Chiffren

Der Kopf sehnt sich nach Luft,
Der Leib nach Boden,
Das Herz nach Feuer.

Dem Menschen dürstet es aber nach Wasser.

Zara | Curiosophy

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Auf dem Grunde unserer philosophischen Vergewisserung des Umgreifenden verstehen wir auch besser die großen Seinslehren und Metaphysiken der Jahrtausende vom Feuer, von der Materie, vom Geist, vom Weltprozeß usw. Denn sie waren in der Tat nicht erschöpft von einem gegenständlichen Wissen, als das sie sich oft verstanden und als das sie durchweg falsch sind, sondern sie waren eine Chifferschrift des Seins, aus der Gegenwart des Umgreifenden von den Philosophen zur Selbst- und Seinserhellung entworfen — und dann alsbald fälschlich für ein bestimmtes Objektsein als das eigentliche Sein gehalten. Wenn wir uns in den Erscheinungen der Welt bewegen, werden wir uns bewußt, daß Sein selbst weder in dem immer verengenden Gegenstand, noch in dem Horizont unserer immer beschränkten Welt als der Gesamtheit der Erscheinungen zu haben, sondern allein in dem Umgreifenden, das über alle Gegenstände und Horizonte hinaus, hinaus über die Subjekt-Objekt-Spaltung ist.

Wenn wir durch die philosophische Grundoperation des Umgreifenden innegeworden sind, so fallen die anfänglich aufgezählten Metaphysiken, alle jene vermeintlidien Seinserkenntnisse dahin, sobald sie irgendein noch so großes und wesentliches Seiendes in der Welt für das Sein selbst halten wollten. Aber sie sind die einzige uns mögliche Sprache, wenn wir hinausdringen über alles Seiende in Gegenständen, Gedachtheiten, Welthorizonten, über alle Erscheinungen, um das Sein selbst zu erblicken. Denn dieses Ziel erreichen wir nicht, indem wir die Welt verlassen, es sei denn in der inkommunikablen Mystik. Nur im deutlichen, gegenständlichen Wissen kann unser Bewußtsein hell bleiben. Nur in ihm kann es im Erfahren seiner Grenzen durch das, was an der Grenze fühlbar ist, seinen Gehalt empfangen. Im Darüberhinaus-Denken bleiben wir immer zugleich darin. Indem uns die Erscheinung durchsichtig wird, bleiben wir an sie gebannt. Durch Metaphysik hören wir das Umgreifende der Transzendenz. Wir verstehen diese Metaphysik als Chifferschrift. Aber wir verfehlen ihren Sinn, wenn wir in den unverbindlichen ästhetischen Genuß dieser Gedanken verfallen. Denn ihr Gehalt zeigt sich uns nur, wenn wir die Wirklichkeit in der Chiffer hören. Und wir hören nur aus der Wirklichkeit unserer Existenz, nicht aus dem bloßen Verstande, der vielmehr hier überall keinen Sinn zu sehen meint. Aber wir dürfen erst recht nicht die Chiffer (das Symbol) der Wirklichkeit für leibhaftige Realität halten wie die Dinge, die wir fassen, mit denen wir hantieren und die wir verzehren. Das Objekt als solches für eigentliches Sein zu halten, das ist das Wesen aller Dogmatik, und die Symbole als materielle Leibhaftigkeit für real zu halten, ist insbesondere das Wesen des Aberglaubens. Denn Aberglaube ist Fesselung an das Objekt, Glaube ist Gründung im Umgreifenden.

Und nun die letzte, methodologische Folge der Vergewisserung des Umgreifenden: Das Bewußtsein der Gebrochenheit unseres philosophischen Denkens. Erdenken wir das Umgreifende in philosophischer Ausarbeitung, so machen wir doch wieder zum Gegenstand, was seinem Wesen nach nicht Gegenstand ist. Daher ist der ständige Vorbehalt nötig, das Gesagte als gegenständlichen Inhalt rückgängig zu machen, um dadurch jenes Innewerden des Umgreifenden zu gewinnen, das nicht Ergebnis einer Forschung als nunmehr aufsagbarer Inhalt ist, sondern eine Haltung unseres Bewußtseins. Nicht mein Wissen, sondern mein Selbstbewußtsein wird anders. Das aber ist nun der Grundzug alles eigentlichen Philosophierens. Im Medium des gegenständlich bestimmten Denkens und nur in ihm erfolgt der Aufschwung des Menschen in das Umgreifende. Er bringt zur Wirksamkeit im Bewußtsein den Grund unseres Daseins im Sein selbst, die Führung von da, die Grundstimmung, die Sinngebung unseres Lebens und Tuns. Er löst uns aus den Fesseln des bestimmten Denkens, indem er dieses nicht etwa preisgibt, sondern bis zum Äußersten treibt. Er läßt in dem allgemeinen philosophischen Gedanken die Flanke offen für seine Verwirklichung in unserer Gegenwärtigkeit. Damit Sein für uns sei, ist Bedingung, daß das Sein in der Spaltung von Subjekt und Objekt durch Erfahrung auch für die Seele gegenwärtig wird. Daher der Drang in uns zur Klarheit. Alles nur dunkel Gegenwärtige soll in gegenständlicher Gestalt und aus dem Wesen des sich erfüllenden Ichs ergriffen werden. Auch das Sein selbst, das Allbegründende, das Unbedingte will in der Form der Gegenständlichkeit vor Augen stehen, wenn auch in einer Form, die, weil als Gegenständlichkeit unangemessen, sich wieder zertrümmert und in der Zerstörung die reine Klarheit der Gegenwart des Umgreifenden hinterläßt.

Das Bewußtwerden der Subjekt-Objekt-Spaltung als Grundtatbestand unseres denkenden Daseins und des Umgreifenden, das in ihm gegenwärtig wird, bringt uns erst die Freiheit des Philosophierens. Der Gedanke löst uns aus jedem Seienden. Er zwingt uns zur Umkehr aus jeder Sackgasse einer Verfestigung. Es ist ein uns gleichsam umwendender Gedanke. Der Verlust der Absolutheit der Dinge und der gegenständlichen Erkenntnistheorie heißt dem, der darin seinen Halt besaß, Nihilismus. Für alles, was durch Sprache und Gegenständlichkeit seine Bestimmtheit und damit Endlichkeit gewinnt, schwindet der ausschließende Anspruch, Wirklichkeit und Wahrheit zu sein. Unser philosophisches Denken geht durch diesen Nihilismus, der vielmehr die Befreiung zum eigentlichen Sein ist. Durch eine Wiedergeburt unseres Wesens im Philosophieren erwächst der je begrenzte Sinn und Wert aller endlichen Dinge, wird die Unumgänglichkeit der Wege durch sie hindurch gewiß, aber wird zugleich der Grund gewonnen, aus dem erst der freie Umgang mit diesen Dingen möglich ist. Der Sturz aus den Festigkeiten, die doch trügerisch waren, wird Schwebenkönnen – was Abgrund schien, wird Raum der Freiheit – das scheinbare Nichts verwandelt sich in das, woraus das eigentliche Sein zu uns spricht.

Einführung in die Philosophie, Das Umgreifende
Karl Jaspers († 1969 in Basel)
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