Ordo ab Chao

warDie Krise ist die des Patriarchats, was bedeutet, dass sie eine historische Tiefe von einigen Jahrtausenden hat und entsprechend mehr beinhaltet, als die von ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Dazu gehört ein neuer, viel weiterer und umfassenderer Patriarchatsbegriff und von da ausgehend auch ein neuer Begriff der Moderne, der Neuzeit und des Kapitalismus, inklusive Sozialismus, als jüngste Vergangenheit und Gegenwart: Es ist ein modernes bzw. kapitalistisches Patriarchat als Weltsystem, das heute scheitert. Es geht hier nicht um ein allgemeines Krisen-Gefasel, sondern um den Versuch, zu verstehen, warum die Krise systematisch an die Lebensbedingungen als solche geht, und zwar überall auf der Erde, ja an diese selbst.

Das utopische patriarchale Projekt einer Schöpfung aus Zerstörung bzw. der Zerstörung durch eine sogenannte ´Neu-Schöpfung´ folgt einer perversen, alchemistischen Logik, die aber mit Heils- und Erlösungserwartungen verbunden ist: Die Vernichtung des Gegebenen und Geborenen wird ausgeblendet und ist kollektiv unbewusst. Man schaut nur auf das Gemachte. Die Zerstörung der Welt ist aber kein Irrtum, sondern gewollt, weil sie als Voraussetzung für eine so genannte ´bessere Welt´ angesehen wird. Dieses Ziel wird mit aller Rationalität verfolgt. Das ist die patriarchale und spezifisch moderne Irrationalität.

Die meisten bisherigen Bewegungen und Ansätze gehen dagegen von einer in dieser Dimension ungewollten Krise aus und begegnen ihr wiederum mit Verbesserungsvorschlägen, Reformen und Neuzusammensetzungen, und tun so, als ob der Aufbau einer wiederum besseren Welt ohne die gleichzeitig laufende Abschaffung patriarchalen Wollens, Fühlens, Denkens und Handelns bzw. des Patriarchats als System möglich wäre. Patriarchat ist ein bewusst gewollter, organisierter und inzwischen globaler Krieg gegen das Leben und ist dessen Religion. Niemand vor uns hat je in so umfassend gefährdeter Zeit gelebt. Eine Antwort auf das ´Was tun?´ ist daher schon deshalb gar nicht möglich. Es gibt damit keine Erfahrungen. Alles was es bisher gab, reicht nicht aus und hat auch früher nicht ausgereicht. Es gilt daher zunächst zu erkennen, was ist. Das ist generell noch gar nicht der Fall. Dann kommen das Entsetzen, die Ohnmacht und andere Empfindungen, die hoffentlich darüber hinaus gehen. Daraus entwickelt sich vielleicht ein Handeln, das als Alleingang sicher notwendig, aber keineswegs ausreichend ist. Keiner und keine weiss heute, und kann es wissen, welchen Charakter eine Bewegung haben könnte, die sich dem globalen Wahnsinn zu widersetzen im Stande ist und dabei eine neue Zivilisation aufbaut. Einiges ist inzwischen zu ahnen. […]

Claudia von Werlhof
Vortrag aus der Reihe Ökonomia von ATTAC, im Wissensturm Linz in Innsbruck, am 14. März 2012 [14:20 – 18:00]

 

West-End: Das Scheitern der Moderne als ´kapitalistisches Patriarchat´ und die Logik der Alternativen
Der unerkannte Kern der Krise: Die Moderne als Er-Schöpfung der Welt

rapeWir gehen davon aus, dass historisch zwei grundlegend verschiedene Gesellschaftsordnungen voneinander zu unterscheiden sind, eine matriarchale und eine patriarchale. Die ältere ist die matriarchale. Sie ist geprägt vom Mutter-Kind-Zusammenhang und somit eine mütterliche Ordnung (mater arché = am Anfang die Mutter), am Leben orientiert, egalitär, friedlich, kooperativ mit umgebender Natur, spirituell mit allem Sein in Himmel und Erde verbunden und um Ausgleich von Konflikten bemüht. Der patriarchalen Ordnung geht eine Verwahrlosung der matriarchalen voraus, die u.a. durch Klimaveränderungen und dadurch ausgelöste ´katastrophische Wanderungen´ in Gang kommt. Es bilden sich Kriegerhorden, die matriarchale Gemeinschaften und schließlich Hochkulturen überfallen und erobern. Erst auf dieser Grundlage entsteht die patriarchale Ordnung (pater arché = am Anfang der Vater/Herrscher/Gott). Sie ist durch Krieg, Staatsbildung und Herrschaft als System, Religion (insbes. Monotheismus), die Unterwerfung der Frauen und ihrer Kultur, hierarchisch angeordnete soziale Klassen, Ausbeutung, Generationenkonflikte und ökologische Probleme gekennzeichnet. Innerhalb von Patriarchaten leben Reste der matriarchalen Ordnung bis heute als ´2. Kultur´ weiter. Zurzeit existieren weltweit immer noch ´lebende Matriarchate´. Die meisten sind erst durch Kolonisierung und Modernisierung zerstört worden. Eine Periodisierung patriarchaler Entwicklung lässt erkennen, dass in der Neuzeit versucht wird, durch den ´Fortschritt´ in Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie mit den Resten matriarchaler Ordnungen die im Patriarchat als störend empfundene Abhängigkeit von der Natur und den Frauen als Leben Schenkenden für immer zu überwinden. Utopisches Ziel ist das ´reine´ Patriarchat ohne matriarchale Restbezüge und unabhängig von der Natur.

Zur ´Kritischen Patriarchatstheorie´

Die Entstehungsgeschichte der Kritischen Patriarchatstheorie umfasst bis heute ca. 35 Jahre. Sie ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen, permanenten, umfassenden und systematisch über das System hinausreichenden Umdenkens. Dieses Umdenken ist aus dem Unbehagen erwachsen, welches der krasse Widerspruch zwischen akademischen Theorien und realer Welt hervorrief.

Die ´Verkehrung´ der Welt musste erst als Systematik entdeckt werden, bevor sie in allen ihren Dimensionen erkennbar wurde, und dann ein Prozess der Reversion, des erneuten Vom-Kopf-auf-die-Füße Stellens der Erkenntnis begonnen werden konnte. Das ist der Grund, warum die Kritische Patriarchatstheorie nur als interdisziplinärer Ansatz entstehen konnte und dadurch auch ein neues weitgehendes und umfassendes Paradigma darstellt. Bei dieser interdisziplinären Suche entstand im Besonderen ein neuer, erweiterter und gleichzeitig konkret anwendbarer, historisch periodisierbarer Patriarchatsbegriff, zu dem vor allem die bis dahin vernachlässigte und danach wieder ´vergessene´ Kritik der modernen Technik der 1970 und 1980er Jahre und daran anschließend eine kritische Technikgeschichte des Patriarchats anhand des Begriffs der ´Alchemie´ führten. Diese Forschungen ermöglichten es, das Patriarchat als eine religiös motivierte, utopische ´Schöpfung aus Zerstörung´ zu definieren, die sich an die Stelle der Hervorbringungen von Müttern und ´Mutter Natur´ zu setzen bestrebt ist und dabei, insbesondere in der verallgemeinerten Form des modernen ´Fortschritts´, weit über ein bloßes Herrschafts- auch zu einem Weltvernichtungs-Projekt geworden ist.

Aus der Entwicklung der Kritischen Patriarchatstheorie geht hervor, warum sie außerdem über ihren Forschungsgegenstand, das Patriarchat in allen seinen Ausprägungen, hinausgeht in eine Alternative dazu: die nicht mehr patriarchale Gesellschaft bzw. Zivilisation. Damit das möglich war, brauchte es den Bezug zur gleichzeitig entstehenden modernen Matriarchatsforschung. Denn diese erleichterte die Gegenüberstellung von patriarchaler und nicht-patriarchaler Gesellschaft als den beiden Endpunkten des Kontinuums bisheriger, oder bisher bekannter, Zivilisationen auf der Welt. Als geeigneter Maßstab für diese Unterscheidung ist vor allem die allgemeine Lebensfreundlichkeit matriarchaler Gesellschaften bis heute zu nennen, die mit der grundsätzlichen Lebensfeindlichkeit aller Patriarchate kontrastiert.

Für die Gegenwart und Zukunft ist die Kritische Patriarchatstheorie von Bedeutung, weil sie erklärt, warum es heute zu einer multiplen Zivilisationskrise der Moderne als bisher letzter ´Stufe´ in der – vor allem neuzeitlichen – Entwicklungs-Dynamik des Patriarchats gekommen ist, und zurzeit eine immer größere Zuspitzung dieser Krise in Form einer buchstäblichen Weltzerstörung stattfindet. Damit gerät zum ersten Mal das veritable Scheitern der Moderne und möglicherweise der patriarchalen Zivilisation überhaupt in den Blick.

Wenn aber die Existenz des Patriarchats heute ein oder das ´kollektive(s) Unbewusste(s)´ ist, oder dieses entscheidend prägt, dann ist das nicht so ohne weiteres aufzuheben. Ja, vielleicht geschieht das erst dann, wenn es ´zu spät´ ist, also das Scheitern der patriarchalen Zivilisation alle erreicht hat und ihnen damit ein Weiterleben auf die bisherige Weise versagt ist, oder gar die allgemeinsten Lebensgrundlagen zerstört sind. In einer solchen Situation des Zusammenbruchs kann es daher genauso gut sein, dass das Patriarchat auf einer ´niedrigeren´ Ebene gewaltsam fortgeführt wird, anstatt es überhaupt aufzugeben. Unser Anliegen muss es daher sein, bereits vorher, wenn es noch Grundlagen für den Beginn von Alternativen gibt, diese (wieder) zu entdecken und aktiv zu ihrer Belebung beizutragen. Daher haben wir uns bemüht, dies mit unseren Forschungen, unserer Tagung ´Wege in eine neue Zivilisation´ und unseren Veröffentlichungen deutlich zu machen.

Die konkreten Fragen, die wir in unseren Forschungen stellen, sind diejenigen nach den Ausprägungen von fünf zivilisatorischen Grundverhältnissen, die in jeder Phase einer Zivilisation die zentrale Rolle spielen:
1. das Naturverhältnis (Ökonomie und Technik) zwischen Kooperation in Verbundenheit und Beherrschungs-/Plünderungs-/Zerstörungsformen des Raumes der Welt,
2. das politische Verhältnis, also die gesellschaftliche Organisationsweise zwischen Egalität und Herrschaftsformen,
3. das Geschlechterverhältnis zwischen gegenseitiger Anerkennung und Unterwerfung der Frauen (ein System der Unterwerfung der Männer durch Frauen scheint es bisher nicht gegeben zu haben),
4. das Generationenverhältnis als das einer Orientierung in der Zeit zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und
5. das Transzendenzverhältnis in Form religiöser und/oder spiritueller Erfahrungen, Vorstellungen und Umgangsweisen mit dem Unsichtbaren, dem Kosmisch-Universellen, dem Tod und der Frage nach der Herkunft und Bestimmung des Lebens.

Gemeinsames Forschungsprojekt: ´Kritische Patriarchatstheorie´ und ´Zivilisationspolitik´ – Alternativen zur Herrschafts- und Transformationslogik neuzeitlicher Wissenschaft und Zivilisation
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2 thoughts on “Ordo ab Chao

  1. baselfasel says:
  2. baselfasel says:

    “[…] Because it is possible to create — creating one’s self, willing to be one’s self, as well as creating in all the innumerable daily activities (and these are two phases of the same process) — one has anxiety. One would have no anxiety if there were no possibility whatever. Now creating, actualizing one’s possibilities, always involves negative as well as positive aspects. It always involves destroying the status quo, destroying old patterns within oneself, progressively destroying what one has clung to from childhood on, and creating new and original forms and ways of living. If one does not do this, one is refusing to grow, refusing to avail himself of his possibilities; one is shirking his responsibility to himself. Hence refusal to actualize one’s possibilities brings guilt toward one’s self. But creating also means destroying the status quo of one’s environment, breaking the old forms; it means producing something new and original in human relations as well as in cultural forms (e.g., the creativity of the artist). Thus every experience of creativity has its potentiality of aggression or denial toward other persons in one’s environment or established patterns within one’s self. To put the matter figuratively, in every experience of creativity something in the past is killed that something new in the present may be born. Hence, […] guilt feeling is always a concomitant of anxiety: both are aspects of experiencing and actualizing possibility. The more creative the person, he held, the more anxiety and guilt are potentially present.”

    http://www.brainpickings.org/index.php/2013/06/19/kierkegaard-on-anxiety-and-creativity/

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