The Importance of Being Beautiful

»In matters of great importance, style, not sincerity, is the vital thing.«

Oscar Wilde, The Importance of Being Earnest (1895)

Hier wird der Künstler von jeder Verpflichtung entbunden, Wirklichkeit nachzuahmen; was den Künstler allein ausmache, sei vielmehr, »the creator of beautiful things« zu sein. Dieser ästhetische Imperativ befreit den Künstler auch von jedem von außen, von der Gesellschaft an ihn herangetragenen Auftrag, mit seiner Kunst bestimmten moralischen Vorstellungen dienen oder sich in irgendeiner Weise für den gesellschaftlichen Fortschritt nützlich machen zu müssen: »There is no such thing as a moral and immoral book. Books are well written, or badly written. That is all.« »No artist desires to prove anything.« »No artist has ethical sympathies.« »All art is quite useless.« Dementsprechend entführt uns Wilde in The Importance in eine hochstilisierte und hochartifizielle Kunstwelt, die gar nicht mehr vorgibt, einen realen gesellschaftlichen Raum abzubilden, wie das die »society plays« noch taten. Was zählt, ist die immanente Wohlgeformtheit, die Eleganz, das Raffinement dieser autonomen Kunstwelt. Und dementsprechend sind hier auch die moralischen Imperative der viktorianischen Welt und der sie spiegelnden realistischen Kunst – Ernst, Nützlichkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Philanthropie – aufgehoben und zu bloßen »materials« des ästhetischen Spiels neutralisiert. Diese Neutralisierung des Wirklichkeitsbezugs und des Moralischen wird zudem im Stück selbst von den Dandy-Figuren vorgelebt, die ja auch, wie wir gezeigt haben, Wirklichkeit in ein Spiel der Fiktion und Posen und ethische Normen in ästhetische auflösen.

[…] Was [George Bernard] Shaw hier als Herzlosigkeit beklagt, ist jedoch gerade das, worauf die besondere Leistung Wildes in The Importance beruht: die emotionale Selbstkontrolle des Ästhetizisten und die – um es mit Henri Bergson zu sagen – »Anästhesie des Herzens«, die das Komische in seiner Reinform sichtbar werden läßt. Kein Wunder also auch, daß Wilde, wie Shaw berichtet, von ihm enttäuscht war. Shaw, wie zahlreiche spätere Kritiker Wildes, übersah, daß die ästhetizistische Wendung gegen Realismus und Engagement in der Kunst in paradoxer Weise selbst kritisch auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogen ist. Die Kunst um ihrer selbst willen ist Kritik an einer Gesellschaft, in der alles dem Nützlichkeitsdenken unterworfen ist, alles instrumentalisiert und funktionalisiert ist; ihr Kult der Schönheit ist Protest gegen die wachsende Flut des Häßlichen, das das industriekapitalistische System immer hektischer produziert; ihre Ästheten und Dandies widersetzen sich den gesellschaftlichen Anpassungszwängen und kämpfen mit ihren Paradoxen gegen die Manipulation des Bewußtseins und der Emotionen; ihr Verzicht auf Lehre ist selbst eine Lehre, eine ideologiekritische.

Manfred Pfister, Herausgeber »The Importance of Being Earnest, A Trivial Comedy for Serious People« © 1990 Reclam

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2 thoughts on “The Importance of Being Beautiful

  1. baselfasel says:

    Wildes Ästhetizismus kann man aber auch als ironische Kritik der Oberflächlichkeit betrachten, wenn man die Ehrlichkeit mit der Schönheit gleichsetzt und sämtliche Ecken und Kanten jeglichem Perfektionsstreben einverleibt!

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