Gerechtigkeit

Der Mensch richtet gemeinhin sein Verhalten, Action und Gedanken, nach den (dem) ihn Umgebenden. Dies ist die Basis für jede Sprache und Verständlichkeit, das Erlernen fremder Reactionen, von Lauten, über Namen, zu Normen. Wenige modifizieren, alle kopieren. Ein Mensch will nicht verletzt werden; deshalb tut es ihm gut, selbst nicht zu verletzen, weil alle anderen ihn kopieren (Goldene Regel). Der Sicherheitswille konserviert alte Normen und stabilisiert damit das grundlegende Verständnis der Menschen untereinander, welches ihn bewahrt vor grösserem Chaos.

Der Entwicklungswille optimiert und kreiert immerzu neue Namen und Normen. Mit überholtem wird gebrochen. Unbewährtes Neues wird wiederum durch den Sicherheitswillen erneut zerschlagen. So basiert grundlegend jegliches, beides, Wollen auf der Zersetzung des Schwachen und der Creation von Beständigem. Dabei hat die Creation von Beständigem im Grossen Vorrang gegenüber der Zersetzung des Schwachen im Kleinen, die Zersetzung des Schwachen im Grossen aber auch Vorrang gegenüber der Creation von Beständigem im Kleinen.

Systematische, gemeinschaftliche, Revolutionen sind grösser als jegliches individuelles Schicksal; Ungerechtes im Einzelnen ist Theil der Gerechtigkeit im Ganzen, Unverständlichkeit im Zeitlichen Theil des vollständig Ewigen. Die Beständigkeit schwacher, leidender, ebenwie die Zersetzung beständiger, Individuen und Theilsysteme ist gerechtfertigt (erklärt; sind doch Rechtfertigungen und Erklärungen für uns nicht gewöhnlich dasselbe…) als Theil eines beständigeren, universelleren, verständlicheren und allgemein verträglicheren Systemes. Das Unerträgliche ist erklärt in der Auslotung des Vorzüglichen.

Hyperethik (ab S. 15), Gemeinschaftsgefühl:

Der lndividualbegriff ist relativ: das Elektron ist eine Einheit, ebenso Atom, Molekül, Zelle; der menschliche Organismus ist eine Einheit, ebenso die Erde, das Sonnen- und Milchstraßensystem, der Makrokosmos. In der Welt der Erscheinung scheint (nach dem heutigen Stande der Wissenschaft) das Elektron kleinstes gemeinsames Maß, letzte Einheit zu sein; in der Welt der Empfindung das Individuum, das Ich. In der Erscheinungswelt bildet das Individuum nur ein Glied jener großen Reihe von Einheiten, deren jede ein Komplex der vorangegangenen, ein Organ der folgenden ist; die beim Elektron beginnt, beim Kosmos endigt. Hier ist der Mensch ein Kosmos von Elektronen, eine Welt von Atomen, ein Staat von Zellen, eine Familie von Organen; zugleich aber Organ seiner Familie, Zelle der Menschheit, Atom des Sonnensystems, Elektron des Kosmos. Das lndividualgefühl ist ebenso relativ wie der korrespondierende lndividualbegriff: es kann sich beschränken auf das Ich, es kann sich aber auch ausdehnen auf einen höheren lndividualkomplex‚ in dem das Ich enthalten ist. Erweitertes Individualgefühl ist Gemeinschafsgefühl: Familiensinn, Nationalgefühl, Patriotismus, Humanität und alle übrigen Wir-Gefühle, die Gruppen verwandter Wesen in das erweiterte Ich einbeziehen. – Beim Menschen pflegt das Ichgefühl die Gemeinschaftsgefühle an Intensität zu übertreffen; es gibt hingegen Tiere, bei denen ein Gemeinschaftsgefühl stärker ist als das Ichgefühl (Ameisen, Bienen, Termiten). Wie Schopenhauer erkannt hat, fühlen sich diese Tiere mehr als Organe ihres Tierstaates, wie als selbständige Individuen. — Neben dem Individualgefühl treten bei den meisten Tieren Gemeinschaftsgefühle in Erscheinung: wo sich Eltern für ihre Jungen, Leittiere für ihre Herden opfern, beruht diese Selbstverleugnung auf überindividuellem Selbsterhaltungstrieb. Nach den Forschungsergebnissen von W. Fließ bleibt über die Geburt hinaus ein realer Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern bestehen‚ der sich in der Gleichheit des Lebensrhythmus Geburt und Tod trennen die Familienglieder nur äußerlich. Die Familie ist ein überpersönliches Individuum, dessen Selbsterhaltungstrieb der Familiensinn ist. Familiensinn ist überpersönlicher Egoismus. Nationen sind erweiterte Familien, durch Kulturgemeinschaft zusammengehalten. Auch Völker haben ihre überindividuellen Lebensgesetze, ihr Wachstum, ihre Blüte, ihren Verfall. Auch Nationalgefühl ist überindividueller Selbsterhaltungstrieb, überpersönlicher Egoismus, erweiterter Familiensinn. Gefühlsgemeinschaft mit der Menschheit ist Humanität; sie steht über dem Nationalgefühl, wie dieses über dem Familiensinn, wie Familiensinn über Egoismus; sie gipfelt in Gemeinschaftsgefühl mit der Gesamtheit aller Wesen und Dinge, dem Grundton aller Religiosität. — Neben den natürlichen Tiergemeinschaften, die in Blutsverwandtschaft wurzeln, gibt es künstliche Tiergemeinschaften, Symbiosen, die auf Interessengemeinschaft und Sympathie beruhen. Solche Symbiosen gibt es auch unter Menschen. Zu diesen Symbiosen gehören Staatsgemeinschaften, Religionsgemeinschaften, Klassengemeinschaften, Vereine: auch die Ehe ist eine künstliche Gemeinschaft. Gemeinschaftsgefühle sind übertragbar. Kindesliebe läßt sich auf Zieheltern, Elternliebe auf Ziehkinder übertragen. Die natürlichen Objekte des Gemeinschaftsinstinktes lassen sich durch künstliche Objekte ersetzen. Patriotismus ist substituiertes Nationalgefühl, Nationalgefühl oft substituierter Familiensinn. Künstliche Gemeinschaften pflegen zusammengehalten zu werden durch Gefühle, die aus natürlichen Gemeinschaften stammen. Jedes begrenzte Gemeinschaftsgefühl trägt ethisch einen Januskopf: das nach innen, dem Individuum zugekehrte Gesicht ist sittlich, das nach außen, den höheren Gemeinschaften zugekehrte, unsittlich. Dem Egoismus gegenüber ist Nationalismus sittlich, der Humanität gegenüber unsittlich: hier ist es Beschränkung, dort Erweiterung. Es ist aber unter allen Umständen sittlich, persönliche lnteressen selbstlos denen einer beliebigen Gemeinschaft unterzuordnen und zu opfern: denn es ist jedes Wir größer als das Ich. Gemeinschaftsgefühl beruht auf praktischer Objektivität. Ichgefühl beruht auf praktischer Subjektivität. Die Ich-Perspektive des Egoismus ist eng, ist beschränkt – die Wir-Perspektive des Gemeinschaftsgefühles hat den weiten Horizont bewußter oder unbewußter Weisheit. Was Weisheit im Erkennen, ist Liebe im Empfinden: Sprengung der subjektiven Enge durch Größe des Geistes, durch Größe des Herzens. Im Gemeinschaftsgefühl begegnet sich die Weisheit objektiver Weltbetrachtung mit dem Expansionsdrang einer wehen Seele mit Liebe. Im Mitgefühl wandelt sich das Ich zum Du, im Gemeinschaftsgefühl weitet sich das Ich zum Wir. Mitgefühl und Gemeinschaftsgefühl sprengen und überwinden beide den Egoismus durch Einfühlung.

Hyperethik (ab S. 18), Gerechtigkeit:

Wenn wir zwei gleichstarke Säulen nebeneinander stehen sehen‚ von denen die eine schwer belastet, die andere unbelastet ist — so fühlen wir uns in unserem Gleichgewichtsgefühl verletzt. Wenn wir zwei gieichstarke Menschen miteinander gehen sehen, von denen der eine zwei schwere Lasten trägt, der andere nichts — so fühlen wir uns in unserem Gerechtigkeitsgefülhl verletzt. Gerechtigkeitsgefühl ist eine Spezialform des allgemeinen Gleichgewichtsgefühles. Gerechtigkeit ist Gleichgewicht menschlicher Beziehungen. Symmetrie ist mit Gleichgewicht und Gerechtigkeit verwandt: wie mich ungerechte Beziehungen verletzen, gerechte befriedigen‚ so stören mich unsymmetrische, erfreuen mich symmetrische Verhältnisse. Symmetrie und Gleichgewicht sind die Symbole der Gerechtigkeit, ihr Ausdruck die Proportion. […]
Es gibt keine gerechten Zustände — es gibt nur gerechte Verhältnisse; es gibt keine absolute — es gibt nur relative Gerechtigkeit. Was nach einer Hinsicht gerecht ist, ist nach anderen Gesichtspunkten notwendig ungerecht. Es gibt keine absolute, es gibt nur relative Symmetrie, nämlich in Bezug auf eine bestimmte Symmetrale. Dieselbe Figur, die zu einer Achse symmetrisch ist, ist zu anderen Achsen unsymmetrisch. Wie die Symmetrie von der Symmetrale, so ist die Gerechtigkeit von der Gerechtigkeitsmaxime abhängig. Alle Gerechtigkeit fordert: „jedem das Seine!“ Was unter „das Seine“ jeweils verstanden wird, überläßt sie der persönlichen Meinung: hier liegt das willkürliche, das ungerechte Element aller Gerechtigkeit. — Wer gerecht sein will, ist gezwungen, sich für eine bestimmte Gerechtigkeitsmaxime zu entscheiden und diese dann gleichmäßig anzuwenden, unbeeinflußt von Ich-Beziehungen, ohne persönliche Bevorzugung und Benachteiligung. Die Wahl der Gerechtigkeitsmaxime muß frei sein von subjektiven Interessen, ebenso deren Anwendung: auch Gerechtigkeit wurzelt in Selbstlosigkeit. […]
Gerechtigkeit ist Objektivität‚ Ungerechtigkeit Subjektivität; Gerechtigkeit wertet das Mein dem Dein gleich, dem Unser unter, Ungerechtigkeit wertet das Mein höher als das Dein, höher als das Unser. Dem Mitgefühl und Gemeinschaftsgefühl liegt Gerechtigkeit, dem Egoismus und der Rücksichtslosigkeit Ungerechtigkeit zugrunde. — Gerechtigkeitssinn ist verwandt mit Gleichgewichtssinn, Ordnungssinn, Symmetriegefühl, Formensinn, Harmoniegefühl, Schönheitssinn: er ist ein ästhetischer Instinkt. Gerechtigkeit ist eine Funktion der Harmonie, der Schönheil. […]
Wie die verteilende Gerechtigkeit das menschliche Nebeneinander, so will die vergeltende Gerechtigkeit das menschliche Nacheinander ausgleichen. Vergeltende Gerechtigkeit ist zeitliche Gerechtigkeit; ihr Abbild in der Natur ist der der an Stärke dem Stoß gleich ist. Diese Gleichheit von Stoß und Gegenstoß verhält sich zum Gleichgewicht der Wage wie Rhythmus zu Symmetrie, wie vergeltende zu verteilender Gerechtigkeit. Alle verteilende Gerechtigkeit ist ein Gleichgewichtsphänomen und wurzelt in der harmonischen Weltordnung. Alle vergeltende Gerechtigkeit ist ein Reaktionsphänomen und wurzelt in der rhythmischen Weltordnung. — Rache und Dankbarkeit sind die Urgestalten vergeltender Gerechtigkeit. Rache ist verspätete Notwehr, Notwehr simultane Rache. Tiere sind dankbar und rachsüchtig. Wie es invertierten Neid gibt, gibt es auch invertierte Rache: sie äußert sich in dem Willen, begangenes Unrecht freiwillig zu sühnen. Wie Neid die subjektivierte Form verteilender Gerechtigkeit — so ist Rache die subjektivierte Form vergeltender Gerechtigkeit. Wo es keine Justiz gibt, ist Rache ein Akt der Gerechtigkeit; wo es eine objektive Justiz gibt, wird subjektive Rache ungerecht: denn Strafe ist objektivierte Rache, Belohnung objektivierte Dankbarkeit. Auch der Ausdruck der vergeltenden Gerechtigkeit ist die Proportion; hier werden Schuld und Strafe, Lust und Leid auf Grund eines bestimmten feststehenden Schlüssels zueinander in ein Verhäitnis gebracht. Die verschiedenen Vergeltungsschlüssel stehen zueinander im gleichen Widerspruch, wie die Verteilungsschlüssel. In der Wahl des Strafsatzes gibt es keine Gerechtigkeit: nur in dessen gleichmäßiger und proportionaler Anwendung. Die Strafe als Form der Gerechtigkeit steht auf schwachen Füßen; denn sie geht einerseits aus von der Freiheit des Willens, die es nicht gibt; andererseits wird niemals der Täter selbst bestraft, sondern immer eine zeitlich andere, spätere Phase desselben: die Identität zwischen Verbrecher und Delinquenten ist partiell, ist bedingt. Deshalb liegt die hauptsächliche Bedeutung der Strafe nicht in der Gerechtigkeit, die sie zu wahren vorgibt, sondern darin, daß sie die Gesellschaft vor ihren Feinden, den Verbrechern, schützt. — Die verteilende Gerechtigkeit fordert nicht bloß, daß ein Ausgleich zwischen Schuld und Strafe erfolgt sie fordert auch einen Ausgleich von Lust und Leid: alles Leid soll durch Lust, alle Lust durch Leid kompensiert werden. Hier begegnen sich verteilende und vergeltende Gerechtigkeit in der idealen Forderung, daß auf jeden Menschen die gleiche Summe von Lust resp. Leid verteilt werde. Die Folge dieser Einstellung ist, daß Lust strafbar erscheint, Leid verdienstlich; daß nicht nur Bosheit Sühne (im Diesseits oder Jenseits) fordert, sondern auch Lust; daß nicht nur Tugend dereinst Belohnung findet, sondern auch Leid. Dieser Gedankengang, der Lust zu Schuld, Leid zu Verdienst stempelt, ist ein Grundpfeiler der asketischen Religionen. 
Die Tragik alles Gerechtigkeitsstrebens liegt darin, daß es einen im Grunde hoffnungslosen Kampf gegen die ungerecht fundierte Natur darstellt. Denn Natur verteilt ihre Gaben ungerecht, läßt Gesunde neben Kranken, Genies neben Idioten, Schöne neben Häßlichen, Glückliche neben Unglücklichen leben; oft belohnt sie die Bösen, bestraft sie die Guten und ist unempfindlich gegen die menschliche Forderung nach verteilender und vergeltender Gerechtigkeit. Der Gerechte unterzieht sich der Sysiphusarbeit, die Natur selbst zu korrigieren; sein Streben ist edel, aber im Grunde hoffnungslos. Irdische Gerechtigkeit muß Bruchstück bleiben, weil die Welt auf ästhetischer, nicht auf ethischer Grundlage ruht; weil ihr Aufbau im ganzen harmonisch, im einzelnen aber ungerecht ist. — Rechtlichkeit verzichtet auf das Postulat absoluter Gerechtigkeit. Ihr handelt es sich um die Aufrichtung eines relativen Gleichgewichtssystemes aus gerechten und ungerechten Elementen und dessen Aufrechterhaltung. Solche künstliche Gleichgewichtssysteme sind die Staaten, Gesellschaften, Vertragsverhältnisse. Jede Auflehnung gegen das sogenannte Recht, das durch Objektivierung und Systematisierung gerechter und ungerechte: Normen entsteht, gefährdet das soziale Gleichgewichtssystem. Konservative Rechtlichkeit bekämpft jede Erschütterung des bestehenden, mühsam ausbalanzieren Gleichgewichtssystemes. Revolutionäre Rechtlichkeit sucht an die Stelle eines unproportionierten oder labilen Gleichgewichtssystemes ein neues, proportionierteres oder stabileres zu setzen und zu diesem Zwecke das alte System umzustoßen: denn es gibt zwar kein gerechtes System, aber es gibt gerechtere und ungerechtere Systeme. Evolutionäre Rechtlichkeit sucht, durch stetes Ausbalanzieren das bestehende System allmählich gerechter zu gestalten, ohne dabei dessen Gleichgewicht zu erschüttern. […]
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One thought on “Gerechtigkeit

  1. Julie enjoys life says:

    Überlegungen die zum Nachdenken anregen mit ersterem Thema habe ich mich selbst schon in einem Beitrag auseinander gesetzt wer bestimmt schon was richtig oder falsch ist?

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