Verschwörungstheorie

Auszug aus “Die Freimaurer”, 2000, Helmut Reinalter

Antimasonismus und Verschwörungstheorien

Geheime Gesellschaften machen Weltpolitik. Diese Feststellung findet sich in zahlreichen literarischen Werken und popularwissenschaftlichen Büchern der esoterischen Welle, die die Hintergrundkräfte der Geschichte seit der Französischen Revolution aufzeigen und ihr Wirken verdeutlichen möchten. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, daß geheime Drahtzieher am Werk sind, welche die Politik gestalten und bestimmen, und daß die Welt von konspirativen Gruppen gelenkt und gesteuert wird. Da die traumatische Erfahrung von militärischer Niederlage und Revolution, bürgerkriegsähnlichen Konflikten und Inflation im 20. Jahrhundert ein allgemeines Gefühl von Unsicherheit und Umbruch hervorrief, setzte die Suche nach möglichen Sündenböcken ein. Die Juden mußten in Verbindung mit den Freimaurern herhalten. Sie und die Logenbrüder waren für diese Rolle besonders geeignet, weil sie als privilegierte Minderheiten galten.

Für das Entstehen der These von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung war die Stellung des Judentums in der mittelalterlichen Sozialordnung von entscheidender Bedeutung. Da die Juden aus christlicher Sicht kollektiv für die Hinrichtung Jesu verantwortlich gemacht wurden, gelang ihnen auch die volle Integration in die religiös legitimierte Gesellschaft nicht. Die Folge dieser Entwicklung war, daß die in Gettos verbannten Juden sich auf Kleinhandel, Wechselgeschäft und Geldverleih konzentrierten; alles Berufe, die nach der christlichen Soziallehre nur über ein geringes Ansehen verfügten oder sogar als unchristlich galten. Auf diese Weise wurde der langsam entstehende ökonomisch-soziale Antisemitismus begünstigt, der den christlichen Antijudaismus ergänzte.

Da die in der Freimaurerei entwickelten naturrechtlich aufklärerischen Ideen die soziale und politische Emanzipation der Juden vorbereitet haben, wurden diese nach 1789 aus christlich-konservativer Sicht als Nutznießer und auch als Förderer des Emanzipationsprozesses mißtrauisch betrachtet. In einigen zeitgenössischen Darstellungen wird darauf hingewiesen, daß die Juden „nützliche Werkzeuge“ der Sekte der Illuminaten und Jakobiner waren und diese den Haß der Juden gegen die Regierungen Europas skrupellos ausnützte. Wie gut sich der überkommene Antisemitismus zur Provozierung und Steuerung von Aggressionen einsetzen ließ, belegen zahlreiche im Verlauf der gegenrevolutionären Bewegungen verschiedener Revolutionsphasen begangene antisemitische Ausschreitungen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verdichtete sich der auf die Juden bezogene Verschwörungsverdacht, so daß dieser Züge einer Zwangsneurose annahm. Viele Fakten deuten darauf hin, daß das Grundmuster der später von der rechtsradikalen Agitation aufgegriffenen These von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung bereits als Reaktion auf die Französische Revolution entwickelt wurde. Unter dem Einfluß des sozialen Wandels und Säkularisierungsprozesses der bestehenden Herrschaftsstrukturen verdichteten sich Verschwörungstheoreme gegen Freimaurer und Juden, so daß aus der Perspektive der alten Oberschichten und der Geistlichkeit sowie der durch den Industrialisierungsprozeß verunsicherten Mittel- und Unterschichten der soziale Wandel als „Verjudung des christlichen Staates“ denunziert werden konnte. Da die Juden auf diese Weise zur Chiffre der Modernität wurden und darüber hinaus wegen der noch immer sehr stark fortwirkenden christlich-mittelalterlichen Dämonologie mit unheimlichen Zügen ausgestattet werden konnten, boten sie sich in besonderer Weise an, in den Mittelpunkt der antimodernistischen und antiliberalen Verschwörungstheorie gerückt zu werden und als Sündenböcke zu fungieren.

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Antifreimaurerische Verschwörungstheorie

Es ist heute in der Forschung weitgehend unbestritten, daß die Freimaurerei einen geistigen Einfluß auf die Französische Revolution ausgeübt hat. Der gesellschaftliche Wirkungskreis bedeutender französischer Aufklärer und Revolutionäre zeigt dies deutlich. In den Logen versuchten die Anhänger der Aufklärung die gesellschaftliche Gleichheit, das Humanitätsideal und die Idee der moralischen Vervollkommnung zu verwirklichen.

Die Vorbereitung eines geistigen Klimas und einer politischen Atmosphäre, die in einem sehr komplexen Verdichtungsprozeß mehrere Ebenen der Revolution direkt betraf, lief parallel mit der Zunahme aufgeklärter, kritischer Schriften, mit der Institutionalisierung und Organisation der Aufklärung und mit einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung, die das Entstehen einer bürgerlichen, politischen Öffentlichkeit begünstigte. Die Freimaurerei war aber als aufgeklärte Organisation nie ausdrücklich revolutionär tätig. Ihr angebliches revolutionäres Wirken ist das Ergebnis der konterrevolutionären, gegenaufklärerischen Agitation und der konservativen Reaktion im Rahmen der sich langsam ausformenden ideologisch-politischen Bewegungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Daraus wurde in Überspitzung der antifreimaurerischen Propaganda ein Verschwörungssyndrom entwickelt, das bis in unsere Gegenwart wirksam geblieben ist.

Dabei tritt als auffälligste Erscheinung der weitverbreitete Glaube an eine Verschwörung hervor, die den Ausbruch der französischen Staatsumwälzung und die Verbreitung ihrer Ideen in Europa als Werk einer Gruppe von verschwörerischen Revolutionären auszulegen versuchte. Diese Komplott-Theorie von internationalem Ausmaß bot den konservativen Gegnern der radikalen Spätaufklärung und Französischen Revolution eine relativ einfache Erklärung für die Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung in Europa.

Zu ihren profiliertesten Vertretern gehörte der französische Jesuit Abbé Augustin Barruel (1741–1821), der in seiner Vorrede zu den „Denkwürdigkeiten“ (erstmals in London 1797 erschienen) die These von einer dreifachen Verschwörung entwickelte:
„1. Viele Jahre vor dieser Französischen Revolution komplottierten Menschen, die sich Philosophen nennen ließen, gegen den Gott des Evangeliums, gegen das ganze Christentum ohne Ausnahme, ohne Unterschied der protestantischen oder katholischen, der englischen oder bischöflichen Kirche. Diese Verschwörung hatte zum wesentlichen Zweck, alle Altäre Christi zu zerstören. Sie war die Verschwörung der Sophisten des Unglaubens und der Gottlosigkeit.
2. In der Schule dieser Sophisten des Unglaubens bildeten sich bald die Sophisten des Aufruhrs, und diese, indem sie mit der Verschwörung der Gottlosigkeit gegen die Altäre Christi noch die Verschwörung gegen alle Thronen der Könige verbanden, vereinigten sich mit der alten Sekte, deren Komplotte das wahre Geheimnis der höheren Grade einiger Zweige der Freimaurerei ausmachten, wo aber nur den Auserwählten der Auserwählten dieses Geheimnis ihres eingewurzelten Hasses gegen die christliche Religion und die Fürsten mitgeteilt wurde.
3. Aus den Sophisten des Unglaubens und der Empörung entstanden die Sophisten der Anarchie, und diese komplottierten nicht mehr gegen das Christentum allein, sondern gegen jede Religion, selbst gegen die natürliche; nicht bloß gegen die Könige, sondern gegen jede Regierungsform, gegen jede bürgerliche Gesellschaft und selbst gegen jede Art des Eigentums. Diese dritte Sekte vereinigte sich unter dem Namen der Illuminaten mit denen gegen Christus und gegen Christus und die Könige zugleich verschworenen Sophisten und (Frei-) Maurern. Aus dieser Koalition der Adepten der Empörung und der Adepten der Anarchie entstanden die Klubs der Jakobiner“ (zit. nach Augustin Barruel, Denkwürdigkeiten, 1. Bd.).
Barruel beschreibt drei aufeinanderfolgende Phasen einer weltweiten Verschwörung, deren Abschluß und Gipfel die Französische Revolution gewesen ist: Die erste Phase war bestimmt durch die französischen Aufklärungsdenker, die das Christentum bekämpften, die zweite wurde von den Freimaurern beherrscht, die sich gegen die Monarchie wandten, während die Illuminaten, die in der dritten Phase dominierten, jede Religion, Regierung und gesellschaftliche Ordnung in Frage gestellt haben. Die Überlegungen Barruels basierten auf mystischen Beobachtungen, irrationalen Einführungszeremonien und einer Vielfalt von echten und unechten Logengraden sowie konstruierten Genealogien, die bereits eindeutig widerlegt wurden.

[…]

Die antifreimaurerische Verschwörungstheorie, wie sie Barruel entworfen hatte, spielte auch nach der Französischen Revolution sowohl im diplomatischen Schriftverkehr als auch in der konterrevolutionären Publizistik eine wichtige Rolle, wobei vor allem auffällt, daß die Verschwörungstheoreme langsam ihre ursprünglich christliche Verbrämung verloren und zu einem politisch-innerweltlichen Kampfinstrument umgewandelt wurden. Zu diesem Zweck wurde in der Agitation zwischen den angeblich harmlosen „blauen“ Logen, d.h. zwischen den nach dem englischen System arbeitenden Johannislogen, und den staatsfeindlichen „roten“ Logen, den Hochgraden, unterschieden. Diese letzteren würden sich zur Vertilgung aller Könige, zur Herstellung der Gleichheit der Stände und der Gesellschaft der Güter verschwören. In der Metternichschen Restauration, im Vormärz, in der Revolution 1848/49 und im Kulturkampf hat sich diese Komplott-Theorie als Manipulations- und Repressionsinstrument erwiesen, da aus der Perspektive der katholischen Kirche der Liberalismus – wie vorher die Aufklärung – den Bruch mit der überkommenen Sozial- und Wertordnung ideologisch gerechtfertigt hatte und damit der Prozeß der Aushöhlung der alten Ordnungen nun als Verschwörung gegen Thron und Altar vor sich gegangen war.

Neben der „rechten“, konservativen Verschwörungstheorie gab es auch eine „linke“ Theorie, die sich schon zur Zeit der Aufklärung (um 1770) verbreitet hatte, auf rosenkreuzerische Ursprünge zurückging und im Kern behauptete, daß geheime Gesellschaften den Katholizismus ausbreiteten, wobei eine pathologische Jesuitenfurcht eine maßgebliche Rolle gespielt haben dürfte. Diese „linke“ Verschwörungstheorie wirkte bis in das 19. Jahrhundert hinein.

Die in direkter Reaktion auf die Französische Revolution voll ausgebildete und zu einem geschichtsphilosophischen System überhöhte Verschwörungstheorie ist im 19. und 20. Jahrhundert keineswegs nur von politischen Sektierern, sondern auch von gesellschaftlich und politisch relevanten Gruppen als ideologisch-politisches Kampf- und Propagandainstrument eingesetzt worden. Zu diesem Zweck mußte sie allerdings jeweils an die veränderten Konstellationen angepaßt werden. Diese ständig notwendige Aktualisierung im 19. Jahrhundert, zuerst 1830/31, dann 1848/49 und im Kulturkampf, hat nicht zuletzt auch eine Säkularisierung der Komplott-Theorie zur Folge gehabt. Ohne ihre Verweltlichung hätte sie wahrscheinlich keine Propagandawaffe des modernen Rechtsradikalismus bzw. Faschismus werden können. Damit wurde auch die Sündenbockrolle geheimer Gesellschaften verstärkt.

Die freimaurerischen Verschwörungstheoreme haben sich in der napoleonischen Zeit weiterentwickelt, meist auch mit der bewußten Verbindung zum Illuminatenorden, wobei der Illuminaten-Verdacht nun vor allem von christlich-konservativen Traditionalisten gegen die Verfechter einer aufgeklärtabsolutistischen Politik gerichtet wurde. Während die Verschwörungsthesen, die die Französische Revolution als Resultat eines Komplotts von Philosophen, Freimaurern und Illuminaten sahen, lediglich eine polemisch-ideologische Substanz hatten, schien die Verschwörungsfurcht in der Zeit der Restauration nachträglich inhaltlich bestätigt zu werden. Diese Entwicklung hatte zwangsläufig eine Verhärtung der konterrevolutionären Verschwörungstheoreme zur Folge. Illuminaten und ihre angeblichen direkten Nachfolger, besonders die Tugendbündler und die Burschenschaftler sowie der politische Geheimbund der Carbonari, gerieten in den Verdacht, die Weltherrschaft anzustreben und anzutreten. Auch Metternich hat in einer Geheimschrift und in Briefen immer wieder vor einer Verschwörung gewarnt und Gegenmaßnahmen veranlaßt.

Im 19. und 20. Jahrhundert ist die Verschwörungstheorie besonders von katholischen Geistlichen, antiliberalen Royalisten und Rechtsradikalen systematisch verwendet und die geschichtstheologischen Elemente mehr und mehr zugunsten einer weltlichen, politischen Agitation zurücktreten. So hat z.B. der Prager Advokat Eduard Emil Eckert 1852 die absurde Behauptung aufgestellt, die deutsche Reichsverfassung von 1848/49 sei von einem engeren Maurerbund den Sozialdemokraten dekretiert worden. Diese antisozialistische Komponente der Verschwörungstheorie ist dann später von einigen Jesuiten weiterentwickelt worden. So erklärte etwa der Jesuit G. M. Pachtler, daß der von dem Juden Karl Marx gegründete Sozialistenbund die „furchtbarste politische und religiöse Verschwörung in der ganzen Weltgeschichte“ darstelle. Dabei ging er davon aus, daß der gefürchtete Arbeiterbund nach der Struktur einer Freimaurerloge aufgebaut und eine Folge des verderblichen Liberalismus sei. Pachtler teilte die Meinung der antiliberalen Kräfte, der Liberalismus sei jüdisch-freimaurerisch geprägt.

Da die Anfälligkeit für Verschwörungstheoreme und Sündenbockerfindungen in Krisenzeiten sprunghaft zunahm, ist es verständlich, daß in Deutschland nach 1918 die Verschwörungstheorie eine neue Aktualität erhielt. In seinem erstmals 1919 publizierten und 1925 schon in 6. Auflage vorliegendem Werk „Weltfreimaurerei, Weltrevolution, Weltrepublik“ untersuchte Friedrich Wichtl die Weltlage nach dem Muster der Komplott-Theorie. Nach der Lektüre dieses Buches vermerkte Heinrich Himmler, damals neunzehnjährig, in sein Tagebuch: „Ein Buch, das über alles aufklärt und uns sagt, gegen wen wir zu kämpfen haben.“

Die Rolle der Juden in der Verschwörungstheorie

Seit der Zunahme des Antisemitismus im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert trat das Judentum in der Verschwörungstheorie als wesentlicher Faktor hinzu, wobei auf ältere Vorstellungen zurückgegriffen wurde: Freimaurer und Juden hätten sich gegen Deutschland verschworen, den Ersten Weltkrieg angezettelt und Deutschland durch ein freimaurerisches Diktatfriedensprogramm ruiniert – so die Kurzformel der Beschuldigung.

Die Verbindung freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung hat einen komplexen Ursprung, der hier nur umrißhaft aufgezeigt werden kann. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rückten die Juden parallel zum langsamen Emanzipationsprozeß mehr und mehr in den Mittelpunkt der vermeintlichen Verschwörung, so daß es später sogar zur Gleichsetzung, ja Austauschbarkeit der Attribute „freimaurerisch“ und „jüdisch“ kam. Für die Herausbildung der These von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung waren neben der Stellung des Judentums in der mittelalterlichen Sozialordnung vor allem die naturrechtlich-aufklärerischen Bewegungen des 18. Jahrhunderts bedeutsam, die die soziale und politische Emanzipation des Judentums eingeleitet und vorbereitet haben. Schon zur Zeit der Französischen Revolution finden sich zahlreiche Hinweise über die Juden als „nützliche Werkzeuge“ der Illuminaten und Jakobiner. Nach 1815 wurde ganz deutlich, daß Aufklärung und Säkularisierung den Konflikt zwischen Christentum und Judentum nur scheinbar aufgelöst hatten. Wohl verschwand das mehr oder weniger haßerfüllte Bewußtsein eines christlich-jüdischen Antagonismus innerhalb der religiösen Sphäre der Aufklärung, die Hexen- und Teufelsgestalten des mittelalterlichen Judenhasses aber, jetzt in weltliche Gewänder gehüllt, tauchten nach wie vor auf und beeinflußten auch die Gesellschaft und Politik vor dem Hintergrund der zunehmenden Ideologisierung, Industrialisierung und Politisierung des Vormärz.

Bereits in dieser Zeit werden in vielen Dokumenten und Broschüren die Juden nicht mehr nur als Gefolgsleute der Aufklärer und Revolutionäre gesehen, sondern nun ebenso als Drahtzieher eines auf Weltherrschaft gerichteten Komplotts. Hier entstand schon in Grundzügen die später von der antiliberalen und rechtsradikalen Agitation aufgegriffene These von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung als Reaktion auf die Französische Revolution. Als Grundmuster hieß dies am Anfang des 20. Jahrhunderts: „Die Spitze der Loge bildet Juda, die christlichen Logen sind blinde Puppen, welche von den Juden in Bewegung gesetzt werden, ohne es größtenteils zu wissen.“

Von besonderer Relevanz für das Echo solcher Theorien und für die Bündnispolitik der völkischen Bewegung gegenüber christlich-konservativen Kreisen war das 1919 erschienene und 1920 erweiterte Buch „Entente-Freimaurerei und Weltkrieg“ des Schweizers Karl Heise. Auch er griff auf die Illuminaten-Verschwörung des 18. Jahrhunderts zurück und bestätigte einen inneren Zusammenhang zwischen Loge, Großkapitalismus und Bolschewismus. Ihre Bündelung haben diese grotesken Vorstellungen in den bereits erwähnten „Protokollen der Weisen von Zion“ gefunden, die im Detail von einer weltumspannenden jüdisch-freimaurerischen Verschwörung handeln.

Die neuere Forschung sieht in den „Protokollen“ eine Variante des modernisierten und wiedererweckten dämonologischen Antisemitismus. Der Urschrift, die weltweit Verbreitung fand, lag das Buch des russischen religiösen Schriftstellers Sergej Nilus „Das Große im Kleinen und der Antichrist als nahe politische Möglichkeit“ zugrunde. Viele Historiker zweifeln heute nicht mehr, daß die „Protokolle“ im Auftrag des Auslandschefs der russischen Geheimpolizei, General Ratschkovski, in den Jahren 1897–1899 in Paris geschrieben worden sind. Die Fälschung wurde amtlich bekannt durch den von der israelitischen Kultusgemeinde initiierten Prozeß in Bern 1934/35. Kein geringerer als Alfred Rosenberg, der „Beauftragte des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“, betonte in seinen antifreimaurerischen Schriften auf der Grundlage der „Protokolle“, daß hinter der nationalen Politik als eigentlicher Lenker die „alljüdische Hochfinanz“ stehe, die sich in nationalen, philanthropischen und religiösen Weltbünden organisiert habe. Die entscheidende Frage nach dem Grund dieser von ihm diagnostizierten Lage sieht er in den „Protokollen“, die er 1923 bearbeitete und auszugsweise mit Kommentaren herausgab.

So finden sich z.B. in der vierten Sitzung Hinweise auf die Tätigkeit der Freimaurerei, die von Rosenberg als wichtige Unterstützung der jüdischen Hochfinanz gedeutet wird. In der elften Sitzung sind neben Weltherrschaftsgedanken Aussagen über jüdische Freimaurerlogen erwähnt, von denen Rosenberg besonders den in Chicago ansässigen und weltweit verbreiteten Orden „Bnai Brith“ hervorhebt, in dem neben religiösen Juden auch Zionisten saßen und der sich – nach Rosenberg – zur Unterstützung der alljüdischen Weltanleihe bekannte. In der fünfzehnten Sitzung wird auf die Durchführung der Weltrevolution bezug genommen und nochmals die Rolle der Freimaurerlogen präzisiert. Die Hauptleitung dieser Weltverschwörung saß für Rosenberg im „Bnai Brith-Orden“, der nach nationalsozialistischen Forschungen insgesamt 450 Logen umfaßte.

Auch in anderen Schriften hat Rosenberg hervorgehoben, Juden und Freimaurer seien für das materielle und seelische Chaos verantwortlich und hätten dieses verursacht. An der Spitze und hinter den Kulissen der Weltpolitik stünden Juden und Freimaurer. Jene Freimaurer, die die Weltpolitik entscheidend beeinflußten, seien in den Hochgradsystemen tätig, die jüdischen Ursprungs seien. Rosenberg war davon überzeugt, daß in allen Ländern der Welt „Delegierte der Judenschaft“ in den Logen säßen und so den „Kitt einer über die ganze Welt verbreiteten Verschwörungsgesellschaft“ bildeten.

Der Kommentar Rosenbergs zu den „Protokollen“ ist letzlich darauf ausgerichtet, zu zeigen, wie die darin getroffenen Aussagen mit der praktischen Politik der Juden übereinstimmen. Dieser für ihn äußerst bedenklichen Entwicklung setzte er abschließend ein Wort Paul de Lagardes entgegen, um die jüdische Weltverschwörung noch rechtzeitig zu verhindern:
„Deutschland muß voll deutscher Menschen und deutscher Art werden, so voll von sich wie ein Ei. Dann ist für Palästina kein Raum in ihm.“

Zu denen, die in den Machenschaften „der Weisen von Zion“ die Deutung vieler unerklärlicher Erscheinungen und Abläufe zu erkennen glaubten, gehörte nicht nur Rosenberg, sondern auch Adolf Hitler, der bekannte: „Ich habe mit wahrer Erschütterung die Protokolle der Weisen von Zion gelesen. Die gefährliche Verborgenheit des Feindes, seine Allgegenwärtigkeit.“

Der Verschwörungsmythos

So richtig Hermann Rauschnings Bemerkung war, daß die „Walze Jude und Freimaurer“ den Nationalsozialisten auch dazu diente, die Masse von Problemen abzulenken und den Kampfwillen der Anhänger wach zu halten, so kann mit solchen Funktionsbestimmungen der politische und psychologische Wirkungsmechanismus der Verschwörungstheorie nicht ausreichend erfaßt werden. Sicher ist, daß sowohl der Charakter der Freimaurerei als eines relativ leicht mystifizierbaren Geheimbundes als auch das „Körnchen Wahrheit oder Richtigkeit“, das den Verschwörungstheoremen gelegentlich – wenn auch in versteckter, verzerrter und maßlos übersteigerter Form – anhaftet, konstitutive Elemente für das Entstehen und die Wirksamkeit der Verschwörungstheorie sind. Grundvoraussetzung des ideologisch akzentuierten Komplottdenkens war die moralische Verabsolutierung einer gegebenen konkreten Sozialordnung und damit ein antiliberales Weltbild, das den sozialen Wandel dieser Ordnung und die Infragestellung überkommener Erwartungshaltungen als das illegitime und böswillige Werk dämonisierter Minderheiten hinstellte. Die Tatsache, daß die Verschwörungstheorie von einem ständisch-hierarchischen Standpunkt aus Fundamentalkritik am Gleichheitsprinzip im 18. Jahrhundert übt, erklärt den Sachverhalt, daß sie sowohl von Repräsentanten des vordemokratischen Ancien Régime als auch von antiliberalen Kräften des Rechtsradikalismus in Anspruch genommen werden konnte. Auf diese Weise entwarf die Verschwörungstheorie ein antimodernistisches Feindbild, das in Gegnerschaft zueinander stehende Konservative und Nationalsozialisten zu gemeinsamer Frontstellung gegen Liberalismus, Demokratismus und Sozialismus verband.

Die Verschwörungstheorie ist als monokausale und stereotype Ideologie erklärt worden. Die Forschung ist sich darüber hinaus weitgehend einig, daß sie ebenso Mythoscharakter aufweist. Bei der Wirkung des Verschwörungsmythos spielen neben psychologischen Faktoren (z.B. Angst) auch Projektionen eine bedeutende Rolle, denn vieles, was die Exponenten der Verschwörungstheorie den Juden und Freimaurern unterstellten, betrieben sie selbst oder strebten danach. Auch soziale Faktoren waren wichtig, weil es vor allem um die ideologische Prägung jener sozialen Gruppen geht, die besonders für den Verschwörungsmythos empfänglich waren, wie der Mittelstand mit seiner Krisenerfahrung und seinem Bindungsverlust. Schließlich sind auch noch politische Faktoren zu berücksichtigen, weil die Verschwörungstheorie bei der Werbung für bestimmte politische Ämter gezielt verwendet bzw. der Verschwörungsmythos politisch eingesetzt wurde. Diese Instrumentalisierung verweist auf die Manipulationsfunktion einer solchen Ideologie, die stets in einer bestimmten historischen Situation zum Einsatz kam. Alle diese hier erwähnten Faktoren und Gesichtspunkte müssen zudem in einem engen Wechselverhältnis zueinander gesehen werden. Es fällt aus historischer Sicht auf, daß die Verschwörungstheorie ihren Nährboden vor allem in Phasen grundlegender ideologischer und politisch-ökonomischer Verunsicherung hat. Die Komplott-Theorie erfüllt dabei eine scheinbar rationalisierende Funktion, indem sie vorgibt, für alle existentiellen Ängste und Unsicherheiten, die hinter gesellschaftlichen Ereignissen stehen können, eine einfache Erklärung bereit zu haben. Sie ist letztlich durch eine interessengeleitete und damit pseudorationale Denkstruktur gekennzeichnet, sie entspringt einem Bedürfnis nach Reduktion der komplexen Realität und vermag eine – wegen ihrer wahnhaften Übersteigerungen – gefährliche Orientierungsfunktion zu erfüllen.

Bei der Verschwörungstheorie handelt es sich nicht um ein unparteiisches Erkenntnisinstrument, sondern vielmehr um ein der Feindbestimmung dienendes ideologisch-politisches Werkzeug. Da die Verschwörungstheorie zur Voraussetzung hat, daß eine kleine Minorität die große Mehrheit manipulieren und den Geschichtsprozeß in entscheidender Weise beeinflussen kann, mußten dieser Minderheit zwangsläufig übermenschliche Fähigkeiten angedichtet werden, wobei die schon fast pathologische Züge tragenden Angstvisionen vom drohenden Umsturz jeglicher Ordnung in eine Dämonisierung der Freimaurerei ausartete. In diesem Zusammenhang spielt die christlich-mittelalterliche Dämonologie eine wichtige Rolle, die für die spezifische Ausprägung des Verschwörungsdenkens eine konstitutive Bedeutung hat. Unter Herabsetzung moralischer Hemmschwellen soll die Hoffnung geweckt werden, daß durch die gezielte Ausschaltung dieser „bösen“ Kräfte der soziale Organismus geheilt werden könne. Diese Vorgehensweise ist in den heutigen Verschwörungstheorien noch immer bestimmend, wie die Kommentare und Bücher zur Freimaurerei, zu den Geheimbünden wie „P2“ und zu elitären Klubs oder Zirkeln belegen.

Zur Wirkungsgeschichte der Freimaurerei

Über die Wirkungsgeschichte der Freimaurerei im gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß seit der frühen Neuzeit gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen. Die Gründe dafür liegen in der Tatsache, daß sich ein direkter Einfluß der Freimaurerei auf Staat, Politik und Gesellschaft nur schwer nachweisen läßt. Die Gegner der Freimaurer haben den schwer faßbaren Einfluß immer dämonisiert und als politische Macht mißverstanden. Eine einigermaßen seriöse und realistische Einschätzung der gesellschaftlichen Wirkung der Freimaurer muß sich in erster Linie auf die Selbstbildung als Personen und die Kongruenz ihres Selbsterziehungsprogramms sowie ihrer Ziele mit den wesentlichen Denkströmungen der jeweiligen Zeit beziehen. Die Personen (Mitglieder) kamen aus verschiedenen beruflichen Bereichen und rekrutierten sich in der Gründungs- und Aufstiegsphase der Freimaurerei vorwiegend aus dem Adel, der Geistlichkeit und dem gehobenen Bürgertum, während untere Schichten weitgehend ausgeklammert blieben. Erst viel später hat die Freimaurerei auch Angehörige des Kleinbürgertums aufgenommen.

Die Forschung hat weitgehend anerkannt, daß der Freimaurerei bei der Auflösung der frühneuzeitlichen Dogmen, in der Aufklärung und Säkularisierung sowie in den bürgerlichen Revolutionen, insbesondere in der Französischen Revolution, eine Rolle zukam. Es war zweifelsohne keine tragende Funktion, doch die freimaurerischen Ideen der Humanität und Toleranz waren in den geistesgeschichtlichen und politischen Entwicklungen bedeutsam. Wenn die Freimaurerei zwar nicht als Beweger und Auslöser in Erscheinung trat, dann zumindest als Ermutiger und Verstärker, wie chemische Katalysatoren. Ein konkretes Beispiel zum komplexen Zusammenhang zwischen Freimaurerei und Revolution soll diese Funktion verdeutlichen. Die Logen in der Spätaufklärung und am Beginn der Französischen Revolution waren weder Zentren der Konspiration noch ideologische Kommissionen oder Generalstäbe des Umsturzes, sondern in erster Linie Treffpunkte, Diskussionsrunden und Kommunikationszentren, Orte des persönlichen Kontaktes, Umschlagplätze für Ideen und Schriften, Anlaufstellen und Transmissionen für die Ideen der Aufklärung und der Revolution. Insofern war die Freimaurerei mit ihren Ideen und Handlungsweisen bei der geistigen Vorbereitung von gesellschaftlichen Entwicklungen durch das kulturelle, humanitäre und ethische Engagement ihrer Mitglieder beteiligt, insbesondere dann, wenn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Gegensatz zu den freimaurerischen, humanitär-ethischen Anliegen standen.

Diese hier erwähnte katalysatorische Wirkung läßt sich im Zusammenhang mit wichtigen historischen Entwicklungen wie der Aufklärung, der westlichen Demokratien, der Herausbildung des modernen Parlamentarismus und des Sozialstaates wenigstens ansatzweise feststellen. Die Freimaurerei trat auch immer für die Verbreitung der Menschenrechte und für den Weltfrieden ein und war in diesem Bemühen nicht erfolglos. Heute arbeitet sie an einer Weiterentwicklung ihrer zentralen Ideen wie Humanität, Aufklärung und Toleranz. Dabei geht es um die Entwicklung einer „reflexiven“ Aufklärung, einer symbiotischen Toleranz und eines neuen Humanismus. Es besteht innerhalb der Freimaurerei ein Minimalkonsens (trotz eines breiten Raumes an individuellen Einstellungen), daß die neu formulierten Grundsätze der Freimaurerei auch heute eine wichtige Aufgabe haben.

Die geistige Situation der Zeit könnte man mit der Formulierung „die rationale Ordnung und ihre Gegenwelten“ (Michel Foucault, Max Weber, Cornelia Klinger) charakterisieren. Unter dem sich verdichtenden Eindruck, daß die Epoche der Moderne in absehbarer Zukunft ihrem Ende entgegengeht, werden heute auch in der Freimaurerei verstärkte Anstrengungen zu ihrer theoretischen Erfassung unternommen. Dabei werden vorrangig Modernisierung bzw. Modernität mit dem Prozeß der Rationalisierung aller Gesellschafts- und Wissensbereiche identifiziert. Diesen Vorgängen stehen gegenläufige Tendenzen gegenüber. Bei der Bestimmung des Ortes der Freimaurerei im Spannungsfeld zwischen Moderne und Postmoderne bieten sich vier Modelle an. Das entscheidende Kriterium ist dabei die Frage, wie das Verhältnis konzipiert wird zwischen den Bereichen, die als Hauptstrom der Modernisierung gelten, und jenen, die als Gegenströmungen aufgefaßt werden können. Auf dieser Grundlage kann man von einem Externalisierungskonzept, einem Ausdifferenzierungskonzept, einem Kompensations- und einem Korrelationskonzept sprechen.

Am einfachsten und zugleich am problematischsten ist die Ansicht, daß es sich bei Gegenbewegungen zur Moderne entweder um Restbestände einer vormodernen Lebens- und Gesellschaftsordnung handelt, die durch den Modernisierungsprozeß allmählich vernichtet werden, oder – ganz entgegengesetzt – um Ansätze zu einer künftigen Überwindung der Moderne (Postmoderne).

Mit dem, was hier Ausdifferenzierungskonzept genannt wird, vollzieht sich ein erster Schritt in Richtung auf eine Anerkennung der Zugehörigkeit von Gegenströmungen zum Modernisierungsprozeß. Es wird dabei anerkannt, daß bestimmte Phänomene, wie Subjektivismus und Gefühlskultur oder eine nostalgische Hinwendung zur Natur und Vergangenheit, überhaupt erst auf der Grundlage der Moderne entstehen können und somit als deren eigene Resultate anzusehen sind. Das dezentrierte Weltverständnis eröffnet auf der einen Seite die Möglichkeit eines kognitiv versachlichten Umgangs mit der Welt der interpersonalen Beziehungen; auf der anderen Seite bietet es die Möglichkeit eines von Imperativen der Versachlichung freigesetzten Subjektivismus im Umgang mit einer individualisierten Bedürfnisnatur. In diesem Sinne nennt Max Weber drei Gruppen von Wertsphären, die zusammen den Komplex moderner Rationalität bilden und die sich im Prozeß der Moderne ausdifferenzieren und autonom entwickeln. Neben den Komplex der kognitiven Rationalität von (Natur-)Wissenschaft und Technik und den Komplex der evaluativen Rationalität von Naturrecht und (protestantischer) Ethik stellt er die ästhetisch-expressive Rationalität als dritten Bereich. Aktiv vorangetrieben wird der Prozeß der Moderne durch die Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Industrie sowie durch die Entfaltung rationaler Verwaltungs- und Rechtspraktiken und entsprechender Wert- und Verhaltensnormen. Die Tendenz heute geht in Richtung einer Akzentverschiebung von der Betrachtung des zweckrationalen zu der des wertrationalen Handlungssystems. Es wird die Bedeutung der praktischen Vernunft für den Prozeß der Moderne gegenüber der instrumentellen Vernunft (Dialektik der Aufklärung) hervorgehoben.

Es ist sinnvoll, das Gegensatzverhältnis zwischen der modernen Welt und den exterritorialen Orten einer ästhetischen oder erotischen Weltflucht als Funktionszusammenhang aufzufassen. Ist dies der Fall, dann geht das Ausdifferenzierungsmodell in das Komplementaritäts- oder Kompensationsmodell über. Dabei geht man davon aus, daß es bestimmte Bereiche gibt, die nicht derselben Logik folgen, die in Wissenschaft und Technik, Wirtschaft und Gesellschaft, Recht und Politik wirksam ist. Somit stehen sie dem Konzept von Rationalität und dem Prozeß der Moderne zwar entgegen, aber nicht außerhalb und jenseits der Welt, sondern als andersartige Orte innerhalb derselben, innerhalb eines entgegengesetzte Pole umgreifenden Zusammenhangs. Es wird davon ausgegangen, daß jene Gegenpole all das sind oder haben, was die anderen Wertsphären nicht sind oder nicht besitzen, so daß sie sich komplementär zueinander verhalten. Das auffallendste Merkmal des Kompensationskonzepts liegt in der modernitätskritischen Grundhaltung bei gleichzeitig unvermindertem Festhalten an der Überzeugung der Unvermeidlichkeit und sogar der Überlegenheit der Moderne als Rationalisierungsprozeß. Die Idee der Komplementarität ist stark freimaurerisch orientiert.

Da, wo der Aspekt der bewußten und aktiven Verweigerung der Kompensationsleistung in den Vordergrund rückt, gelangen wir zum vierten Modell, nämlich zum Verhältnis zwischen dem Rationalisierungsprozeß und seinen Gegenströmungen. Dieses Konzept ist für die geistige Arbeit der Freimaurerei besonders fruchtbar, weil es anzeigt, daß hier nicht mehr der Gegensatz, sondern die Entsprechung zwischen den verschiedenen Wertsphären der Moderne in das Zentrum rückt. Hier sollte auch der Ort der Freimaurerei sein. Den Ausgangspunkt bildet die Tatsache, daß die aus dem Modernisierungsprozeß ausgegrenzten und ihm zum Zwecke seines Ausgleichs entgegengesetzten Bereiche auf Dauer unvermeidbar und unübersehbar ihre eigene subsystemspezifische Modernität entwickeln. Im Bereich der Ästhetik bedeutet dies z.B. die Herausbildung einer Formensprache, die die Konflikte, die „Zerrissenheit“ der modernen Welt abbildet bzw. sie reflektierend sogar noch verschärft. Jürgen Habermas setzt an die Stelle der von ihm als Irrweg abgelehnten Aufhebung der Kunst die „lebensorientierende Kraft“ der Kunst. Er spricht von einer ästhetischen Erfahrung, die nicht primär in Geschmacksurteile umgesetzt wird, sondern „für die Aufhellung einer lebensgeschichtlichen Situation genutzt und auf Lebensprobleme“ bezogen wird. Die drei kulturellen Wertsphären müssen an entsprechende Handlungssysteme so angeschlossen werden, daß eine nach Geltungsansprüchen spezialisierte Wissensproduktion und -vermittlung garantiert ist. Das von Expertenkulturen entwickelte kognitive Potential soll seinerseits an die kommunikative Alltagspraxis weitergeleitet werden. Dies wäre, anders formuliert, das Projekt der „reflexiven“ Aufklärung im Sinne einer nie abschließbaren Aufgabe. und entsprechend einzuordnen. Im Grundverständnis der Freimaurerei würde dies die Zusammenführung der verschiedenen Dimensionen des Menschen bedeuten: die rationale kognitive Struktur, die Gefühle, Emotionen und Sensibilitäten. Die Reichweite gesellschaftlichen Handelns (auch über den einzelnen) hat sich erheblich ausgedehnt. Folglich stellen sich Fragen nach Einheit, Ganzheit und Sinn nicht mehr nur traditionell, was Mensch und Gesellschaft vorgegeben ist und was es zu entdecken und zu erkennen gilt, sondern auch als etwas, das durch die Gesellschaft und über den einzelnen bestimmt und geschaffen werden kann. Dies könnte ein Ansatzpunkt für gesellschaftspolitisch aktive Freimaurer sein, der für das 21. Jahrhundert weitergedacht und konkretisiert werden müßte.

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