Ende

Kunst und Poesie erklären ja nicht die Welt, sie stellen sie dar. Sie brauchen nichts, was über sie hinausweist. Sie sind selbst ein Ziel. Ein gutes Gedicht ist nicht dazu da, die Welt zu verbessern – es ist selbst ein Stück verbesserte Welt, es braucht daher keine Botschaft. Dieses Hinstarren auf die Botschaft (moralisch, religiös, politisch, sozial usw.) ist eine unselige Erfindung der Literaturprofessoren und Essayisten, die sonst nicht wüssten, worüber sie schreiben und schwätzen sollten. Die Stücke Shakespeares, die Odyssee, Tausendundeine Nacht, der Don Quixote– die größten Werke der Literatur haben keine Botschaft. Sie beweisen oder widerlegen nichts. Sie sind etwas, wie ein Berg oder ein Meer oder eine tödliche Wüste oder ein Apfelbaum.

Man pflanzt nicht nur einen Baum, um Äpfel davon zu haben, sondern ein Baum ist einfach schön, und es ist so wichtig, dass er das ist, nicht nur, weil er zu et was nütze ist. Und so ist das, was viele Schriftsteller, nicht viele, aber doch einige Schriftsteller und Künstler, versuchen, nämlich einfach etwas zu schaffen, was dann  da ist und was gemeinsamer Besitz der Menschheit werden kann – einfach, weil es gut ist, dass es da ist.

Daraus resultiert für mich einfach, dass wir ein Gegengewicht schaffen müssen, dass es wieder etwas geben muss, was seinem Wesen nach unerklärbar ist. Das ist kein Rätsel, sondern ein Geheimnis, ein Mysterium. Man kann es erfassen, indem man sich selbst innerlich in diesem Mysterium verwandelt. Man muss sozusagen mit Leib und Seele eintauchen in das Mysterium, um auf eine ganz andere Art zu verstehen, nicht auf eine rationale Art.

Michael Ende

momo-ende

Niemand schien zu merken, daß er, indem er Zeit sparte, in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Keiner wollte wahrhaben, daß sein Leben immer gleichförmiger und immer kälter wurde. Deutlich zu fühlen bekamen es die Kinder, denn auch für sie hatte jetzt keiner mehr Zeit. Aber Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, desto weniger hatten sie.

Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot.

»Wann bist du denn geboren?«
Momo überlegte und sagte schließlich: »Soweit ich mich erinnern kann, war ich immer schon da.«

Man darf nie an die ganze Strasse denken, verstehst du? Man muss nur an den  nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.  Und immer wieder nur an den nächsten“…“Dann macht es Freude; das ist wirklich  wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.

Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.

Es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke (…), wo es sich ergibt, dass alle Dinge und Wesen, bis zu den fernsten Sternen hinauf, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, sodass etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen große Dinge.

Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann.

Momo, oder, die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte.

Mein Verleger Hansjörg Weitbrecht weilte für 14 Tage in meinem Landhaus in der römischen Campagna zu Besuch. Eines Abends am Feuer des Kamins und nach einigen Flaschen guten Weines meinte er streng, es sei endlich an der Zeit, dass ich wieder einmal ein Buch schriebe. Ich solle ihm doch einmal aus meinen vorrätigen Ideen erzählen. Nun habe ich tatsächlich einen Zettelkasten, einen alten Schuhkarton, in den ich alle Notizen zu Einfällen stecke, die mir bei irgendeiner Gelegenheit gekommen sind. Ich holte also den Karton und las einen Zettel nach dem anderen vor. Schließlich geriet ich zu einem, auf dem stand nur: »Ein Junge gerät beim Lesen eines Buches buchstäblich in die Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus.« Weiß der Teufel, warum und wo ich den geschrieben hatte. Der Verleger horchte auf und meinte (wenn auch schon mit etwas schwerer Zunge): »Das hört sich gut an. Du solltest die machen.« Ich erwiderte zögernd, dass meiner Ansicht nach in diesem Plot nicht viel drinstecke und dass man daraus höchstens eine Hundert-Seiten-Geschichte machen könne. »Um so besser«, meinte Weitbrecht, »dann schreibst du endlich auch mal ein Buch, das nicht so schrecklich dick ist.« Meine Bücher waren nämlich nach Ansicht aller meiner Verleger – auch der ausländischen – im mer zu dick und schreckten deshalb die Leser ab. Nun, diese Meinung hat sich ja inzwischen geändert.

Ich ließ mich einfach ganz absichtslos von einem Satz zum anderen, von einem Einfall zum nächsten führen. So entdeckte ich das Schreiben als ein Abenteuer. Und als ich endlich, etwa zehn Monate später, den letzten Satz schrieb, lag ein dickes Manuskript vor mir.

Fuchur

Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen. Und es gibt  Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du. Und die machen beide Welten gesund.

Atreju: Aber warum geht Fantasien dann zugrunde?
Gmork: Weil die Menschen anfangen, ihre Träume zu vergessen, ihre Hoffnungen zu verlieren. So wird das Nichts immer stärker.
Atreju: Was ist denn das Nichts?
Gmork: Es ist die Leere, die zurückbleibt, eine Art Verzweiflung. Sie zerstört unsere Welt. Und ich habe versucht, dem Nichts zu helfen.
Atreju: Weswegen?
Gmork: Weil man Menschen, die ohne Hoffnung sind, leichter unter Kontrolle halten kann. Und wer die Welt unter Kontrolle hält, der hat die Macht.

Die unendliche Geschichte

Man schreibt, weil einem zum Thema etwas einfällt, und nicht, weil man die Absicht oder den Drang verspürt, dem Publikum eine wichtige weltanschauliche Lehre zu erteilen. Aber natürlich hängt das, wozu einem etwas einfällt, mit dem Welt- und Anschaubild zusammen, das man sich gebildet hat. Nur ist es mir nie gelungen alles, was in meinem Kopf vorgeht, auch unter einen Hut zu kriegen. Ich habe kein philosophisches System, das mir auf jede Frage eine Antwort bereithält, keine Weltanschauung, die fertig ist – ich bin immer unterwegs. Es gibt zwar einige Konstanten, die sozusagen im Zentrum stehen, aber nach den Rändern hin ist alles offen und vage. Eigentlich habe ich niemals für irgendein Publikum geschrieben, sondern alles ist ein Gespräch mit Gott, in dem ich ihn nicht um irgendetwas bitte (da ich annehme, er weiß sowieso, was wir brauchen, und wenn er’s uns nicht gibt, dann aus gutem Grund), sondern um ihm zu erzählen, wie es ist, ein unzulänglicher Mensch unter unzulänglichen Menschen zu sein. Ich denke, das könnte ihn interessieren, da es eine Erfahrung ist, die er nicht gemacht haben kann.

Warum die Insel übrigens Lummerland hieß und nicht irgendwie anders, wusste kein Mensch. Aber sicherlich wird das eines Tages erforscht werden.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s