Gegenseitiges Verständnis oder Psychologische Einsamkeit

Es ist nun eine betrübliche, aber nichtsdestoweniger ungemein häufige Tatsache, daß die beiden Typen sehr schlecht aufeinander zu sprechen sind. Diese Tatsache wird jedem, der dieses Problem erforscht, ohne weiteres auffallen. Sie rührt davon her, daß die psychischen Werte gerade gegensätzlich lokalisiert sind. Der Introvertierte sieht alles, was ihm irgendwie wertvoll ist, im Subjekt, der Extravertierte dagegen im Objekt; und umgekehrt erscheint dem introvertierten die Abhängigkeit vom Objekt als das Allerminderwertigste, dem Extravertierten dagegen die Beschäftigung mit dem Subjekt, die er nur als infantilen Autoerotismus verstehen kann. Kein Wunder daher, wenn sich die beiden Typen bekämpfen. Das hindert aber nicht, daß der Mann in der Mehrzahl der Fälle wahrscheinlich eine Frau vom entgegengesetzten Typus heiratet. Solche Ehen sind als psychologische Symbiosen sehr wertvoll, solange die Partner es nicht versuchen, sich gegenseitig “psychologisch” zu verstehen. Eine solche Phase gehört wohl zu den normalen Entwicklungserscheinungen jeder Ehe, wo die Gatten entweder über die nötige Muße oder den nötigen Entwicklungsdrang, oder gar über beides zugleich verfügen mitsamt einer gehörigen Dosis Mut, den ehelichen Frieden in die Brüche gehen zu lassen. Wenn es, wie gesagt, die Gunst der Umstände erlaubt, so tritt diese Phase im Leben beider Typen ganz automatisch ein, und zwar aus folgenden Gründen: Der Typus ist eine Einseitigkeit der Entwicklung. Der eine entwickelt nur seine Beziehungen nach außen und vernachlässigt sein Inneres. Der andere entwickelt sich nur nach innen und bleibt äußerlich stehen; mit der Zeit aber entsteht die Notwendigkeit für das Individuum, auch das bisher Vernachlässigte zu entwickeln. […] In praxi kann man natürlich intuitiv die Existenz einer introvertierten oder extravertierten Einstellung im allgemeinen wittern, aber eine genaue wissenschaftliche Erforschung darf sich nicht mit allgemeinen Ahnungen begnügen, sondern muß sich mit dem konkret vorliegenden Material beschäftigen. Dabei macht man die Entdeckung, daß einer nicht einfach extravertiert oder introvertiert ist, sondern er ist es in Gestalt gewisser Funktionen.

C. G. Jung, Typologie, Psychologische Typen (1923)

Die Funktionen des Fühlens und Denkens, der Wahrnehmung und Intuition sind jeweils intro- oder extravertiert. Ausserdem bilden sie selbst wiederum ähnliche Gegensätze wie deren Ausrichtung. Eine primär extravertiert fühlende Person bezieht so zum Beispiel alles auf Menschen und behandelt Gedanken relativ zum daraus resultierenden Wohlergehen. Ein introvertierter Denker mag hingegen allgemein alles auf Ideen reduzieren, möglichst unabhängig von menschlichen Gegebenheiten. Eine sehr schöne Illustration menschlicher Verschiedenartigkeit findet sich in der Geschichte Narziß und Goldmund (1929) von Hermann Hesse, der sich selbst auch mit der Typologie von C. G. Jung beschäftigt hatte.

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