Graf Coudenhove

Bouguereau


“Selig sind, die dursten nach der Gerechtigkeit”, sagt der Heiland in der Bergpredigt, dem höchsten Gesetze für alle Zeiten, alle Völker, alle Menschen. Diesem Gesetze bin ich in diesem Werke gefolgt, mein Zweck dabei ist ausschliesslich, durch die Gerechtigkeit auch gegen Israel zur Friedfertigkeit — einem anderen Gebote der Bergpredigt — nach Massgabe meiner schwachen Kräfte beizutragen. Ich weiss wohl, welche Schwierigkeiten sich einem derartigen Versuche entgegenthürmen. Wer über die Juden nur das Geringste sagt und schreibt, das nicht ungünstig lautet, wird gleich als Jude und Freimaurer verschrieen. Doch bei mir wird dieses Mittel nichts nützen. In meinem Stammbaum findet sich nicht die geringste Spur jüdischen Blutes. Wäre dies aber der Fall, so würde ich dies nicht nur nicht verschweigen, sondern es geradezu freudigst bekennen, weil ich stolz wäre auf eine mögliche Stammverwandtschaft mit den heiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandert sind. Auch bin und war ich nie Freimaurer; als Officier und Diplomat hätte ich es meines Eides wegen nie werden können; auch wäre es mir überhaupt nie eingefallen, mich durch Schwüre an Unbekanntes zu fesseln. Ich bin ein arbeitendes Mitglied der katholischen Kirche, die ich für die beste aller Religionsgesellschaften halte, die existiren und je existirt haben. Dass sie die beste von allen ist, lässt sich auf einem einzigen Wege, aber einem sicheren, weil er sich auf Zahlen gründet, nicht etwa blos logisch, sondern mathematisch beweisen. Es lässt sich nämlich mathematisch demonstriren, dass nirgends ausserhalb der katholischen Kirche so viele Thaten der Nächstenliebe, des Mitleids, des Erbarmens verübt werden und worden sind, wie innerhalb derselben. Was die katholischen Priester, Mönche, die Klosterfrauen, die canonisirten und nichtcanonisirten Heiligen dieser Confession in der Nächstenliebe leisten und geleistet und zwar ohne Unterbrechung seit Jahrhunderten und überall in der Welt, auch gegen leidende Andersgläubige und Ungetaufte, das steht ausser Concurrenz. Keine andere Religionsgesellschaft kann annähernd Aehnliches aufweisen. Zwar bin ich überzeugt, dass viele Gläubige in anderen Religionen ganz dieselben Mitleidsthaten geleistet haben, aber nie und nimmer deren Gesammtheit in dieser Zahl und Masse, in dieser Proportion. Dem kann von keinem besonnenen Menschen widersprochen werden. Gegen Zahlen muss alles verstummen. Aus diesem Grunde ist die römisch-katholische Religionsgesellschaft bei Weitem die beste von allen. Was von liberaler Seite gegen die römische Kirche geschrieben worden ist unter dem Titel: “Inquisition, Religionskriege, Hexenprozesse, Ketzergerichte, Kampf gegen moderne Aufklärung und Wissenschaft, Intoleranz, Fanatismus”, kann den Ocean ihrer Thaten des Mitleids gegen die arme leidende Menschheit nie und nimmer aufwiegen. Der geehrte Leser möge entschuldigen, wenn ich mich veranlasst gefühlt habe, von meiner Person zu sprechen. Wer aber das orthodoxe Publikum kennt, der wird begreifen, dass diese Bemerkung für die Sache geradezu nothwendig war. Auch muss ich noch bemerken, dass aus dem Umstände, dass ich hier vielfach Citate aus aufgeklärten Schriftstellern anführen musste, noch keineswegs folgt, dass meine unmassgebende Meinung mit der ihrigen identisch ist Das ist zwar ganz selbstverständlich, aber es kann nie schaden, es noch ausdrücklich hervorzuheben.
Sapienti sat.

Schloss Ronsperg in Böhmen, Februar 1901.
Vorwort.
Das Wesen des Antisemitismus
von Dr. Heinrich Graf Coudenhove.
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2 thoughts on “Graf Coudenhove

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