum cuique reddere, sacra,
publica, aliena non tangere.
Cicero. De Republ. iii. 12.
Berlin
Verlag von S. Calvary & Co.
1901.
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