Erotik

DAS EROTISCHE WAHNGEBILDE
Lieben heißt im ernstesten Sinn: Jemanden wissen, dessen Farbe die Dinge annehmen müssen, wenn sie bis ganz zu uns gelangen wollen, so daß sie aufhören gleichgültig oder schrecklich, kalt oder hohl zu sein, und selbst die drohendsten unter ihnen, wie böse Tiere beim Eintritt in den Garten Eden, sich besänftigt uns zu Füßen strecken.

IDEALISATION
Tastet man sich an das Dunkel der menschlichen Ursprünge heran und der Menschheit Vorzeit, dann stößt man als auf die letzten erkennbaren Punkte auf religiöse Äußerungen. Das, worin ihr soeben erwachtes Bewußtsein, plötzlich einer Außenwelt gegenübergestellt, sich mit dieser zusammenschließt, ist immer in irgend einer Form der Gott. Er ist es, der die Einheit von neuem gewährleistet, aus der sich dann die unterschiedlichen Bestrebungen der beginnenden Kultur erst ergeben können. Das Bewußtwerden an sich aber ist, gegenüber der mangelhaft geweckten bloß- tierischen Selbstbesinnung, eine dermaßen hohe Lebenssteigerung, daß man begreift, wie es aus allen, sich damit plötzlich auftuenden Nöten und Hilflosigkeiten, dennoch als erste menschliche Urschöpfung eine gotthafte hob. Denn das bedeutet nichts Geringeres, als daß die entscheidende Waffe im Lebenskampf nicht mehr lediglich die rein stoffliche der vielfach an Kraft so überlegenen Tierheit war, sondern ein Phantasieakt. Nicht zwar als entwaffnende Unterschätzung des faktisch gegebenen Fremdfeindlichen, eher als seine Überschätzung ins Ungreifbare zauberstarker Wirkungen, – aber doch nur, insofern gleichzeitig auch die menschliche Kraft vertiefter sich bewußt werden fühlt: sich fühlt, als nicht gleichdeutig mit der bloßen Stofflichkeit des Sichtbaren. Und deshalb, in allem Drang der Gegnerschaft, ist der Kampf nicht mehr nur das momentane Beutesuchen, sondern, damit zugleich, auch ein Erfassen der Einheit mit dem Umlebenden, darin das Tier noch ohne weiteres wurzelt; – ein Versuch, diese Einheit im Gotthaften, Zaubererhöhten zu erfahren. Ja, noch im Blut, das vergossen, im Fleisch, das verschlungen wird, schließt der Mensch, Kräfte tauschend mit dem Feinde, etwas von einem solchen Bund, von einer religiösen Vermählung; indem er Tatsachen als vorhanden voraussetzt, doch eben damit sie als seine Zukunft setzt, feiert er, zum erstenmal hungernd und dürstend auf eine neue Weise, das Abendmahl seiner geistigen Erlösung vorweg.

EROTIK UND RELIGION
Wahrlich, eine gewaltige, granitne Welt, von der ungeheuren Lebendigkeit der innern Anlässe in das tot Beharrende hinausschleudert! Und deshalb auch ein so dauerndes Obdach Denen, die in des Daseins Unbill nach Schirm und Schutz suchen. Denn dieser Doppelcharakter bleibt freilich aller Religion: daß sie ein anderes ist in der Glut des Erlebenden wie in der Bedürftigkeit der Für-wahr-haltenden, ein anderes als Flügel wie als Krücke.

MUTTERSCHAFT
Je tiefer ein Weib in der Liebe wurzelt, zu je Persönlicherm sie darin geworden ist, desto mehr verkehrt sich die passive Ausschaltung des bloß Genußmäßigen am Sexuellen in ein Tun, eine lebendige Erfüllung und Wirkung. Sinnlichkeit und Keuschheit, Erblühen und Sichheiligen fallen in eins zusammen: in jeder höchsten Stunde der Frau ist der Mann nur der Zimmermann Marias neben einem Gott. Man könnte sagen: insofern Mannesliebe so entgegengesetzt, aktiver und partieller und ihrer eignen Entlastung bedürftiger ist, läßt sie ihn innerhalb ihrer selbst weit hülfloser werden als das Weib, das, totaler und passiver liebend, in Leib und Seele nach Raumerfüllung drängt, und einen ganzen Lebensinhalt zum Aufblühen, Aufglühen bringt, um ihn hineinzuwerfen.

[…] Hierauf beruht wohl die Hoffnungslosigkeit und Endlosigkeit von Diskussionen, in denen, ziemlich gleichberechtigt, bald die ganze Schärfe des Weibgegensatzes zum Mann geltend gemacht wird, bald grade die Überwindung davon als Fortschritt gepriesen; in denen dem Weibe hintereinander so ziemlich alle Eigenschaften, die es gibt, zu- und abgesprochen werden, so daß sie, immer mit ungefähr gleichem Recht, als Leichtsinn und Ernst, Tollheit und Nüchternheit, Unruhe und Harmonie, Laune und Tiefsinn, Klugheit und Dummheit, Zartheit und Derbheit, Erdgeist und Engel, darin auftritt. Denn in der Tat, unter den Weibbegriff fallen, aufs Einzelne besehn, ohne weiteres die unvereinbarsten Eigenschaften, – das Weib ist immer der Widerspruch selber: insofern, ihrem schöpferischen Tun nach, das Lebendige selber in ihr an seinem Werke ist.

MÄNNLICH UND WEIBLICH
Etwas Ordentliches, Tüchtiges im Mann entrüstet sich zeitweise über diese ganze Weibesart, auch Liebesart, die abwechselnd ihn verwirrt, ihm imponiert oder ihn als verächtlich berührt. So sehr man beider Übereinstimmung in Dingen der Liebe auch wünschen muß, läßt es sich dennoch wohl begreifen, daß der Mann, erfüllt von seinen eignen Leistungsansprüchen, dem retardierenden Überschwang der Frau mit einigermaßen ungeduldiger Gebärde gegenüberstehn kann.

WERTMASSE UND GRENZEN
Es macht beinah den Anspruch, die Maßstäbe und Abgrenzungen für sie von Zeit zu Zeit auch wieder zusammengeschoben und auf den Kopf gestellt zu sehn, das ursprüngliche Durcheinander hergestellt, worin sie noch nicht schön klar und übersichtlich war, aber dafür wirklichkeitsbunter. Insbesondre erscheint es notwendig, sich zu erinnern, wie sehr es sich speziell bei dem vorliegenden Thema um eine unlösbare Gesamtheit von Phänomenen handelt, von denen jeder einzelne Zug auf alle übrigen mitbezogen ist, und auch die obersten Resultate immer wieder an das unterste anknüpfen müssen. So darf man auch nicht vor dem Letzten, Höchsten stehn, was sich daran schildern läßt, ohne ihm ein sehr heiliges Recht zuzugestehn: sich niederzuneigen bis immer wieder zum Anfänglichsten noch zurück, – und um so tiefer nur, je höher es selber stieg. Als gliche es dem indischen Feigenbaum darin, der Erde Wunderbaum, dessen Astwerk seine hängenden Zweige zu Luftwurzeln umbildet, damit er, stets von neuem in ihnen den Boden berührend, lebende Tempel auf Tempel aufeinanderzugliedern vermag, an denen jede einzelne Abzweigung wieder das nächsthöhere Astwerk säulenartig stützen muß, während über allem die Krone des Mutterstammes, des Stammes aus Einer Wurzel, im Sonnenlicht rauscht.

[…] Zuständen, die hoch über das Mittelmaß hinausreichen, entschwindet das Zeitbewußtsein, die Vorstellung eines noch möglichen Nacheinander, infolge ihrer alles einheitlich und ungeheuer konzentrierenden Kraft; grade solche, sich an ihrer eignen Heftigkeit am allerraschesten verbrauchenden, deshalb vergänglichsten, Zustände sind infolgedessen wie von tiefer Ewigkeit umgeben, – und erst dieser von ihnen unabtrennbare, fast mystisch unter all dem übrigen wirkende, Akzent läßt ihr Glück selig, ihr Weh tragisch erscheinen. Zwei Menschen, die vollen Ernst machen mit diesem Vergänglich-Ewigsten, es als einzigen Maßstab an ihr Tun anlegen, keine Treue wollen als die ihres Seligseins aneinander, leben einer anbetungswürdigen Tollheit: wenn auch menschlich-schöner oft, als manche lange, echte Treue aussieht, die, unbewußt vielleicht, doch nur einer Verlustfurcht oder Lebensfurcht, einer Habgier oder Schwäche, entstammte. Sie bringen es mit allem Aufwand ihrer glühenden Farben zu einer halbfertigen Liebesskizze nur, aber mehr tiefstes Können und Vollenden kann sich darin aussprechen als in manchem ausgeführten Lebensgemälde. In solchen Fällen ist es geradezu, als sammle sich um den echten Liebesleichtsinn, angezogen von seinem kühnen Glauben, oft alles Große auch, jede Gesinnung der Zartheit und der Aufrichtigkeit, – die nur mehr eins noch fürchtet: ihre ureigene Ethik zu verletzen, weil alles, was außer ihr ist, unter ihr ist.

LEBENSBUND
Von den Höhen des Affekts aus, muß die Entwicklung, um weiterzugehen, wieder ganz unten einsetzen: in dem ihm scheinbar Entgegengesetztesten, von ihm Ablenkendsten, Absteigendsten, – im gemeinsamen Werktag am alltäglichen Leben. […]

Wenn es in jeder Eheformel irgendwie heißt: „for better and worse“, so liegt darin nicht nur ausgedrückt, auch im Ertragen des minder Angenehmen müsse sich die Liebe beweisen: es darf tatsächlich besagen, daß ganz anders als im Liebesrausch Gutes wie Schlimmes wertvoll geworden sei, verwendbar, für den Endzweck der vollen Lebensgemeinsamkeit. Und so gilt es auch für die Beziehung der zwei Menschen zueinander, daß sie gewissermaßen alles umfaßt. Fast könnte man meinen: wiederum, wie in der erotischen Verhimmelung, fänden sie sich gegenseitig in jede Gestalt, jede Wirkung hinein, die der Wunsch phantastisch eingab. Nur ist der Sinn nicht mehr derselbe, weil herausgeboren diesmal aus dem tiefsten Eingehn in die Bedürftigkeit des Wirklichen; nicht auf eine Schönfärberei am andern geht er, sondern auf eine Arbeit an sich selbst, die mit ungeahnten Kräften begabt und wandelt, wo es gilt, ihm hinzuhalten, wessen er bedürftig ist, – und, je nach dem Maß der Liebe, gibt es keine letzte Grenze da. Gatten einander sein, das kann gleichzeitig heißen: Liebende, Geschwister, Zufluchten, Ziele, Hehler, Richter, Engel, Freunde, Kinder, – mehr noch: voreinander stehen dürfen in der ganzen Nacktheit und Notdurft der Kreatur.

Lou Salomé

Die Erotik, Lou Andreas-Salomé, 1910, 64 Seiten
Wikisource: Die Erotik (Andreas-Salome)
Scribd: Andreas Salome Erotik
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